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16-jährige Regisseurin: "Ich bin ein gestörter Teenager"

Helene Hegemann mischt das Kino auf: Mit 14 schrieb sie ein Drehbuch, mit 15 verfilmte sie es, jetzt ist sie 16 - und "Torpedo" wird auf Festivals gefeiert. Im Interview verrät die Jungregisseurin, wie sie die Filmindustrie rumgekriegt hat - und was sie von anderen Jugendlichen unterscheidet.

SPIEGEL ONLINE: Das Drehbuch zu deinem Debüt-Film "Torpedo" hast du mit 14 geschrieben und feierst jetzt, mit 16, Erfolge auf Festivals. Bist du das Wunderkind des deutschen Films?

Helene Hegemann: Ich kokettiere natürlich mit meiner Minderjährigkeit. Ich kokettiere sogar damit, dass ich mit dem Jugendbonus kokettiere. Natürlich ist der Bonus praktisch, aber wenn wir ehrlich sind, zählt der Erfolg: Plötzlich werde ich da ernst genommen, wo ich in meinem Alter früher nur unangemessen und bescheuert gewirkt hätte.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist dir der Altersbonus?

Hegemann: Privat ist er mir weitestgehend egal. Ich habe mich daran gewöhnt, immer die jüngste zu sein. Irgendwann, wenn ich die nicht mehr bin, wird mich das bestimmt in eine Identitätskrise stürzen.

SPIEGEL ONLINE: Du besuchst keine normale Schule mehr, sondern machst das Abitur als Fernschülerin - du lässt dir die Unterlagen nach Hause schicken und konzentrierst dich aufs Filmemachen. Verzichtest du gerade auf ein Stück deiner Jugend?

Hegemann: Nein, ich mache, was mich interessiert. Ich wollte nicht fortwährend unter Beweis stellen, mich in meine Klasse integrieren zu können, um dann täglich von 7 bis 17 Uhr an eine Institution gebunden zu sein und ausschließlich mit halbwegs adäquaten Gleichaltrigen mein Leben zu teilen.

SPIEGEL ONLINE: Warst du eine Außenseiterin in deiner Klasse?

Hegemann: Überhaupt nicht. Aber dieses ganze kollektive, hilflose Teenager-Rumgerenne finde ich unsexy - und nicht annähernd so spannend, wie mit einem 65-Jährigen über Adorno zu diskutieren. Das Spannende daran ist nicht Adorno, sondern der Vorgang, sich in einer Erwachsenenwelt zu etablieren. Es ist doch belastend zu versuchen, Teil einer überdurchschnittlich coolen Gruppe von Jugendlichen sein zu müssen.

SPIEGEL ONLINE: Mia, die Hauptfigur deines Films "Torpedo", will sich mit 15 ebenfalls in einer Erwachsenenwelt etablieren. Sie zieht nach Berlin, als ihre Mutter stirbt ...

Hegemann: Mia zieht zu ihrer Tante und wird in den anstrengenden Prenzlauer-Berg-Snobismus katapultiert. Sie stellt fest, dass hier niemandem etwas anderes übrigbleibt, als sich ausschließlich für sich selbst zu interessieren und seinem eigenen Wahnsinn zum Opfer zu fallen. Niemand ist das, was man einen verantwortungsbewussten Erziehungsberechtigten nennt.

SPIEGEL ONLINE: Raus damit: Wie viel Helene steckt in Mia?

Hegemann: Natürlich einiges. Einerseits ist alles Realität, ich habe jede Szene in irgendeiner Form erlebt. Andererseits ist alles total verfremdet oder ausgedacht. Ich habe keine Lust, mich ununterbrochen von meinem Film und der Hauptfigur zu distanzieren - das wird seit neuestem von mir erwartet.

SPIEGEL ONLINE: Wie schwierig war es für dich, als junge Regisseurin autoritär zu deinen Schauspielern zu sein?

Hegemann: Überhaupt nicht schwierig, niemand thematisierte bei der Arbeit mein oder sein eigenes Alter. Aber ich habe auch nie die Regie-Faschistin raushängen lassen. Gerade weil ich häufig nicht eingegriffen habe oder meine Autorität unter Beweis stellen musste, sind ganz tolle Dinge geschehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hast du den Film finanziert?

Hegemann: Ich wusste die ganze Zeit, dass der Film entstehen wird. Aber es gab auch schreckliche Rückschläge: Die staatlichen Filmfinanzierungsanstalten zogen die Förderung zurück, weil sie nicht wussten, wie lange eine 15-jährige Regisseurin eigentlich arbeiten darf.

SPIEGEL ONLINE: Schauspieler unter 16 Jahren dürfen nur drei Stunden am Tag drehen.

