07. September 2009, 15:55 Uhr

Jungwähler testen Wahl-O-Mat

"Ich bin rot-gelb-grün-blau"

Was soll ich bloß wählen? Der Wahl-O-Mat ist unbestechlich und kennt alle Parteiprogramme. Fünf junge Menschen machten den Test: Alle haben ihre politische Lieblingsfarbe, alle sind sicher, welche Partei überhaupt nicht in Frage kommt. Ganz sicher?

Für manche scheint ja alles klar: Die Lieblingspartei steht längst fest, andere Parteien kommen gar nicht in Frage. Diese selbstsicheren Wahlberechtigten freuen sich auf die Bundestagswahl am 27. September: Lasst uns los, lasst uns wählen, wir sind bereit!

Andererseits: Spricht ihnen die Lieblingspartei wirklich aus dem Herzen? Wer es genau wissen will, muss Wahlprogramme wälzen, muss vergleichen, genau hinsehen. Oder: Nachsehen, welches Ergebnis der Wahl-O-Mat ausspuckt.

Seit Freitag ist der Wahl-O-Mat, erstmals eingesetzt 2002, als Entscheidungshelfer für die Bundestagswahl wieder online. Eine Redaktion aus 21 Schülern, Studenten und Auszubildenden, alle zwischen 18 und 26 Jahren alt, hat sich Fragen zu Themen ausgedacht, in denen die Parteien deutlich uneins sind: Atomkraft, Bildung, Mindestlohn - insgesamt 87 Thesen wurden an große und kleine Parteien geschickt, zu denen sie sich zustimmend, ablehnend oder neutral äußern sollten.

Daraus wurden 38 Fragen entwickelt, mit denen jetzt der Wahl-O-Mat bestückt ist. Und fertig ist der Wähler-Check. Es ist ein spielerisches und doch ernsthaftes Heranpirschen an große Streitfragen der Politik. Die Meinungen der Teilnehmer werden umgemünzt in ein persönliches Ranking: Welche Partei passt wirklich zu mir?

Für den UniSPIEGEL wagten fünf junge Menschen zwischen 16 und 20 den Test: Alle haben eine Lieblingspartei, alle glauben zu wissen, welche Partei ganz sicher ihr Kreuz nicht bekommt - wirklich ganz sicher? Der Wahl-O-Mat bietet teils bittere Einsichten.

Rick Noack, 16: "Die Grünen sind naiv. Ich auch."

Rick Noack

Wahlkampf ist verwirrend. Vor allem in diesem Jahr. Die Ziele klingen alle gleich: mehr Jobs, eine schöne, heile Welt. So recht entscheiden kann ich mich nicht, wen ich wählen soll, falls ich könnte. Ich tendiere zu den Grünen. Die stehen für eine noch heilere und noch schönere Welt als all die anderen Parteien. Eine Welt ohne Klimaerwärmung, mit glücklichen Hühnern und Kühen und Ökobauern an jeder Straßenecke. Die Grünen sind naiv. Ich auch.

Der Wahl-O-Mat soll mich aufklären: Passe ich zu den Grünen? "Die Laufzeit der Atomkraftwerke soll verlängert werden." Nein! So strahlend stelle ich mir die Welt nicht schön vor. Die erste Frage beantworte ich grün. Doch dann wird es schwierig: "Die Bundeswehr soll sofort aus Afghanistan abgezogen werden." Und was soll dann mit dem Land passieren, frage ich mich. Und wähle: Nein. Erste Zweifel kommen auf. Dann erwacht mein Weltretterinstinkt doch noch: Handelsbeziehungen mit Staaten, welche die Menschenrechte nicht achten, müssen natürlich abgebrochen werden. Zu einem Tempolimit, über das sich unser Klima freuen würde, kann ich mich dann aber doch nicht durchringen.

Verwirrend. So wirklich grün scheine ich nicht zu sein, habe ich das Gefühl. Vielmehr bin ich rot-gelb-grün-blau. Das würde als Mischfarbe wohl ziemlich krank aussehen. Der Wahl-O-Mat wird mir Gewissheit geben. Doch statt mich zu beruhigen, überrascht er mich.

