17-jähriges Filmtalent: Liebe, Drama, Sellerie

Mit einem Kurzfilm auf YouTube rührt der 17-jährige Joshua Beattie Hunderttausende zu Tränen. Blogger feiern ihn als nächstes großes Regietalent. Im Interview spricht der australische Schüler übers Erwachsenwerden, Liebeskummer - und verrät, was Sellerie damit zu tun hat.

Ennui Pictures

"Liebe Claire, wahrscheinlich wirst du das hier niemals lesen", beginnt Hauptfigur Sonny einen Brief an seine frühere Freundin. Er schreibt ihr, um ein Jahr nach der Trennung endlich darüber hinwegzukommen. In einem anderen Universum, so Sonny, wäre am 15. Februar vielleicht alles anders gelaufen, sie hätten diesen Streit nicht gehabt, Claire wäre nicht wütend aus dem Haus gestürmt, hätte nicht die Kopfhörer... Aber schauen Sie selbst - im Video oben.

Mehr als 400.000 YouTube-Nutzer haben "To Claire; From Sonny" bisher angeklickt. Joshua Beattie, Highschool-Schüler aus Brisbane, hat das Drehbuch für die traurige Liebesgeschichte geschrieben und gemeinsam mit ein paar Freunden das Video produziert.

Am vergangenen Freitag erhielt Joshua die Nachricht, dass er Newcomer-Preise gewonnen hat, dotiert mit umgerechnet rund 58.000 Euro in Form eines Stipendiums einer privaten Filmhochschule in Queensland. Sein Film räumte beim Kurzfilmwettbewerb für Schüler ab in den Kategorien "Bestes Drama" und "Bester Filmemacher insgesamt". Er könnte "platzen vor Freude", schrieb der Schüler bei Facebook.

SPIEGEL ONLINE: Dein Kurzfilm "To Claire; From Sonny" erzählt von einer tragischen Liebe. Hat er einen wahren Hintergrund?

Beattie: Zum Glück nicht. Aber er könnte, denn solche Geschichten passieren jeden Tag. Mein Ziel war es, Liebe auf realistische Weise zu zeigen, nicht als Zauberei. Die einzelnen Teile der Handlung setzen sich erst nach und nach zusammen. Ich wollte einen Film drehen, der auf den zweiten Blick mehr Sinn ergibt als auf den ersten.

SPIEGEL ONLINE: Für einen 17-jährigen Schüler hast du dir ein ungewöhnlich erwachsenes Thema ausgesucht.

Beattie: Als ich das Drehbuch geschrieben habe, hatte ich Angst, dass ich zu jung und unerfahren sein könnte, um eine solche Geschichte respektvoll und realistisch genug zu erzählen. Aber viele ältere Leute, die eine ähnliche Erfahrung gemacht haben, sagten mir, sie könnten sich gut in die Hauptperson hineinfühlen.

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Kurzfilmtalent: 17-jähriger Australier landet YouTube-Erfolg
SPIEGEL ONLINE: Wie kam es überhaupt dazu, dass du den Kurzfilm gedreht hast?

Beattie: Seit drei Jahren habe ich Film als Hauptfach in der Schule. "To Claire; From Sonny" war eine Projektarbeit in der zwölften Klasse. Der Dreh selbst hat drei Tage gedauert, dann habe ich wochenlang geschnitten, die Musik eingespielt und den Text eingesprochen. Für die Schule musste ich die Entstehung des Films dokumentieren und werde dafür auch noch eine Note bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Wissen deine Lehrer, dass der Film online so einen Erfolg hat?

Beattie: Ja. Sie wollten unbedingt, dass ich ihn wieder aus dem Netz nehme. Denn wenn der Film auf YouTube zu sehen ist, darf ich ihn bei einigen Filmfestivals nicht einreichen. Mir ist es aber wichtiger, dass viele Leute im Internet darauf stoßen. Wenn der Kurzfilm ihnen gefällt, dann ist das viel mehr wert, als wenn er in einer Schublade liegt und vielleicht irgendeinen glitzernden Preis gewinnt.