Hegemann: Hätte ich mich an eine ähnliche Verordnung halten müssen, hätten wir den Film nicht machen können. Aber juristisch ist das eine hellgraue Zone. Da bin ich vergleichbar mit sechsjährigen Klaviervirtuosen, die zwölf Stunden täglich in einem dunklen Kämmerchen Stücke üben.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Bedenken hattest du noch zu kämpfen?

Hegemann: Das Projekt und das Buch entsprachen nicht den üblichen Vorstellungen vom jungen deutschen Film. Und normalerweise arbeiten renommierte Regisseure mit verhaltensgestörten Jugendlichen. Die Bundeskulturstiftung hat das Ganze dann als Experiment getarnt und das Prinzip umgedreht: Ein gestörter Teenager arbeitet mit renommierten Schauspielern.

Regisseurin Hegemann: "Teenager-Rumgerenne ist unsexy"
Kathrin Krottenthaler

Regisseurin Hegemann: "Teenager-Rumgerenne ist unsexy"

SPIEGEL ONLINE: Du siehst dich als gestörten Teenager?

Hegemann: Klar!

SPIEGEL ONLINE: Wie überzeugt man als gestörte Teenagerin eine Produktionsfirma?

Hegemann: Mit einem guten Drehbuch. Bestimmt spielte bei mir auch die Sensationsgier eine Rolle, weil es sich gut macht, dass ich so jung bin. Aber 15 oder 14 zu sein, das ist total einfach - ein gutes Drehbuch zu schreiben, dagegen nicht.

SPIEGEL ONLINE: Die Firma witterte die große PR-Chance?

Hegemann: Ich bin viel eher das größte Risiko, das die Firma je in Kauf genommen hat.

SPIEGEL ONLINE: Bei einem Festival hast du gesagt: "Film hat Theater abgelöst, wie die Fotografie die Bildende Kunst abgelöst hat."

Hegemann: Ja, das sind so Situationen, in denen ich mich wundere, was aus so einem Teenager alles rauskommen kann. Furchtbar. Aber ich stehe dazu. Solange es nicht um einen Abend von Regisseuren wie René Polesch, Frank Castorf oder Christoph Schlingensief geht, betrachte ich Theater als Aufrechterhaltung alter Brauchtümer. 90 Prozent der Theaterbesuche sind wirklich langweilig. Ich empfinde es als Körperverletzung. Es werden keine Fragen gestellt, sondern halb ausgegorene Antworten gegeben. Im Theater wird diese Langeweile einfach nicht in Frage gestellt.

SPIEGEL ONLINE: Harte Worte ...

Hegemann: Die Kunstform Theater wird völlig falsch aufgefasst. Man sollte es als Volksversammlung oder Rockkonzert begreifen, als einen Raum, in dem echte Menschen dabei beobachtet werden, wie sie sich spielerisch zu einem Text verhalten. Mir kommt das so vorsintflutartig vor, wie da in den meisten Fällen auf der Bühne rumgerobbt und versucht wird, mit irgendwelchen Rollen eins zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Du glaubst nicht an die Zukunft der Bühne?

Hegemann: Das Theater als Brauchtum wird es immer geben. Aber Leute in meinem Alter interessieren sich absolut nicht dafür. Ins Theater zu gehen, das gilt als uncool und out. Abgesehen von überambitionierten, Schiller lesenden Zehntklässlern mit roten Haaren gibt es niemanden, der so wirken will, als würde er sich dafür interessieren. Filme kann ich ernster nehmen. Ein schlechter Film ist auch erträglicher als ein schlechtes Theaterstück. Theater würde nur funktionieren, wenn man vorspulen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Dein Vater Carl Hegemann war immerhin Dramaturg an der Berliner Volksbühne.

Hegemann: Erstens ist die Volksbühne der einzige Ort, an dem überhaupt noch irgendetwas ernsthaft betrieben wird. Der Untergang des Theaters wird auf keinen Fall dort beginnen. Zweitens wird mein Vater sein Leben lang in seinem Beruf arbeiten, weil er gut ist.

SPIEGEL ONLINE: Hat er dich zum Filmemachen gebracht?

Hegemann: Nein, er ist in einer völlig anderen Szene unterwegs als ich. Wir sind keine Familie, in der das Kind die Metzgerei der Eltern übernimmt. Wir diskutieren zwar ununterbrochen, aber er wäre nie auf die Idee gekommen, mich mithilfe seiner Connections in einem kreativen Bereich zu verankern. Dann hätte er ausgesehen wie einer dieser ehrgeizigen Eislauf-Väter. Vermutlich werden die Leute mir meinen Vater vorwerfen, denn natürlich beeinflusst er mich, und natürlich bin ich in gewisser Weise seine Schülerin.

SPIEGEL ONLINE: Wahrscheinlich seine Lieblingsschülerin.

