Von Nico Semsrott und Nora Große-Harmann
Viele endlose Schulstunden hocken Schüler nebeneinander im Klassenraum, bewegungslos. Nur zwei Stunden in der Woche durchbrechen sie die Schockstarre vor der Tafel. Zwei Stunden, die die Leistungshierarchie der Schüler für 90 Minuten aus den Angeln heben: der Sportunterricht.
Keine Frage, die Sportstunde ist unberechenbar. Sie wird von vielen Schülern mit Beginn der ersten Bundesjugendspiele gehasst, wenn sie sich an einem Regentag über den Aschenplatz quälen. Oder wenn sie sich im Schwimmunterricht fröstelnd am Beckenrand schämen. Und selbst Sportfreaks fühlen sich unwohl, wenn sie beim Hallensport vor 25 Augenpaaren diese peinliche Rolle vorwärts mit Strecksprung vorführen sollen.
Trotzdem soll es auch Schüler geben, die erst richtig aufblühen, wenn es nach Gymnastikmatten, Medizinbällen und Schweißfüßen riecht.
Jeder Schüler hat seine eigene Taktik, die zwei Ausnahmestunden so angenehm wie möglich zu gestalten. Die Mädchen brauchen ewig in der Umkleide. Zwei Schüler haben immer das Sportzeug vergessen. Basketball-Fans werfen schon vor Unterrichtsbeginn ein paar Körbe, bevor sie zum Bodenturnen gezwungen werden.
Und die anderen? Wie Bewegungsmuffel die Sportstunde rumkriegen und wer als letzter auf der Bank sitzt, verrät die Sportschüler-Typologie von SPIEGEL ONLINE.
Übermotiviert - die Sportskanone
Es klingelt zur Stunde - und der Supersportler mit den durchtrainierten Waden ist bereits dabei, sich warm zu joggen. Er hat die große Pause sinnvoll genutzt für einen kurzen Kniehebelauf, 50 Liegestütze und ein paar Skippings. Jetzt kann es endlich losgehen. Während seine Mitschüler missmutig schlurfend die Sporthalle betreten, hat sich die Sportskanone bereits einen Fußball geschnappt und kickt eifrig auf das an der Hallenwand hängende Tor. Ein paar Kumpels gesellen sich zu ihm, doch sie werden durch sein offensives Spiel und seine blitzartigen Bewegungen schnell entmutigt.
Nach 90 Minuten gemütlichem Ausdauertraining ist der Super-Sportler nass geschwitzt und ruft trotzdem beim Abpfiff: "Was, schon vorbei?" Natürlich hätte es ihm schlecht zu Gesicht gestanden, sich dem langsamen Tempo seiner Schüler anzupassen. Deshalb ist er den Hindernis-Parcours gleich doppelt so oft gelaufen wie seine keuchenden Klassenkameraden. Ein Training ohne Puls von 180 ist ja kein richtiges Training.
Verschüchtert - der Letzte auf der Bank
In Abwehrhaltung und mit gesenktem Blick sitzt das Opfer alleine auf der Bank. Ein missmutiges Seufzen, das zertrümmerte Brillengestell in der einen Hand, auf dem Auge eine kühlende Kompresse. Sport ist für ihn kein Schulfach, Sport ist Tortur. Jede Woche betritt das Opfer zitternd das nach altem Gummi und Schweiß riechende Schlachtfeld. Und jede Woche kann es jenes nicht verlassen, ohne vorher von umherfliegenden Bällen getroffen und von unbarmherzigen Gegnern angerempelt zu werden.
Das Opfer ist unsportlich. In der Halle des Grauens fühlt es sich wie ein schwerer Sandsack, der andauernd die Rennbahn blockiert. Kein Wunder, dass der Gepeinigte immer der letzte ist, den seine Mitschüler bei der Mannschaftswahl aufrufen - denn beim Völkerball ist er der Erste, der wieder auf der Bank sitzt. "Sport ist Mord", murmelt er dort vor sich hin und hofft, die Quälerei möge bald vorbei sein.
Großspurig - der Protzer
Mit gebräunten Schultern unterm Muskelshirt trabt der Poser wie ein balzbereiter Hengst durch die Turnhalle. Fast zwanghaft ist sein Bedürfnis, männliche Präsenz zu zeigen. Sein Territorium markiert er, indem er stolz von einer Ecke der Halle in die andere schreitet und durch machohaftes Pfeifen versucht, die Aufmerksamkeit der (weiblichen) Mitsportler auf sich zu lenken. Mit den Worten "Echt heiß hier drin" entblößt der Angeber gern seinen muskelbepackten Oberkörper.
