21 unter 21: Die Quantenfreundin

Von Katrin Schmiedekampf

Mit 17 Jahren hat Silvia Arroyo Camejo einen Bestseller über die rätselhafte Welt der Quantenphysik geschrieben. Jetzt ist sie 21 und studiert Physik. Die Überfliegerin steckt voller Energie - und hat die Ideen für ihre nächsten Bücher schon im Kopf.

Silvia Arroyo Camejo sitzt am Küchentisch, einen Butterkeks in der Hand. Vorsichtig stellt sie ihn mit seiner schmalen Kante auf der Tischplatte ab. Der Keks kippt um. Die junge Frau sieht den Keks an - und dann das volle Wasserglas vor ihr. "In der Quantenwelt wäre es denkbar, dass der Keks auf beide Seiten gleichzeitig fällt. Und dass das Wasser hier einfach durch den Raum schwebt", sagt sie. Obwohl nichts dergleichen passiert, scheint es plötzlich nicht mehr so unmöglich zu sein.

Silvia, 21, fasziniert es, über solche Dinge nachzudenken. Und sie schafft es, andere in ihre Gedankenwelt hineinzuziehen: In ihrem Buch "Skurrile Quantenwelt" erklärt sie komplizierte physikalische Zusammenhänge. "Licht und Materie" heißt ein Kapitel, "Das Doppelspaltexperiment mit Elektronen" ein anderes.

Silvia wollte aus der Quantenwelt erzählen

Das Buch wurde 2006 veröffentlicht – und ist ein Bestseller geworden. "Die 'Skurrile Quantenwelt' hat es sich zum Ziel gesetzt, endlich die Lücke zwischen den meist oberflächlichen und formelfreien populärwissenschaftlichen Literatur und der allzu hochgestochenen, mit Mathematik überfrachteten Studienliteratur zu schließen", steht auf Silvias Internet-Seite.

Doch eigentlich hatte Silvia ein ganz anderes Ziel, als sie mit 17 Jahren beschloss, ein Buch zu schreiben: Jahrelang hatte sie dicke Fachbücher über die Quantenwelt gelesen - auf dem Weg zur Schule, auf dem Weg nach Hause, vor dem Zu-Bett-Gehen. Nun wollte sie die Bücher weglegen und herausfinden, ob sie wirklich verstanden hatte, was darin stand. Eigentlich sollten drei Bücher entstehen: je eines über Quantenphysik, Elementarteilchen und den gesamten Kosmos. Drei bis vier Stunden am Tag schrieb Silvia an ihrem Werk. Abends, nach der Schule, wenn die Hausaufgaben erledigt waren.

Manchmal saß sie bis tief in die Nacht am Schreibtisch. Hin und wieder kam ihr Vater ins Zimmer und fragte, "Willst Du nicht mal schlafen gehen?" Er wunderte sich – und machte sich Sorgen. "Er dachte, dass ich meine Zeit vergeude. Dass ich nicht ganz normal sei", sagt Silvia und lacht. Dabei benahm sie sich sonst wie jedes andere Mädchen: traf Freundinnen, ging shoppen, ins Kino und auf Partys. Sie tanzte Ballett, spielte Geige (zwei 1. Plätze bei "Jugend musiziert") und ging mit ihrem Hund Lissy im Wald spazieren. Danach setze sie sich wieder an ihren Tisch und schrieb an ihrem Buch über Quantenphysik.

Bald mussten die Eltern passen

"Natürlich gab es Tage, an denen ich zu müde zum Weitermachen war. Aber ich dachte nie, dass ich jetzt keinen Bock habe. Schreiben war wie Spazierengehen für mich. Es gehörte zu meinem Tag", sagt Silvia. Ihr größter Drang sei es gewesen, Theorien logisch darzustellen und auch die Geschichte und die Philosophien der Physiker einzuarbeiten, etwa das berühmte Gedankenexperiment des österreichischen Forschers Erwin Schrödinger ("Schrödingers Katze").

Sie habe eine Gesamtzusammenfassung aller Bücher schreiben wollen, die sie selbst gelesen hatte. Nur umfassender und schlüssiger: "Es sollte ein Buch werden, wie ich es mir selbst damals gewünscht hätte." Mit "damals" meint Silvia die Zeit, in der sie so unglaublich viele Fragen hatte. Die Zeit, in der ihr niemand richtig weiterhelfen konnte: Was sind schwarze Löcher? Woher kommt die Erde? Was ist die Relativitätstheorie? All das wollte sie schon mit elf wissen. Ihren Vater, einen Gefäßchirurgen spanischer Herkunft, hatte sie bald leer gefragt.