Die meisten Übereinstimmungen habe ich mit der Piraten-Partei, die ich bislang für eine inhaltsleere Freak-Vereinigung gehalten habe. Danach folgen die Grünen. Ich werde mir jetzt die Wahlziele der Grünen und der Piraten genau anschauen. Denn das Ergebnis hat mich zum Nachdenken gebracht. Dass ich statt grüner Bäume einen Totenkopf wählen soll, klingt skurril.

Stefan Lenz, 20: "Meine Seele ist tiefschwarz"

Stefan Lenz

Wäre schon peinlich, wenn jetzt etwas ganz anderes herauskäme. Schließlich bin ich CDU-Mitglied, und das schon seit drei Jahren. Aber der Wahl-O-Mat ist ja keine Wahlempfehlung, sondern nur ein Informationsangebot, das schreiben die Macher selbst. Also alles nicht so ernst nehmen.

Wohlgemerkt, eine Partei geht für mich gar nicht: Die Linke, die ist populistisch und geschichtsvergessen. Meine Seele ist tiefschwarz, sozusagen. Ob der Wahl-O-Mat das genauso sieht?

Durch die ersten Fragen klicke ich mich zügig durch. Manches ist ganz schön absurd. EU-Austritt? D-Mark wieder einführen? Damit wollen sie wohl die Exoten rausfischen. Ins Stocken gerate ich, als es grundsätzlich wird: "Handelsbeziehungen mit Staaten, die Menschenrechte missachten, sollen eingestellt werden." Das rufe ich dem Nachrichtensprecher im Fernsehen auch immer entgegen, wenn wieder über die Diktaturen aus aller Welt berichtet wird. Aber wollen wir das wirklich? Andere an unseren Maßstäben messen? Außerdem mal ehrlich: Wer bleibt denn dann noch als Handelspartner übrig? Mein Gott, bin ich schon zynisch. Ich nehme den Notausgang und klicke "neutral" an.

Richtig zufrieden bin ich damit nicht. Trotzdem: Weiter geht der wilde Ritt durch alle Politikfelder. Schließlich, nach immerhin 38 Fragen: Geschafft! Ging aber schneller als gedacht. Nun das Ergebnis: CDU/CSU vorne, dicht gefolgt von der FDP, die Linke weit abgeschlagen. Habe ich doch gesagt.

Ich spiele ein bisschen mit dem Wahl-O-Maten, lasse mir die Antworten verschiedener Parteien anzeigen. Piraten-Partei vor SPD. Soweit sind wir schon! Und siehe da - bei den Menschenrechten haben sich die meisten enthalten. Bin ich also nicht der Einzige.

Christina Schmitt, 20: "Demokratie ist die beste Staatsform - und anstrengend"

Henrik Iber

Freunde sagen, ich sei konservativ. Konservative Kommilitonen wiederum haben mich als "linke Socke" bezeichnet. Nur ich weiß nicht, wo ich stehe. Die Linke geht gar nicht, die CDU/CSU aber auch nicht. Die Linke will mehr Geld ausgeben für eigentlich alles - utopisch. Die schwarzen Schwesterparteien stehen mit Innenminister Schäuble für Überwachung und in den Ländern mehrheitlich für Studiengebühren. Bäh!

Auch die FDP will die Campusmaut. Die SPD? Zu uneins in den eigenen Reihen. Müsste ich jetzt mein Kreuzchen machen, würde ich wohl die Grünen wählen. Grün ist gut, grün steht für erneuerbare Energien, für die Abschaffung von Studiengebühren und: Grün ist die Wand in meinem Zimmer.

Trotzdem: Vielleicht stimme ich mit den Linken, aber auch mit der CDU/CSU mehr überein, als mir lieb ist? Auf in den Test.

