21 unter 21: Vincent Redetzki, Theater-Jungstar und Zehntklässler

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Mit 6 war er Komparse bei "GZSZ", jetzt ist er 15 und bewegt sich als Schauspieler wie ein Vollprofi. Vincent Redetzki mischt Berlins Theater-Szene auf: An der renommierten Schaubühne spielt er sich in die Herzen des Publikums und erhält tonnenweise Fanpost.

Breitbeinig steht er beim Schlussapplaus auf der Bühne, in den Knien auf- und abfedernd. Er verbeugt sich, schleudert seine halblangen Haare mit einer zackigen Kopfbewegung aus dem Gesicht und schlendert nach hinten. Lässig sieht das aus, betont lässig - und eben deshalb unsicher. Es ist das erste Mal, dass Vincent Redetzki an diesem Abend annähernd so wirkt wie ein 15-Jähriger.

"Im Ausnahmezustand" heißt das neue Stück von Falk Richter, in dem Redetzki seine erste große Theaterrolle spielt. Das Erstaunliche: Abgesehen vom Schlussapplaus, bewegt sich der Zehntklässler durch die Berliner Schaubühne, als sei das für ihn der Normalzustand.

"Die schreiben, dass sie mich toll finden und süß und so"

Doch zunächst lässt er auf sich warten. Für 18 Uhr hat er sich zum Interview im Café der Schaubühne angekündigt, um 19 Uhr ist er da. Die Entschuldigung ist die eines Großen: Der Dreh für das Doku-Drama "Die Wölfe", das 2009 im ZDF läuft, habe ihn aufgehalten. Redetzki spielt den Anführer einer Bande zur Zeit der Berlin-Blockade 1948; heute ist in einer Szene eine Bombe explodiert. Das Abschminken habe länger gedauert, sagt er und zeigt auf eine rote Haarsträhne: "Ein Blutrest."

Sonst sieht die Frisur aus, wie Frisuren in den Vierzigern aussahen: im Nacken kurz rasiert, ebenso über den Ohren, das Deckhaar lang und leicht gescheitelt. Das passt zu Redetzkis Gesicht, das sehr markant ist für einen 15-Jährigen.

"Alle drei Monate schickt mir mein Management so 'ne Tonne mit Fanpost", sagt er und deutet mit den Händen ein Gefäß an, etwas kleiner als ein Schuhkarton. 50 bis 60 Briefe seien darin, "von jungen Mädchen, die schreiben, dass sie mich toll finden und süß und so". Redetzki sagt das nicht eitel, aber auch nicht verlegen, als sei Fanpost das Alltäglichste der Welt.

Die Briefeschreiberinnen kennen ihn aus dem Kino: Für seine Rolle als Max in Andreas Dresens Erfolgsfilm "Sommer vorm Balkon" hat Redetzki 2006 den Undine Award als bester Filmdebütant bekommen. In den Kinderhits "Die Wilden Hühner" und "Die Wilden Hühner und die Liebe" war er als Willi zu sehen.

Auf der Leinwand und im Fernsehen sind große Rollen für Jugendliche an der Tagesordnung, auf der Bühne sind sie abseits von Kinderstücken eine Ausnahme. Das liegt auch daran, dass die Schauspiel-Ästhetik in vielen Filmen naturalistischer ist, näher am Alltagsverhalten. Zudem können Filmszenen wiederholt werden, Theater ist live. Das Risiko, dass unerfahrene Akteure scheitern, ist viel größer.

Ein Glas Kamillentee für die Stimme

Umso erstaunlicher, dass Redetzki so locker und souverän erzählt kurz vor der Aufführung um acht: Dass er seine erste Rolle mit sechs Jahren als Komparse in der Seifenoper "Gute Zeiten - schlechte Zeiten" hatte - "da hab ich irgendwas Stumpfsinniges gesagt, einen Satz". Dass sein Herz am Theater hänge, nicht am Film: "Da kann ich mich mehr ausleben, eine Szene einfach durchziehen." Dass er im aktuellen Stück viel gelernt und seine frühere Nervosität abgelegt habe. "Da bin ich echt chillig geworden."



Um halb acht wird Falk Richter nervös: Der Regisseur sitzt im Café zwei Tische weiter und tippt gestenreich auf seine Uhr. Redetzki steht auf, eilt zur Theke und holt ein Glas Kamillentee.

Für die Stimme.

Er hastet durch den Hintereingang in die Garderobe. Im Raum nebenan wartet die Maskenbildnerin, Redetzki kriegt Ruß auf die Wangen und viel Gel ins Haar. Es ist Viertel vor acht, normalerweise ist er hier eine halbe Stunde früher. Trotzdem denkt er noch mit: Die Augenringe fehlen. Dann drängelt eine Stimme über Lautsprecher: "Herr Redetzki, bitte für eine kurze Ansprechprobe auf die Bühne!"

Als um acht die Aufführung beginnt, hockt Redetzki verborgen im Bühnenbild: ein kühler Raum mit schwarzglänzenden Wänden, zwei Lounge-Sofas und ein Kaminfeuer auf dem Flachbildschirm. Es dauert eine gute Stunde, bis er auftritt.

Zunächst duellieren sich Bibiana Beglau und Bruno Cathomas, ein namenloses Paar in einer abgeschotteten Siedlung für Superreiche. Die Angst vor der unsicheren Umgebung und sozialem Abstieg schafft ein Klima des Misstrauens, auch dem Partner gegenüber. Beglau, bekannt geworden durch den Schlöndorff-Film "Die Stille nach dem Schuss", spielt eine keifende Furie, Cathomas einen brummenden Bären.

Beim Applaus fällt das Erwachsene ab wie eine Maske

Die beiden erfahrenen Theaterrecken drehen auf - und es wird einem angst und bange um den unerfahrenen Redetzki.

Sie wälzen sich auf dem Boden, als er reinkommt, in hellgrauem Kapuzenpulli und schwarzer Bomberjacke und mit schneidender Stimme anhebt, den Zeigefinger aggressiv emporgestreckt. Er schimpft und zetert, robbt auf Beglau zu und packt den wuchtigen Cathomas am Kragen. Mit einer Energie, einer Spannung, einer Körperlichkeit, die den beiden tatsächlich eine halbe Stunde lang ununterbrochen standhält.

Die "taz" fand das bei der Premiere "beeindruckend", die "Neue Zürcher Zeitung" "sehr überzeugend". Das größte Lob aber lieferte die "Welt": "Redetzki ... ist jetzt 15, sieht aus wie 17 und spielt so erwachsen gut wie ein 37-Jähriger."

Beim Applaus fällt diese Ausstrahlung ab wie eine Maske, wahrscheinlich weil er müde ist und die Spannung plötzlich nachlässt. Abschminken und Haare waschen will er hinter der Bühne nicht mehr. "Ich hab jetzt Lust auf zu Hause."

Auch Fragen und Fotos nerven nur noch, aber das sagt Redetzki natürlich nicht, ganz Profi.

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