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12. Juni 2012, 10:49 Uhr

Albanerin in Deutschland

"Grandios, so was als Ausländerin zu leisten"

Sie lebt in zwei Kulturen, spricht zwei Sprachen, hat zwei Heimaten: Egzona Hyseni, 18, ist Kosovo-Albanerin in Deutschland. Sie geht aufs Gymnasium, ist Klassenbeste in Deutsch, muss ständig ihren Namen buchstabieren und die Frage beantworten: Woher kommst du? Das nervt sie! Sehr!

Ich bin in Bayern geboren und im Schwabenland aufgewachsen. Mit Käsespätzle, Krautsalat und einer Frage, die mich verfolgt, seit ich sprechen kann: Woher kommst du?

Die Frage taucht beispielsweise in der Drogerie an der Kasse auf: Nachdem ich mit Karte gezahlt habe, soll ich auf dem Bon unterschreiben.

"Woher kommen Sie denn?", fragt die Frau an der Kasse.

"Aus Nürtingen", sage ich.

"Ich meine, woher wirklich?"

"Ich bin in Bayern geboren."

"Nein, ich meine, Ihr Name ist nicht deutsch, Sie sehen nicht deutsch aus, woher genau kommen Sie?"

"Aus Nürtingen!", sage ich trotzig und genervt.

"Und Ihre Eltern?"

"Aus Kosovo."

"Sie sprechen dafür wirklich akzentfrei Deutsch."

Beinahe hätte ich gesagt: "Na, Sie können ja gut laufen."

Zwar sage ich bei solchen Gesprächen oft: "Ich finde es gut, dass Sie mich so direkt fragen." Aber eigentlich denke ich: Sehe ich so fremd aus? Und wenn schon, was geht Sie das an? Innerlich reagiere ich mal zickig, mal belustigt darüber, dass ich eine Attraktion bin. Eigentlich möchte ich nur zahlen und gehen.

Die beste in Deutsch, ohne deutsch zu sein

Das ist ein kleiner Ausschnitt aus meinem Leben als Ausländerin. Oder wie heißt es politisch korrekt: Deutsche mit Migrationshintergrund? Manche nennen mich auch Kanacke, als Deutsch-Albanerin möchte ich nicht bezeichnet werden. Denn diese neudeutschen Begriffe setzen mich auf etwas herab, das ich nicht sein will. Ich möchte nur Egzona sein, die das Privileg besitzt, zwei Sprachen zu sprechen und zwei Kulturen zu leben. Aus beiden Kulturen möchte ich das übernehmen, was ich gut finde.

Ich besitze keinen deutschen Pass, sondern den kosovarischen Pass mit unbefristeter Aufenthaltserlaubnis, das ist für viele ein Mysterium. Aber ich habe meinen kosovarischen Pass sehr gern, vor allem, weil es ihn erst seit Anfang 2008 gibt und dafür viele Menschen viele Jahre gekämpft haben.

Viele glauben mir nicht, dass meine Eltern beide Albaner sind, sie kamen 1993 nach Deutschland. Für sie ist es unmöglich, die Beste in Deutsch zu sein, ohne deutsch zu sein. Normal zu sein, obwohl man einer anderen Kultur entstammt. Ich bin ein schlagkräftiges Gegenargument. Denn ich besitze den gleichen Teil an Kultur wie meine Mitschüler - und noch einen weiteren dazu.

Ausländerin korrigiert Deutschlehrerin

In der dritten Klasse rief mein Klassenlehrer bei uns zu Hause an. Begeistert erzählte er von meiner Deutscharbeit, er habe selten so etwas Gutes gelesen. "Grandios, so etwas als Ausländerin zu leisten!" Als meine Mutter mir davon erzählte, war ich glücklich, weil sie glücklich war. Dass ich Noten für mich selbst schreibe, habe ich zu dem Zeitpunkt noch nicht verstanden. Das mit dem Ausländersein ohnehin nicht.