Schon bei der zweiten Frage muss ich überlegen. Knifflig: Es geht um den Mindestlohn. Brechen Jobs weg, wenn er eingeführt ist? Oder ist das nur eine billige Ausrede derer, die von billigen Arbeitskräften profitieren? Jeder sollte von seiner Arbeit leben können. Also ja, der Mindestlohn soll eingeführt werden. Das Erststudium soll gebührenfrei sein? Aber ja.

Auch für das dreigliedrige Schulsystem bin ich. Eine Ausbildungsplatzgarantie für alle Jugendlichen? Wie, bitte, soll das funktionieren? Klick, klick, klick, die letzte Frage: Ist die Demokratie die beste Staatsform? Klar, wenn auch etwas anstrengend. Eigentlich hätte ich mich mehr über die konkreten Programme zur Wahl informieren müssen, wirklich sicher war ich mir mit meinen Antworten nicht.

Jetzt muss ich die Parteien auswählen, mit denen ich meine Position vergleichen will. Hoffentlich kommt bei mir nicht die Linke oder gar die NPD an die oberste Stelle. Das Ergebnis: Die Grünen stehen ganz oben, ha! Aber Moment. Platz eins belegt Punktgleich noch eine zweite Partei. Ich und FDP-Wählerin? Ich stutze - und schaue mir meine Antworten lieber noch einmal genau an.

Sonja Salzburger, 20: "Ich habe vor allem Kraftwerk im Kopf"

SPIEGEL ONLINE

Mein erstes Mal habe ich mir anders vorgestellt. Kann sich die CDU nicht ein bisschen mehr um meine Stimme bemühen? Gern würde ich sie wählen, aber im Wahlkampf spielt die CDU nicht mit. Von ihrer geheimnisvollen Kraft, die sie auf Plakaten anpreist, merke ich nichts. Ich habe derzeit vor allem Kraftwerk im Kopf - und genau an diesem Punkt hakt es zwischen mir und meiner derzeitigen Lieblingspartei. Anders als die CDU will ich Atomkraftwerke so schnell wie möglich abschalten. Den Grünen traue ich zu, dass sie das durchziehen.

Was mir der Wahl-O-Mat wohl rät?

"Die Laufzeit von Atomkraftwerken soll verlängert werden." Natürlich nicht. Als zweites wird nach der Einführung eines flächendeckenden Mindestlohns gefragt. Leider wird nicht gesagt, wie hoch der sein soll. Ich will nicht, dass jemand für 2,50 Euro die Stunde arbeiten muss. Ich stimme trotzdem zu. Bei der nächsten These wird es einfacher. Deutschland sollte aus der EU austreten. Quatsch, abgelehnt.

Am Ende kann ich Thesen, die mir besonders wichtig sind, doppelt gewichten. Ich mache mein Häkchen bei Atomkraftwerke, EU-Austritt, Studiengebühren, Sprachtests für Kinder, Menschenrechte, Kündigungsschutz und EU-Beitritt der Türkei; zur Sicherheit klicke ich noch christliche Werte an.

Schockiert starre ich auf das Ergebnis. Das kann nicht sein. Das darf nicht sein. Ich will kein Nazi sein.

Auf Platz eins stehen bei mir die Grünen. Ich stimme mit ihnen in 61 von 90 Punkten überein. Keine Überraschung. Aber auf Platz zwei steht die NPD.

Am liebsten würde ich den Wahl-O-Maten für unfähig erklären, doch meine Zuneigung zu den Grünen hat er richtig erkannt, genau wie meine Abneigung gegen die FDP. Sie liegt auf dem letzten Platz. Der Unterschied zwischen SPD und CDU ist hauchdünn, die Sozialdemokraten liegen minimal vor der CDU.

Ich habe keine Ahnung, wie sich die NPD auf den zweiten Platz schleichen konnte. Aber eines steht fest: Wählen würde ich sie niemals. Lieber eine Koalition aus FDP, Linken und Piraten als ein Stückchen Macht für Nazis.

