Verflixte Fahrprüfung: Aller guten Dinge sind zwei, drei, vier...

Nach dem Abi wollte Fabienne Kinzelmann, 20, fix den Führerschein machen. Das ist jetzt über ein Jahr her. In 14 Monaten hat sie drei Fahrlehrer verschlissen und drei Prüfungen verhauen. Die Geschichte eines letzten Versuchs.

Alptraum Fahrprüfung: Mein viertes Mal Fotos
Melanie Bünn

Nach dem Abi würde alles ganz schnell gehen. Zwei Monate, länger sollte es bis zum Führerschein nicht dauern, nahm ich mir vor. Erste-Hilfe-Kurs, Sehtest, Passbild: Als ich alles eingereicht und schon ein paar Theoriestunden abgesessen hatte, klemmte ich mich zum ersten Mal in meiner Heimatstadt Stuttgart hinters Steuer. Das war im Frühsommer 2011.

Heute - 14 Monate, vier Fahrlehrer, drei praktische Prüfungen später - bleibt mir nicht mehr viel Zeit. Im Juli 2012 stehe ich zwei Wochen vor dem Termin, an dem sich meine Theorieprüfung jährt. Falle ich jetzt ein viertes Mal durch, muss ich die Theoretische wiederholen. Noch einmal Bögen lernen, noch einmal Prüfungsgebühren bezahlen.

Doch von Anfang an: Dass ich nicht die geborene Autofahrerin bin, war schnell klar. Als ich vor über einem Jahr die ersten Male am Lenkrad drehte, würgte ich den Wagen mehrmals mitten auf der Kreuzung ab. Meine beiden Stuttgarter Fahrlehrer traten häufiger auf die Bremse als ich. Dann folgte eine Zwangspause, ich brach mir das Sprunggelenk. Immerhin, die Theorieprüfung schaffte ich Ende Juli 2011 in Stuttgart noch mit null Fehlern. Danach zog ich für ein Praktikum und zum Studium nach Dresden.

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Führerschein-Geschichten: Voll in die Eisen
Neustart in Dresden: Fahrlehrer Klaus hat Angst vor mir

"Ach komm, ich hab die Kurve doch einwandfrei bekommen!" - "Ja, weil ich für dich geschaltet und gebremst habe!" Mein Dresdner Fahrlehrer Klaus deprimierte mich: Immer, wenn ich glaubte, perfekt gefahren zu sein, kam heraus, dass er nachgeholfen hat.

Das Gute an Klaus: Einparken klang bei ihm wie Mathe. Er sprach von 45-Grad-Winkeln und von Lenkradumdrehungen. Mathe ist gut, auf Formeln kann man sich verlassen. Als ich das Auto das erste Mal perfekt rückwärts in eine Parklücke zirkelte, sah ich Hoffnung in Klaus' Augen.

Auch die Fahrstunde bei Regen, Nebel, Blitz und Donner klappte ohne Zwischenfälle, Autofahren fing an, mir Spaß zu machen - und gleich wurde ich quengelig: Klaus, ich will endlich auf die Autobahn. Und ich will nachts fahren. Aber Klaus lehnte ab. "Nicht, solange ich noch Angst habe, wenn du am Steuer sitzt."

Manchmal stritten Klaus und ich wie ein Ehepaar. Er hielt mich für eine Fahrkatastrophe, ich fühlte mich missverstanden. Er tat mein fehlerfreies Einparken als Zufall ab und zeigte sich genervt, wenn ich den Sender wechselte. Wenn ich genauso schön die Gänge wie das Radio schaltete, könne er sich endlich entspannten.

An manchen Tagen traktierte er mich mit immer neuen Unterrichtsmethoden: Er zählte potentiell überfahrene Radfahrer. Oder er ließ mich Kreisverkehre dreimal fahren. Erst im Winter durfte ich auf die Autobahn, doch schon auf dem Beschleunigungsstreifen wurde mir mulmig. Die Lkw machten mir Angst. "Aufhören mit dem Schneckentempo. Da fährt ja meine Oma rasanter", schimpfte Klaus.

Prüfung Nummer 1: Beim ersten Mal durchfallen ist akzeptiert

Im April, meine kleine Schwester hatte inzwischen den Führerschein, meldete Klaus mich zur Prüfung an. Der Prüfer war alt, brummelig und schnauzbärtig. Trotzdem fühlte ich mich sicher. Ich fuhr nur durch bekanntes Gebiet, an einer engen Stelle wollte ich lediglich genug Abstand zum entgegenkommenden Auto halten - und streifte den Bordstein. "Das hätte ja nicht sein müssen", hörte ich hinter mir den Prüfer zischen.

Fünf Minuten später ließ er mich rechts ran fahren. Ich rechnete mit Grundfahraufgaben. Einparken vielleicht? Oder rückwärts um die Ecke fahren? Weder noch. Der Schnauzbart teilte mir mit, dass es leider nicht reichte. Zum Bordstein kam noch ein nicht gesetzter Blinker. Durchgefallen.

Ich ärgerte mich, meine kleine Schwester lachte. Mein Vater sagte, es gäbe Schlimmeres, und meine Freunde spendeten Trost. Beim ersten Mal durchzufallen, ist irgendwie noch akzeptiert.

Prüfung Nummer 2 und 3: "Schade", sagte der Prüfer

Prüfung zwei folgte im Mai. Sogar Klaus fand meinen Fahrstil mittlerweile "ganz passabel". Der Prüfer war jünger und wirklich freundlich. Während er mit Klaus plauderte, suchte ich mir eine Stelle zum Umkehren und parkte ein. Bis dahin kein Fehler.