Auch die Mutter, Lehrerin, konnte ihr nicht helfen. Andere Kinder hätten aufgegeben. Hätten sich damit abgefunden, dass es Dinge gibt, die auch Erwachsene nicht erklären können. Silvia aber wollte es ganz genau wissen. Also suchte sie in Büchern nach Antworten. "Was ist Was - moderne Physik" wurde schon bald ihr Lieblingsbuch.

Später las sie Populärliteratur über Physik und vertiefte sich mit 14 in Fachbücher. "Schon wieder ein Buch. Du hast doch schon so viele", sagten ihre Eltern, wenn Silvia mit einem neuen Wälzer nach Hause kam: "Allgemeine Relativitätstheorie", "Quantum Physics" oder "City of Light". Romane oder Krimis waren nie dabei. Die las Silvia, Leistungskurse Chemie und Physik, schon damals ungern.

"Es machte 'Plopp', und ich dachte: 'Wow!'"

Sie wollte keine Geschichten erzählt bekommen, sondern Dinge erfahren. Die Welt der Quantenphysik fand Silvia rätselhaft und spannend. Natürlich merkte sie, dass es den meisten Mitschülern anders ging. "Oh Gott, Physik habe ich immer gehasst" - das hörte Silvia immer wieder: "Die Leute haben Probleme mit dem Fach, weil es so wenig anschaulich ist. Sie denken von Anfang an, dass sie es sowieso nicht verstehen. Dabei kann sich jeder in das Thema hineindenken - wenn es ihn interessiert."

Auch Silvia kapierte anfangs nur wenig und konnte vor allem mit den vielen Formeln in den Fachbüchern nichts anfangen. Aber sie hatte "den Drang, es zu verstehen". Also las sie den Text noch einmal, sah sich die Zahlen ein weiteres Mal an - "und irgendwann machte es 'Plopp', und ich dachte: 'Wow!'."

Silvia fand heraus, dass Physikbücher nicht ohne Formeln auskommen: "Man kann manche Dinge nicht mit einem Text verständlich machen kann." Daher baute die Schülerin auch in ihr eigenes Werk einige Formeln ein. Kurz bevor sie mit 19 Jahren ihr Abitur machte, war das Buch fertig. "Ich hatte das Bedürfnis, ein Feedback zu bekommen."

Daher kam sie auf die Idee, es jemandem zu schicken. Nur wem? Nach einigem Überlegen fiel ihr Hans Dieter Zeh ein, ein Heidelberger Quantenphysiker, den sie um drei Ecken kannte. "Ich hatte viele Aufsätze gelesen und war sehr beeindruckt von ihm." Zeh bekam das Manuskript – und staunte.

Eins hat sie geschrieben - und zwei Bücher noch im Kopf

"Ich war begeistert, dass ein so junger Mensch so etwas schreiben kann", sagt er. Silvia sei viel weiter gewesen als die meisten Studienanfänger. Man spüre ihre Begeisterung für die Rätsel und Merkwürdigkeiten der Mikrowelt in jedem Abschnitt. "An dem Buch habe ich nicht viel ändern müssen", sagt er. Zeh kam auf die Idee, bei einem großen wissenschaftlichen Verlag zu fragen, ob dieser das Buch nicht verlegen wolle. Der Verlag wollte.

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"Als ich einen Anruf von denen bekam, konnte ich es kaum glauben", sagt Silvia. Doch abgehoben ist die Jungbuchautorin durch diesen Erfolg nicht. "Man kann nie behaupten, alles verstanden zu haben. Wer meint, die Dinge seien ganz einfach, muss sehr dumm sein", sagt Silvia, die inzwischen Physik an der Humboldt-Uni in Berlin studiert.

Es kommt noch immer vor, dass sie etwas sehr oft liest – und es trotzdem nicht versteht. Aber es ist ihre Begeisterung, die sie antreibt, es immer wieder zu probieren. Silvia schneidet gern ein Thema an, springt zum nächsten, erzählt etwas anderes – und kehrtwieder zum Ausgangspunkt zurück. Ihre Augen funkeln, wenn sie spricht. Man glaubt ihr sofort, wenn sie sagt, dass der Tag viel zu wenig Stunden hat.

Schließlich will Silvia Ölbilder malen, Rennrad fahren, mit Lissy Gassi gehen, studieren, arbeiten – und nebenbei noch die beiden anderen Physik-Bücher schreiben, für die sie die Ideen schon im Kopf hat.

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