Hegemann: Wir verstehen uns super. Ich kam erst mit 13 zu ihm, in einer Phase, in der ich nicht mehr gegen alles, was mit meinen Eltern zu tun hat, rebelliert habe. Ohne meinen Vater hätte ich "Torpedo" nie als ernsten Lebensinhalt betrachten können. Und mir wäre nie klar geworden, dass Leute Geld verdienen können, indem sie hysterisch über eine Bühne hüpfen oder Drehbücher schreiben.

Das Interview führte Denis Demmerle

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Forum - Was soll das Theater?
insgesamt 41 Beiträge
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1.
DJ Doena 24.10.2008
Ich guck lieber Bildschirmtheater und da auch die eher längeren Stücke (so 22 Folgen á 42 Minuten). Ich hab nichts gegen Theater, aber ich wüsste ehrlich gesagt nicht mal, was die bringen und ob mich das interessieren würde.
2.
Juliane Fuchs, 24.10.2008
Zitat von sysopEs tut sich viel auf deutschen Bühnen - das aktuelle SPIEGEL-Interview mit Angela Winkler unbd Harald Schmidt thematisiert es aus Schauspielersicht. Gehen Sie gern ins Theater? Was gefällt Ihnen, was nervt? Was wünschen Sie sich vom Theater?
Zuvörderst, daß das Theater zum Respekt vor den Werken zurückfindet, von denen es lebt. Das Theater ist für die Stücke da, nicht die Stücke fürs Theater, damit es daran sein Mütchen kühle.
3.
Peter-Freimann 24.10.2008
Zitat von sysopEs tut sich viel auf deutschen Bühnen - das aktuelle SPIEGEL-Interview mit Angela Winkler unbd Harald Schmidt thematisiert es aus Schauspielersicht. Gehen Sie gern ins Theater? Was gefällt Ihnen, was nervt? Was wünschen Sie sich vom Theater?
Zunächst mal SCHLIESSEN! Nach einer gewissen Pause eine zeitgemäße, moderne und aufgeklärte Neuorientierung an den Werken, an dem Potential der Schauspieler, den Möglichkeiten des Theaters überhaupt und NICHT denen der Videoästhetiken, der Trash-TV-Formate und anderer weitaus schlichterer Konsumwelten außerhalb der Bühne. Nie wieder Regisseurtheater, denn eine angemiefte, verkorkte Selbstbespiegelung eitler ewiggestriger Kulturschaffender kann von Shakespeare bis Horvath, von Aischylos bis Dürrenmatt, niemals den Werken und einer geistigen Auseinandersetzung mit diesen gerecht werden.
4. Theater ist toll
supercat 24.10.2008
Zitat von sysopEs tut sich viel auf deutschen Bühnen - das aktuelle SPIEGEL-Interview mit Angela Winkler unbd Harald Schmidt thematisiert es aus Schauspielersicht. Gehen Sie gern ins Theater? Was gefällt Ihnen, was nervt? Was wünschen Sie sich vom Theater?
Ich gehe sehr gerne ins Theater, und ich liebe es, dabei überascht,und auch provoziert, vor den Kopf gestossen, bezaubert und berührt zu werden. Werkstreue gab es noch nie, nicht als Goethe Theaterdirektor war, nicht bei Max Reinhardt, nicht bei Gründgens, Kortner, Zadek und nicht bei Baumbauer oder Bondy. Sie ist alleine die Wunschvorstellung des Zuschauers sein eigenes Bild vom Stück, auf der Bühne verwirklicht zu sehen. Theater das bunte Kulissen, hat, hübsche Kostüme zeigt, und wo Texte nur deklamiert, und nicht gedacht und gespielt werden, war schon immer Provinziell und langweilig. Der Wunsch nach einer allein richtigen Kunst, nervt, und war nie der Nährboden von Kultur.
5.
ray05, 24.10.2008
Zitat von sysopEs tut sich viel auf deutschen Bühnen - das aktuelle SPIEGEL-Interview mit Angela Winkler unbd Harald Schmidt thematisiert es aus Schauspielersicht. Gehen Sie gern ins Theater? Was gefällt Ihnen, was nervt? Was wünschen Sie sich vom Theater?
Frage 1: Nicht mehr. Zum Schluss war mir völlig unklar geworden, was der ganze Mummenschanz zu bedeuten hat. Frage 2: Es gab mal eine Faustaufführung in den Kammerspielen; da lief ein nackiges Nummerngirl mit ihrer Nummerntafel quer über die Bühne, vor jeder Szene. Das hat mir gefallen. Genervt hat, dass zwischendurch auch andere Leute auf der Bühne standen, sogar der Teufel! Fast wär ich aufgesprungen und hätte dem eine geklebt! Frage 3: Ich wünsch mir nichts vom Theater; die haben doch eh kein Geld, mir was zu schenken, oder?
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