Abitur versus Kneipe: Schrei nach Ruhe

Abiturvorbereitung: Jan, der Blitz im Engel Fotos
Rene Marx

Eigentlich wollte Jan Felix Walther weniger feiern, weniger arbeiten und viel mehr büffeln für seine Abi-Prüfung. Und dann landet er doch wieder in der Kneipe: Hier jobbt er abends und lernt immerhin viel über betrunkene Düsseldorf-Besucher.

Ich brauche Zeit, um zu lernen. Schließlich schreibe ich bald mein Abi. Deswegen habe ich mir auch fest vorgenommen, es nach Karneval ruhiger angehen zu lassen: weniger Party, früh ins Bett, viel Schlaf, viel Energie - so der Plan. Tatsächlich habe ich an den vergangenen zwei Wochenenden meine Nächte wieder in der Düsseldorfer Altstadt verbracht.

Seit gut einem Jahr arbeite ich nämlich nebenbei im Engel - einer Rockkneipe, die von Rammstein über AC/DC bis hin zu den Toten Hosen alles spielt, was laut ist. Neben einem DJ und Zapfer, zwei Barfrauen und mehreren Kellnern gibt es im Engel auch Blitze. Ich bin einer davon.

Als Blitz sorge ich unter anderem dafür, dass genügend Getränke an der Theke sind. In erster Linie also Altbier. Außerdem kümmere ich mich darum, dass die leeren Gläser wieder zur Theke kommen und die Tische sauber sind.

Tausende Menschen ziehen an den Wochenenden durch die Straßen der Altstadt. Mittlerweile mache ich mir einen Spaß daraus, zu raten, was die einzelnen Gruppen vorhaben. Einigen sieht man an, dass sie gemütlich in eines der Restaurants gehen wollen, um die Woche ruhig ausklingen zu lassen. Die meisten haben aber andere Ziele: In Grüppchen lassen sie sich durch die Massen treiben und werden die Woche mit viel Bier oder Schnaps beenden.

Zehn Euro Trinkgeld für ein Glas Wasser

Als ich vor knapp einem Jahr meinen Nebenjob im Engel angefangen habe, dachte ich, dass ich zwischendurch bestimmt Kleinigkeiten für die Schule lernen kann. Heute finde ich diesen Gedanken ziemlich lächerlich. Ich könnte es zwar mal versuchen, aber dass besonders viel hängen bleibt, glaube ich nicht. Denn spätestens wenn "Schrei nach Liebe" von den Ärzten durch die Boxen dröhnt und alle Gäste mitsingen, ist die Konzentration passé.

Außerdem habe ich keine Zeit, irgendetwas zu lernen. Wenn das Altbierfass an der Theke leer ist, gibt der Zapfer mir ein Zeichen, und es muss schnell gehen. Trödele ich, gibt es oben kein Altbier mehr, und das ist wohl das Ungünstigste, was in einer Kneipe passieren kann.

Bei der Arbeit im Engel lerne ich zwar nichts für die Schule, dafür aber ziemlich viel über Menschen, wenn sie betrunken sind. Es gab schon Gäste, die mir fünf Euro für eine Zigarette geben wollten, obwohl es zwei Zigarettenautomaten im Engel gibt. Andere geben zehn Euro Trinkgeld für ein Glas Wasser.

Auch wenn mir die Arbeit im Engel Spaß macht, freue ich mich, wenn ich gegen sechs Uhr morgens Feierabend habe. Auf dem Weg zur U-Bahn ist nicht mehr viel übrig vom Glanz der Nacht. Die leeren Flaschen der Feiernden liegen verstreut auf dem Asphalt, was Flaschensammler liegen lassen, spülen später die Straßenreiniger weg.

Ein paar Stunden Schlaf liegen nun vor mir - doch ich darf nicht vergessen, den Wecker zu stellen. Auch wenn ich gerne ausschlafen würde, muss ich wieder in meinen Schlafrhythmus kommen, damit ich Sonntagabend einschlafen und Montagmorgen einigermaßen ausgeschlafen aufstehen kann. Deswegen schlafe ich höchstens sechs Stunden - und versuche danach zu lernen.

Am Montag um 8 Uhr sitze ich dann wieder bei meinem Hauptjob: in der Schule. Eine paar Schultage liegen noch vor mir. Und bis zu den Abiturprüfungen im April werde ich es dann ruhiger angehen lassen - diesmal wirklich.


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