SPIEGEL ONLINE: In vielen Kommentaren im Internet schreiben Nutzer, dein Video habe sie zum Weinen gebracht hat. Wie fühlt sich das an?

Beattie: Das ist beeindruckend und cool. Eigentlich ist YouTube eine Plattform, auf der man 20 Sekunden lang ein Video anguckt und dann zum nächsten weiterklickt, um unterhalten zu werden. Es ist ein großes Kompliment, dass die Leute sich auf einen siebenminütigen Film einlassen.

SPIEGEL ONLINE: Deine Hauptfigur Sonny wirkt in manchen Szenen sehr erwachsen, in anderen noch wie ein Kind. Was willst du damit ausdrücken?

Beattie: Als Jugendlicher denkt man sehr viel nach. Die Pubertät ist die Zeit, in der man sich selbst findet und erwachsen wird. Das zeigt sich oft in kleinen Dingen. "To Claire; From Sonny" ist voll von solchen Details. Zum Beispiel in der Szene, in der Sonny über seine neue Freundin sagt: "Einen anderen Menschen kennenzulernen, ist, wie in ein fremdes Land zu ziehen, in dem man die Sprache nicht versteht. Unheimlich. Und sie isst freiwillig Sellerie!"

SPIEGEL ONLINE: Warum ausgerechnet Sellerie?

Beattie: Ich hasse Sellerie. Er riecht und schmeckt so ekelhaft! Ich glaube, viele Leute mögen den Film, weil sie sich in Sonny hineinversetzen können. Um das zu schaffen, habe ich Eigenschaften von mir, meinen Freunden und meinen Eltern einfließen lassen. So wie den Hass auf Sellerie.

SPIEGEL ONLINE: Mittlerweile haben mehr als 400.000 User deinen Film gesehen. Hast du versucht, ihn durch soziale Netzwerke bekannt zu machen?

Beattie: Überhaupt nicht. Eigentlich habe ich ihn nur ins Internet gestellt, damit ein paar Freunde ihn sehen können, die die Vorführung in der Schule verpasst haben. Dass er sich so schnell verbreitet hat, war eine Überraschung. Inzwischen bekomme ich E-Mails von Leuten mit Fragen zum Film, bearbeite die YouTube-Seite und checke den Facebook-Account. Aber wir haben es nicht darauf angelegt. Der Link wurde einfach weitergeschickt von Freunden, Freunden von Freunden, Freunden von Freunden von Freunden…

SPIEGEL ONLINE: Und dann ist die Blogosphäre auf dich aufmerksam geworden. Im Technologie-Blog TechCrunch wird dir schon eine große Zukunft als Regisseur vorhergesagt.

Beattie: Viele Leute träumen davon, der nächste Steven Spielberg oder Alfred Hitchcock zu sein. Es ist natürlich schmeichelhaft, dass Leute an mich glauben, die mich überhaupt nicht kennen. Aber ich bin mir noch gar nicht sicher, ob ich Regisseur werden will. Mein Traum ist es, die Musik für Videospiele zu schreiben.

SPIEGEL ONLINE: Stammt die Musik in "To Claire; From Sonny" auch von dir?

Beattie: Ich habe alles selbst geschrieben. Das Musikstück am Anfang des Videos singt der Schulchor meiner kleinen Schwester. Ich hatte nur eine Stunde, um den Kindern das Stück beizubringen. Für die Ballade am Ende haben einige Freunde und ich die Instrumente nacheinander mit einem ganz normalen Kondensatormikrofon aufgenommen. Hinterher habe ich die einzelnen Spuren auf meinem Laptop zusammengefügt.

SPIEGEL ONLINE: Also braucht man gar keine teure Ausrüstung, um einen erfolgreichen Kurzfilm zu produzieren?

