21 unter 21: Josefine Preuß, Schauspielerin mit Kindergesicht

Von Anne-Dore Krohn

Die Klamotten kauft sie in der Kinderabteilung, im Fernsehen spielt sie kleine Mädchen. Schauspielerin Josefine Preuß ist 21 Jahre alt, nur glaubt ihr das keiner - sie sieht keinen Tag älter aus als 16. Es kann ihr egal sein: Sie ist der Shootingstar des deutschen Films.

Sie zeigt den Ausweis schon automatisch vor. Es ist sowieso jedes Mal das gleiche, wenn sie Wein kaufen möchte oder Bier. Sie hat sich ein Spiel daraus gemacht, die Mimik der Verkäufer zu beobachten. Erstaunt blicken sie hin und her zwischen dem Geburtsdatum und dem Mädchen vor der Kasse. 1,55 Meter stehen im Pass, das ist schon aufgerundet. "Kurz" nennt sie sich selbst. Das Mädchen ist 21 Jahre alt.

Noch nie hat Josefine Preuß eine Figur gespielt, die so alt ist wie sie selbst. Ihre Rollen sind immer ein paar Jahre jünger. Sie sieht das pragmatisch: "Ich spiel' ein Kind und werd wie ein Erwachsener bezahlt."

Andere takeln sich auf, um älter auszusehen. Josefine Preuß nicht. An diesem Morgen in einem Café im Berliner Prenzlauer Berg trägt sie ein T-Shirt mit Totenköpfen und dem Aufdruck "for those who love to rock". Kein Lidstrich, kein Lidschatten, kein Lipgloss. Oft hat sie Schwierigkeiten, Kleidung zu finden. Viele ihrer Klamotten kommen aus der Kinderabteilung. Oder von den Dreharbeiten.

Ihre Jeans gehörte ursprünglich in den Kleiderschrank von Lena Schneider, der Hauptrolle in "Türkisch für Anfänger". Seit Preuß die rotzige Großstadtgöre gespielt hat, ist sie ein Star. Die freche Vorabendserie über die türkisch-deutsche Patchworkfamilie Schneider-Öztürk hat viel Lob kassiert, für den humorvollen Umgang mit kulturellen Vorurteilen.

Es läuft und läuft und läuft

"Das Gegenteil von political correct", sagt Preuß, "es war an der Zeit bei dem Thema." Nächstes Jahr soll die dritte Staffel anlaufen.

Mit 13 wurde Josefine Preuß bei einer Theateraufführung entdeckt, für die "Kika"-Serie "Schloss Einstein". Drei Jahre später ging sie von der Schule, fuhr jeden Tag von Potsdam zu einer Schauspielschule in Berlin. Doch es gab Ärger mit einer Lehrerin, sie brach ab.

"Seitdem läuft und läuft und läuft es", sagt Preuß. Sie hat die Kinderbuchsendung "Quergelesen" im "RBB" moderiert, hatte Gastrollen in Krimis wie "Abschnitt 40" und "Soko" und Hauptrollen in Teeniefilmen wie "Schüleraustausch - die Französinnen kommen".

2004 bekam sie den Deutschen Fernsehpreis, da war sie 17. Für die Rolle einer 13-Jährigen in "Abschnitt 40". Im H&M-Kleid, ausnahmsweise mal in hohen Schuhen, stand sie auf der Bühne, winzig neben Anke Engelke. Sie hatte keine Rede vorbereitet, dankte überschwänglich den Kollegen und fasste sich lieber kurz, "weil ich ganz schnell wieder runter will von dieser Bühne".

Als 2006 dann das Team von "Türkisch für Anfänger" 2006 den Deutschen Fernsehpreis für die beste Serie verliehen bekam, wirbelte Preuß in rotem Kleid nach vorn. Stellte sich ans Mikrofon. Wartete, bis es auf ihre Höhe heruntergefahren wurde. Dieses Mal verschlug ihr das Glück nicht die Worte. Dieses Mal hörte sie kaum wieder auf zu reden.