Am Reck präsentiert der Prahlhans dann angestrengt keuchend seine Bizeps. Die akrobatische Übung mit einem Salto abschließend, erhofft er sich anerkennendes Schulterklopfen seiner Kumpel und bewundernde Blicke der Mädchen. Er merkt nicht, dass die meisten seiner Mitschüler ihn nicht ernst nehmen. Nur die dick geschminkte Tussi träumt bereits von gemeinsamen Posen auf einer Luxusyacht irgendwo in der Karibik.
Dünnhäutig - die Tussi
Angewidert rümpft sie ihr Näschen. "Die Umkleide stinkt!" Entschlossen stakst sie auf das Damenklo, verlässt es aber sofort wieder - dort müffelt es ja noch viel mehr als in der ekligen Umkleide. Beschweren und Meckern sind die zwei Lieblingssportarten der Tussi, die sie am liebsten in der wöchentlichen Sportstunde im Beisein ihrer Artgenossinnen praktiziert. In ihrer häufig angewandten Methode, sich mitten auf das Spielfeld zu stellen und gelangweilt ihre Fingernägel zu begutachten, sieht die Tussi die einzige Möglichkeit, ihr sportliches Desinteresse zu demonstrieren.
Manchmal muss sich die Geschminkte aber dennoch zur Bewegung ihres zarten Körpers durchringen - etwa dann, wenn die Sportlehrerin die Meute durch ein hartes Zirkeltraining scheucht. Hektisch betastet die Tussi alle zwei Sekunden ihre Stirn und stellt entsetzt fest: "Hilfe, ich schwitze ja! Das Make-up verläuft!" Erst am Ende der Sportstunde beweist sie hochleistungssportliche Fähigkeiten: Sie ist die Erste, die in die Umkleide sprintet und sich im Spiegel begutachtet.
Anfällig - die Simulantin
Die Simulantin sitzt eigentlich immer auf der Bank. Sie sagt zu Beginn der Sportstunde: "Ich habe meine Tage", und das manchmal vier Wochen hintereinander. Zur Abwechslung hat sie ab und zu auch einfach nur ihre Sportsachen vergessen oder leidet unter "Schwindel"-Gefühlen. Im Erfinden von Gründen, warum sie nicht am Sportunterricht teilnehmen kann, ist die Lügnerin kaum zu übertreffen.
Jede Woche hat sie eine neue Ausrede parat, um sich der körperlichen Anstrengung zu entziehen. Mit weinerlicher Stimme schaut sie demütig zur Lehrerin auf und erzählt mit schmerzverzerrtem Gesicht eine schauerliche Krankheitsgeschichte. Die Simulantin ist ebenfalls Meisterin im Attest-Fälschen. Und kennt tausend Synonyme für Bauch- und Beinweh. Dabei ist es für sie schwierig, Leidensgenossen zu finden. Manchmal sympathisiert sie mit der Tussi, einer nah verwandten Artgenossin, doch meist ist Spott das Einzige, was dieses Mädchen von ihren Mitschülern an Aufmerksamkeit bekommt.
Antriebslos - der faule Sack
Der faule Sack ist ein gemütlicher Artgenosse und praktiziert eine erstaunliche Kosten-Nutzen-Rechnung. Er ist so effizient, dass er locker in einer Bank arbeiten könnte - und ungefähr so sozial. Vor allem in Mannschaftssportarten Fußball und Basketball macht er sich unbeliebt. Er ist immer da, wo sich der Ball gerade nicht befindet. Stürmt seine Mannschaft nach vorne, trabt er gemächlich in die Abwehr. Wehrt die Mannschaft ab, begibt er sich schleichend in den Sturm.
Sein Ziel: sich so wenig wie möglich zu bewegen. "Ich geh freiwillig auf die Bank!", ruft er, wenn eine Mannschaft sonst in Überzahl spielen müsste. Sportlicher Ehrgeiz ist ihm völlig fremd, motivationslos lässt er sich durchs Leben treiben. Nur ein Mal im Jahr bewegt er sich doch, nämlich dann, wenn der Sportlehrer kurz vor der Zeugniskonferenz damit droht, aus der Vier eine Fünf zu machen. Eine Fünf in Sport ist auch dem faulen Sack peinlich, er dreht drei Stunden auf, zeigt, was er kann, und wird mit einer Vier belohnt.
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