Unter angehenden Abiturienten gibt es verschiedene Typen. Abiturient eins ist alles egal, weil er sowieso schon eine Ausbildung sicher hat, für die er aber kein Abitur braucht. Abiturient zwei wird praktisch nur noch als lebender Wissensmagnet gesichtet. Problem: Er zieht zwar Wissen an, stößt aber leider alle Sorten von Freunden ab. Und dann gibt es noch Abiturient drei. Das ist der Schlimmste.
Fragt man ihn danach, ob er schon für das Abitur gelernt habe, dann weitet er seine Augen, setzt ein Gesicht auf, das zwischen betroffen und amüsiert rangiert, und sagt: "Was? Abitur? Ach, wer lernt denn jetzt schon dafür?"
Abiturient drei ist deshalb der Schlimmste, weil er lügt. Nach Prüfungen stürmt er aus dem Zimmer, schreit durch das Schulhaus, er sei am Ende seiner Kräfte und werde null Punkte bekommen. Am Ende sitzt er dann da - und nimmt süffisant lächelnd seine 15 Punkte entgegen. Höchstpunktzahl. Möglicherweise lässt er seinen Blick dann noch kurz über die Bänke schweifen um den Sieg zu genießen.
Und dann gibt es noch eine vierte Art von Abiturienten. Der habe ich bislang angehört. Das sind die, die in der Schule immer viel zu viel Angst vor dem Spicken hatten. Die ihre Vorträge immer ganz brav selbst machten, weil sie glaubten, dass das jeder so macht. Und die immer viel zu spät mit dem Lernen für wirklich wichtige Prüfungen anfingen, weil sie die Welt als Ponyhof betrachten, auf dem immer alles gut wird.
"Rick, in Wahrheit lernen wir alle"
Wir kämpfen alle für das Abitur und gegen diese ganzen fiesen Prüfer. Aber verständlicherweise will dabei jeder der beste Kämpfer sein. In der Schule klärt man so etwas mit kleinen Intrigen. Wenn Abiturient drei sagt: "Natürlich kannst du meinen Hefter kopieren", dann denkt er: "Hihi, aber die wichtigen Blätter nehme ich vorher raus."
So klar könnte ich das alles niemals erklären, wenn mir es nicht vor kurzem ein Freund erzählt hätte. Als er hörte, wie ich mich über die wenigen Schüler amüsierte, die schon neun Wochen vor dem Abi mit dem Lernen beginnen, schaute er mich nur sehr traurig an. Wieder einer, der's nicht kapiert, muss er wohl gedacht haben und hat es dann ausgesprochen: "Rick, in Wahrheit lernen wir alle."
Dummerweise ist das Abitur die erste Prüfung im Leben der meisten Gymnasiasten, die er wirklich bestehen muss. "Darauf bereiten wir Euch seit zwölf Jahren vor", sagen unsere Lehrer deshalb gern. Das Abitur ist wohl auch der Zeitpunkt, an dem der Spruch: "Ihr lernt fürs Leben und nicht für Noten", eine ganz neue Bedeutung erhält. Zum ersten Mal wird uns wirklich bewusst: Von der Note, die auf diesem letzten Schulzeugnis stehen wird, hängt ein großer Teil unseres Lebens ab.
In der Hoffnung, dass die Abi-Punktzahl proportional mit der Summe des Geldes steigt, das man für die Vorbereitung verbraucht hat, habe ich mir jetzt Bücher im Wert von 150 Euro gekauft. Eine Null weg und man erhält die Zahl 15: maximale Punktzahl. Schön wär's.
Ich hatte etwa gehofft, das Buch "Der Zahlen gigantische Schatten. Die fantastische Welt der Mathematik" könnte aus mir einen Mathematiker machen, der morgens in der einen Hand eine Tasse Kaffee und in der anderen einen Taschenrechner hält. Das hat aber leider nicht geklappt.
Statt zu lernen, werde ich deshalb jetzt erst einmal weiter Abiturienten-Typen analysieren. Damit wäre ich selbst dann übrigens inzwischen Typ fünf. Das sind diejenigen, die sagen, sie lernen jetzt fürs Leben. Da ist es manchmal wichtiger, mit Menschen umgehen zu können, als Goethe zu zitieren.
Lesen Sie hier Teil 1 des Abi-Blogs: Bekenntnisse einer Mathenull
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