Es sind Auftritte einer jungen Schauspielerin, die sympathisch unprätentiös ist. Allürenfrei. Im Laufe des Gesprächs sagt sie mehrmals Sätze wie: "Ich habe einfach viel Glück gehabt." Ihre Bescheidenheit ist keine Masche. Sie ist stolz auf ihren Beruf, "aber ich hätte auch was anderes machen können. Es ist so, wie es ist."

"Los, guckt mich an, dann kennt ihr mich!"

Es ist wie es ist - diesen Satz des österreichischen Schriftstellers Erich Fried nennt sie ihren Leitspruch. Weil "eben alles so ist, wie es ist, und man nicht alles erklären kann". Eigentlich wollte sie sich das aufs Handgelenk tätowieren lassen, "doch dafür war mein Arm zu schmal". Sie hält ihre Hände in die Luft: "Die Tätowierer haben gesagt, dass man es kaum lesen könnte." Jetzt hat sie sich den Satz auf ihren iPod gravieren lassen.

Mit Josefine Preuß kann man sich wunderbar über Alltägliches verquatschen. Über Kindernamen ("Finn finde ich süß"), über Angela Merkel ("schade, dass sie nicht hübscher ist, wo's doch endlich eine Frau ist"), über Einrichtung ("Ich liebe große Räume mit weißen Wänden"). Seit einem halben Jahr wohnt sie mit dem Regisseur Peewee Horris zusammen, ihrem besten Freund. Wenn Zeit bleibt, bestellen sie Pizza und gucken Filme, in der großen Wohnung mit den weißen Wänden.

Letztes Jahr haben sie zusammen einen Kurzfilm gedreht, "Stühle im Schnee". Eine Herausforderung, schauspielerisch und emotional: Preuß spielt eine 14-jährige, die gefangen gehalten und missbraucht wird. "Wir haben umsonst gearbeitet", sagt Preuß, "es ist so ein wichtiges Thema."

Den halben Film über war sie nackt. Zu Beginn der Dreharbeiten trug sie einen Bademantel, "den hab ich alle paar Minuten aufgemacht und gesagt: Los, guckt mich an, dann kennt ihr mich!" Sie hat keine Probleme mit Nacktszenen: "Ich hab zum Glück nie blöde Erfahrungen gemacht und kann ja selbst entscheiden, ob ich mich vor der Kamera ausziehe."

Sie möchte bestimmen, was sie preisgibt und was sie zurückhält. Es wirkt wie ein kleines Spiel, als sie sagt: "Frag doch mal was Privates!" Um gleich Grenzen zu ziehen. Ja, sie habe einen Freund, er sei auch kein Unbekannter. Mehr möchte sie nicht verraten, "sobald eine Beziehung in der Öffentlichkeit beginnt, endet sie da auch".

Ewiges Mädchen? Nein, kein Mädchen

Sie möchte privat sein dürfen. Und wenn der Ruhm weiter wächst? Sie überlegt, zieht eine Schnute. "Es kommt auch darauf an, was man zulässt", sagt sie dann. "Viele wollen ja auch erkannt werden, das erkennt man an den übergroßen Sonnenbrillen."

Irgendwann, verrät sie dann, will sie mal Kinder. Jetzt noch nicht. Sie hat sich eine Summe in den Kopf gesetzt, "die will ich erst auf meinem Konto sehen. Ich will mich versorgen können, dann noch einen Mann und dann ein Kind."

Später, als sie aufsteht und zur U-Bahn läuft, wirkt sie noch zierlicher als im Sitzen. Zwei Stationen weiter wird sie ihren Mitbewohner treffen, sie sind für den Supermarkt verabredet, um Waschmittel und Klopapier zu kaufen. Als die Bahn anfährt, winkt sie zum Abschied durch die Scheibe.

Sie sieht immer noch sehr jung aus. Doch klar ist auch: Ein Mädchen ist sie nicht.

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