21 unter 21: Christoph rettet die Erde im Internet

Von Sebastian Christ

Als er elf ist, sieht Christoph Schneider ölverschmierte Vögel nach einem Tankerunglück. Die Bilder lassen ihn nicht los. Er will etwas tun und startet eine Umweltschutz-Webseite, räumt Preise ab, baut weitere Seiten - Christoph ist der Umweltaktivist mit dem Laptop.

Die erste Wahrheit: Klimaschutz ist cool. Seit 2007 hat das Thema die Titelseiten der Printmedien erobert. Rockbands singen nicht mehr an gegen Krieg und Engstirnigkeit, sondern gegen Kohlendioxidausstoß. Das ist ein Erfolg.

Die zweite Wahrheit ist, dass es kaum soweit gekommen wäre, gäbe es nicht Leute wie Christoph Schneider. Er glaubte an seine Mission – und das zu einer Zeit, in der man sich von Mitschülern deswegen noch als Müsli, Fledermausknuddler oder Körnerfresser beschimpfen lassen musste.

"Greenpeacer" war sein Spitzname

Im zarten Alter von elf Jahren baute er seine erste Internetseite zum Thema Umweltschutz auf. In seiner Schule in Ludwigsburg war "das so eine Sache mit dem Umweltschutz. Der war damals nicht so sehr in Mode", erzählt Christoph. "Meine Mitschüler haben versucht, mich damit aufzuziehen. 'Greenpeacer' war so ein Spitzname. Das war wohl das Einzige, was sie mit Umweltschutz verbinden konnten."

Andere junge Menschen mit grünem Herzen stapfen eher mit dem Käscher durchs Biotop und fangen Kaulquappen. Oder schütten vor dem Aldi einen großen Haufen Blechdosen auf, um gegen den Müllberg zu protestieren. Oder stechen gar Benzinschleuder-Autos die Reifen kaputt. Christoph hatte mit all dem nichts zu tun.

Zum Freund der Erde wurde er, als seine Eltern ihm ein Kinderbuch über Folgen einer Ölkatastrophe schenkten. Er las es - und es bewegte ihn. Ölverschmierte Vögel, die elendig verenden, die auslaufende, schmierige Suppe, ein Super-Gau auf dem Meer. Er wollte mehr wissen, das Thema ließ ihn nicht mehr los. Er las andere Bücher, ließ sich Material von Umweltorganisationen kommen. Ich muss auch etwas tun können, dachte er.

Das war in den späten neunziger Jahren, seine Eltern bekamen einen Internetanschluss. Christoph legte gleich los: Er flog ab ins weltweite Datennetz - und suchte nach brauchbaren Infos zum Thema Umwelt.

Christoph erste eigene Umwelt-Seite war nur über eine komplizierte Adresse mit lauter Punkten und Strichen erreichbar. Sie hatte etwa 15 Zugriffe pro Tag - das Internet war in Deutschland noch nicht so stark verbreitet.

Einer der ersten Umwelt-Aktivisten im Web

1999 stellte er "UmweltschutzWeb" online, da war er 13. Daraus entwickelte sich ein ganzes Netzwerk von Informationsseiten. Christoph saß nun täglich mehrere Stunden am Rechner: "Ich hatte in der Schule nie große Probleme. Deswegen konnte ich mich nachmittags um meine Seiten kümmern. Hausaufgaben habe ich abends gemacht." Er war ein echter Pionier - einer der ersten deutschen Umwelt-Aktivisten im Internet, und immer noch Schüler.

Die Seite "UmweltschutzNews", seit 2000 online, ist das Kernstück seiner Angebote. Bald wurde die Deutsche Bundesstiftung Umwelt auf ihn aufmerksam: Christoph hatte sich mit der Seite beim Wettbewerb "Goldene Natur" beworben und landete auf einem der ersten Plätze. Im August 2001 stand er auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin neben dem damaligen Bundesumweltminister Jürgen Trittin auf der Bühne und bekam eine goldene Kugel überreicht, so groß wie ein Fußball. Viel wichtiger: Der Preis war mit 10.000 Mark dotiert - Christoph konnte das erste Mal investieren.

Im November 2001 kam schon der nächste Preis - diesmal zeichnete ihn die Deutsche Umweltstiftung mit ihrem "Hoffnungspreis" aus, dotiert mit 3000 Mark. Christoph legte das Geld für einen neuen Computer an, für bessere Software. Er stellte "Umweltkids" ins Netz. Die Seite soll Kindern die ökologischen Probleme des Planeten nahebringen - also genau das, was er gern als Kind gelesen hätte. Christoph plante ein weiteres Angebot zum Thema Artenschutz. Und war immer noch Schüler, mitten in der Mittelstufe.

Von der nächsten Auszeichnung samt Preisgeld kaufte er sich im Sommer 2005 einen Laptop. Er hatte gerade sein Abitur gemacht und arbeitete als Zivi bei der Diakonie.

Jetzt rufen dauernd Werbeagenturen an

Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt förderte Christophs Projekt mit einem Zuschuss, er konnte einen Profi-Webdesigner dazu nehmen, der mit ihm die Seiten überarbeitete. Inhaltlich orientierte sich Christoph dabei an einer Facharbeit, die er für die Schule geschrieben hatte. Auf UmweltschutzNews kann man sich nun über nahezu alles von Energie-Erzeugung bis Artenschutz, von Klimapolitik bis Umweltforschung informieren.

Christoph schreibt auch einen aktuellen Öko-Nachrichten-Ticker, nebenher hat er weitere Informationsportale gestartet. Jedes richtet sich an eine etwas andere Zielgruppe. Zusammen kommen sie heute auf rund 60.000 Klicks pro Monat - einst waren es 15 Besucher pro Tag.

Christoph legt Wert darauf, dass UmweltschutzNews "sein Hobby" bleibt: "Dauernd rufen Agenturen an und wollen Werbung schalten. Aber das wird es nicht geben, aus Prinzip." Er will mit den Seiten kein Geld verdienen. Wenn es Werbebanner gibt, dann dienen sie ausschließlich zur Finanzierung von Serverkosten. Motivation bekommt er durch die Leserreaktionen: "Ich erhalte beinahe täglich Besucheranfragen. Das Feedback treibt mich an, die Sache fortzuführen." Genau wie die steigenden Besucherzahlen.

Zur Zeit studiert Christoph Betriebswirtschaft in Mannheim. Für ein Praktikum war er letzten Sommer in Indien. Ob er sein Umweltinteresse später professionell nutzen wird, weiß er noch nicht. Fest steht für ihn jedoch, dass es mit den Seiten weitergehen soll. Denn obwohl Umweltschutz cool geworden ist, gibt es noch viele Menschen, denen das Thema egal ist.

"Noch lange sind nicht alle Pflanzen entdeckt, gleichzeitig sterben aber jeden Tag 70 Arten aus", sagt Christoph. "Ich allein kann sicher nicht die Welt verändern. Aber wenn wir uns alle anstrengen, dann können wir es gemeinsam schaffen."

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