Nach einer dreiviertel Stunde waren wir wieder am Ausgangspunkt, hinter mir hörte ich den kleinen, mobilen Drucker rattern: Der Prüfer stellte mir meine vorläufige Bescheinigung aus, ich hatte eigentlich schon bestanden. Jetzt musste ich nur noch neben dem nächsten Prüfling parken. Eigentlich kein Problem - hätte da nicht ein riesiger Transporter und ein noch größerer Reisebus gestanden. Dazwischen meine Parklücke.

Ich war so darauf fixiert, nicht auf den Transporter zu fahren, dass ich fast den Bus rammte. Klaus trat auf die Bremse. "Schade", sagte der Prüfer, als er die gerade ausgedruckte Bescheinigung zerriss.

Mein Selbstbewusstsein am Steuer war hinüber. Dann verließ mich Klaus, er wechselte den Arbeitsplatz - und ich bereitete mich auf Prüfung Nummer drei mit Fahrlehrer Nummer vier vor: Herr Jonitz, ein gemütlicher, älterer Herr, sagte zu mir: "Fahren Sie doch endlich mal selbstbewusst! Sie können das." Damit baute er mich halbwegs wieder auf.

Doch bei meinem Fehler in Prüfung Nummer drei half auch ein freundlicher Herr Jonitz nicht. Beim Abfahren wollte ich gründlich und vorsichtig sein - und nahm jemandem die Vorfahrt. Damit war die Prüfung nach einer Minute zu Ende.

Prüfung Nummer 4: Ich verschalte mich, wir hoppeln...

Ein langer Anlauf, eine 14-monatige Fahrschulkarriere, die eigentlich nur acht Wochen dauern sollte. Was wohl heute passiert? Prüfung Nummer vier beginnt um 7.45 Uhr. Selten war ich so fahrig. Mein Projekt Führerschein hat mich bis hierhin mehr als 2000 Euro gekostet - noch einmal Durchfallen verkrafte ich bestimmt nicht. Der Prüfer ist mir sympathisch, er beruhigt mich, sagt, ich solle bitte ganz langsam fahren.

Ich atme tief durch und fahre los. Je weiter wir uns vom Startpunkt entfernen, desto ruhiger werde ich. Der Prüfer lotst mich durch einen Vorort mit schmalen Straßen, lässt mich seitlich einparken und umkehren. Dann fahren wir auf die Autobahn, auch das klappt.

Es läuft, denke ich noch - und verschalte mich. Das Fahrschulauto hoppelt, wir drei hoppeln mit, mein Puls steigt. Doch der Prüfer lässt mich ohne Kommentar zurück zum Abfahrtsort fahren. Ich parke ein und traue mich nicht, mich umzudrehen. Habe ich etwa bestanden?

Der Prüfer bleibt ernst. "Also, Frau Kinzelmann, ein paar Anmerkungen hätte ich", sagt er. Es gefällt ihm nicht, wie ich schalte, kein Wunder. Dann fragt er: "Bekommen Sie das hin?" Ich nicke heftig. Er sagt. "Na, dann. Herzlichen Glückwunsch." Ich heule fast vor Glück. Dann schreibe ich meiner Schwester eine Nachricht und poste auf Facebook: "FÜHRERSCHEIN!!! (Aller guten Dinge sind vier.)" Als wir zurück in die Stadt fahren, sitze ich entspannt auf dem Beifahrersitz. Mein Fahrlehrer schmunzelt und sagt: "Unsere Fahrt ist hier endlich beendet."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 260 Beiträge
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    Seite 1    
1. jooo
-g- 25.07.2012
mit solchen Typen habe ich es tagtäglich auf der Autobahn zu tun ... vielen lieben Dank an dieser Stelle ... und bis morgen
2. Was für ein journalistisches Konzept
gumbofroehn 25.07.2012
Am Leben fröhlich scheitern (Ersti-Tagebuch, Alptraum Führerschein) und darüber einfach schreiben. Ich finde die Generation Facebook klasse, denen ist nichts mehr peinlich.
3. zum glück...
superstrom 25.07.2012
...wohne ich nicht in stuttgart. die chancen, dass wir uns begegnen und sie mich über den haufen fahren werden sind gering. aber führerschein hin oder her, der beifahrersitz kann auch spaß machen. just sayin'...
4.
franko_potente 25.07.2012
Zitat von sysopNach dem Abi wollte Fabienne Kinzelmann, 20, fix den Führerschein machen. Das ist jetzt über ein Jahr her. In 14 Monaten hat sie drei Fahrlehrer verschlissen und drei Prüfungen verhauen. Die Geschichte eines letzten Versuchs. Alptraum Führerschein: Dreimal durch die Fahrprüfung gefallen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,844816,00.html)
oh weh, das sind dann wohl die Frauen, die beim "zur Seite blicken" mitlenken. Leider erlebt man sowas ständig, aber die anderen sind dann die rücksichtslosen Fahrer. Menschen die in Autos nur reagieren, anstatt zu agieren.
5. Na dann...
Jondo 25.07.2012
...nach x Fahrstunden und drei versemmelten Prüfungen immer noch nicht schalten können - aber auf den Verkehr losgelassen werden. So leid es mir tut, aber sie hätte nie und nimmer bestehen dürfen. Gerade die "Verschalter" produzieren im fliessenden Verkehr Auffahrunfälle.
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