Beattie: Nein. Wenn jemand Künstler werden möchte und Angst hat vor der großen weiten Welt, dann sollte er wissen, dass ihn nichts aufhalten kann. Wir glauben viel zu oft, dass wir auf irgendeinen reichen Typen in einem schicken Anzug angewiesen sind, der unser Talent entdeckt. Das stimmt nicht. Falls ich eines Tages in der Filmbranche Karriere mache, kann ich darauf zurückblicken, womit alles begann: mit einer einfachen Kamera, einem Laptop, meinen Freunden und viel Begeisterung.

Das Interview führte Kathrin Breer

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insgesamt 13 Beiträge
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1. Schön
louvainman 30.11.2010
Zitat von sysopMit einem Kurzfilm auf YouTube rührt der 17-jährige Joshua Beattie Hunderttausende zu Tränen. Blogger feiern ihn als nächstes großes Regietalent. Im Interview spricht der australische Schüler über Erwachsenwerden, Liebeskummer - und verrät, was Sellerie damit zu tun hat. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,729841,00.html
In der Tat ein sehr rührender Film, mit schöner selbst komponierten Musik... Chapeau!
2. Bravo
avollmer 30.11.2010
Einfach gut.
3. ärgerlich...
fingerkino 30.11.2010
wenn man schon nicht auf das youtube-video verlinkt (warum auch immer) und unbedingt im eigenen player zeigen will, dann kann man doch wenigstens darauf achten, das format beizubehalten. der film ist auf SPON links und rechts abgeschnitten und dem regisseur werden die views genommen. naja.
4. Ein grosses Talent
Arnie 30.11.2010
Danke fuer diesen netten Artikel. Ein wirklich gutes Talent. Nur weiter so Joshua ...
5.
sajuz 30.11.2010
Tja. Da hat der talentierte Junge was ganz wichtiges angesprochen. Die schöne neue Zeit, ist das Versprechen, dass jeder gehört werden kann! Du brauchst keinen Spinner im Anzug. Alles was du brauchst ist eine Idee, ein billiges Mikro / Kamera, ein Laptop und tolle Freunde. Der Scheiß ist nur, dass der Typ mit dem Anzug, die Sache mit dem Laptop und dem Freunden erst zu einem Beruf macht. Dann muss man nicht selbst einen Anzug tragen, wenn man nicht möchte, nur damit die eigenen Kinder krankenversichert und satt sind. Der Typ mit dem Anzug ist auch übrigens der, der die Konzerte und Gigs, Vernisagen und Happenings überhaupt besucht. Der sich die tollen T-Shirts und die Lego-Stein-Ohringe im Mauerpark kauft. Der Typ im Anzug ist auch der, der dich in Erinnerung trägt, wenn die Blogosphäre dich schon vergessen hat. (nach... 72 Stunden) Das Inernet ist toll und die Liberalisierung von medientechnischen Produktionsmitteln auch (gecracktes Cubase ersetzt Tonstudio, gecracktes Premiere ersetzt Schnittplatz, gecracktes Photoshop ersetzt Dunkelkammer... Copy/Paste/Hyperlink ersetzt Redaktion) Aber den Typ mit dem Anzug würde ich, als Kleinkünstler, für kein Youtube der Welt eintauschen wollen. Sein Geld und meine Coolnes gehören zusammen. Seine konservative Verbortheit hält meine Welt am laufen. Und ich sterbe dafür einen Bühnentod, um ihm seine Seele zu retten. Wovon soll der Junge leben? Wenn es Videospielmusik sein soll, muss der Typ mit dem Anzug das Spiel produzieren, damit die Kids von den anderen Typen im Anzug das Game von ihrem Taschengeld kaufen. Ich wünsche dem jungen Regisseur das allerbeste. Unter anderem einen netten Typ mit Anzug
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