Hannes-Caspar Petzold, 19: "Die Linke ist zu dröge"

Hannes-Caspar Petzold

Eigentlich wollte ich wählen wie schon bei der bayerischen Landtagswahl, beide Stimmen für Grün. Die Ökos sind gegen Kernenergie und machen sich stark für Volksentscheide auf Bundesebene, was ich wichtig finde. Wer für mich am 27. September nicht zur Debatte steht, ist auch klar: Christ- und Sozialdemokraten sind zu wenig zu gebrauchen, die FDP hat außer Marktradikalismus nichts zu bieten. Die Linke ist zu dröge und verbohrt, als Alternative würden nur noch die Piraten bleiben.

Der Wahl-O-Mat will wissen, ob Atomkraftwerke länger strahlen sollen. Nein, "Stimme nicht zu". Über den Mindestlohn und Afghanistan geht es weiter, bei "Deutschland soll aus der EU austreten" muss ich schmunzeln: So ein Schwachsinn, da reicht die Antwortmöglichkeit "Stimme nicht zu" eigentlich gar nicht aus.

Knifflig wird es bei der Ausbildungsplatzgarantie. Kann man Unternehmen dazu wirklich zwingen? Ich klicke lieber "neutral" an. Ob es leichter werden soll, Asyl zu erhalten? Ja. Super, dass auch so eine Frage im Katalog auftaucht. Asyl ist ein Thema, das gerne unter den Tisch fällt.

Die letzte Frage ist passé, jetzt soll ich Thesen gewichten. Es folgt das Ergebnis, und das überrascht mich keineswegs: Die Grünen liegen vorn, fast gleichauf mit den Piraten. Weit abgeschlagen die beiden Volksparteien, die Union sogar hinter der FDP.

Auch wenn der Wahl-O-Mat mir keine definitive Entscheidung gebracht hat, eine Anregung ist er auf jeden Fall. Ich werde Erst- und Zweitstimme auf die Erstplatzierten aufteilen.

Philipp Sümmermann, 20: "Glück gehabt! CDU"

Philipp Sümmermann

In der zehnten Klasse war der Wahl-O-Mat ein wunderbares Mittel, um im Politikunterricht auf die kuriosesten Kleinparteien zu stoßen. Schon damals fühlte ich mich aber dem Mitte-Rechts-Spektrum der CDU am nächsten. Jeder soll seines Glückes Schmied sein, wer aber nicht schmieden kann, soll Unterstützung erhalten. Soziale Marktwirtschaft at it's best, so meine Grundhaltung. Ansonsten bin ich wohl politischer Mainstream: ein bisschen von allem, nur nicht links. Für realitätsferne Träumereien bin ich wohl zu pragmatisch.

Als ich den Wahl-O-Maten starte, bin ich daher schon gespannt auf das Ergebnis. Und ich frage mich nach einem ersten Vertippen, wer sich diesen Namen wohl ausgedacht hat.

Die erste Frage ist noch einfach, aber schon bei der zweiten muss ich nachdenken: Einführung eines Mindestlohns. Natürlich verdient jeder einen gerechten Lohn. Gleichzeitig klingt plausibel, dass ein Mindestlohn nicht zu mehr Verdienst, sondern nur zu mehr Arbeitslosigkeit oder Schwarzarbeit führt. Bin ich neutral oder will ich die These überspringen? Neutral klingt zu sehr nach: Ist mir alles egal und interessiert mich auch nicht. Ich klicke auf "These überspringen".

Weiter geht es durch den Fragenkatalog. Sollen Handelsbeziehungen mit Staaten, die die Menschenrechte missachten, eingestellt werden? Schwierig, neutral. Wiedereinführung der D-Mark? Ausdrücklich Nein. Ist die Demokratie der Bundesrepublik die beste Staatsform? Klares Ja.

Und dann eine Überraschung, die keine ist. Glück gehabt, ich lag mit meiner Einschätzung richtig. Die CDU liegt mit etwas Abstand vorn, gefolgt von FDP und den Piraten. Die Linke verbleibt abgeschlagen. Ich kann wohl sicher zur Wahl gehen.


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