Meine Mitschüler waren damals Deutsche, Türken, Italiener, Russen. Für mich spielte das keine Rolle. Und trotzdem war ich manchmal wütend, wenn meine russische Sitznachbarin mich nicht verstand, weil sie kaum Deutsch sprach. Ausländerin ist verärgert über Ausländerin. Auch das kommt vor.

Nach der vierten Klasse war ich die Einzige, die aufs Gymnasium wechselte. Mein Lehrer war wieder begeistert: "Das als Ausländerin, das wird mal eine ganz Große!" Das Wort positive Diskriminierung kannte ich noch nicht. Ich freute mich nur über das Lob.

In der neunten Klasse sollten wir in Deutsch etwas von der Tafel abschreiben. Ich meinte, das Wort "bizarr" war falsch geschrieben und meldete mich: "Schreibt man bizarr nicht nur mit einem z?", frage ich. "Nein, wenn du mir nicht glaubst, schau' ins Wörterbuch", sagte die Lehrerin. Das tat ich und sah, dass ich recht hatte.

Nach der Stunde wollte meine Lehrerin mit mir reden. Sie lacht: "Dass du als Ausländerin die Rechtschreibung besser kennst als deine Deutschlehrerin, ist wirklich sehr erstaunlich." Insgeheim freue ich mich ein wenig, dass meine Lehrerin sich darüber ärgert, von mir verbessert worden zu sein.

Im Kosovo werde ich deutscher als in Deutschland

Nach der Schule sage ich "Tschüs" zu meiner Freundin, und "Mirëdita, babi, a u lodhe?" zu meinem Vater, als ich zu ihm ins Auto steige. Zuhause gibt es gefüllte Paprika, nach albanischer Tradition. Dann mache ich Hausaufgaben. In Kunst sollen wir etwas zu unserem Urlaub zeichnen. Da wir jeden Sommer in den Kosovo fahren, zeichne ich die Länder, die wir durchqueren. Erst Deutschland, dann Österreich, Slowenien, Kroatien, Montenegro und Albanien.

Im Kosovo versuche ich ein Jahr Abwesenheit mit ein paar intensiven Wochen wettzumachen. Meine Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins küssen mich zur Begrüßung auf die Wangen und fragen mich, das Kind der Auswandererfamilie: "Wo gefällt's dir besser?" Ich werde rot, will niemanden verletzen und sage: "Natürlich im Kosovo, hier, wo ihr alle seid." "Aber in Deutschland ist es doch viel besser", sagt einer. Die Arbeit sei besser, die Städte sauberer. Oft loben sie mich auch: "Du sprichst so toll Albanisch!"

Wenn ich im Kosovo bin, werde ich deutscher als in Deutschland. Da gelte ich fast schon als spießig, wenn ich beim Einkaufen sparen will oder meine Trinkflasche und ein Vesper mitnehme. Dort kauft man alles to go. Allerdings fühlt es sich weniger schlimm an, im Kosovo Deutsche zu sein als in Deutschland Ausländerin.

Auf der Rückreise nach Deutschland treffen wir viele Albaner, es besteht zwischen uns ein Gemeinschaftsgefühl. Etwas, das ich in Deutschland nie hatte und bis heute nicht habe - außer bei der Fußball-Welt- und jetzt der Europameisterschaft, bei der ich für Deutschland mitfiebere.

"Mein Ehrgeiz wächst mit mir"

Wenn die Lehrer uns nach unseren Sommerferien fragen, bin ich die mit den zwei Heimaten. Das macht mich stärker und reicher, kostet aber auch Kraft. An einigen Tagen fühle ich mich albanischer, da vermisse ich die Lockerheit und den Witz, der mir im Kosovo jeden Tag begegnet. Da höre ich lieber albanische Hits, als deutsche oder englische, da vermisse ich meine Familie. Wenn ich mit meinen Eltern rede, spreche ich manchmal von "den Deutschen" und "uns Albanern". Zu Freunden sage ich: "Wir in Deutschland".

Eigentlich bin ich froh, albanisch zu sein und in Deutschland zu leben. Ich habe zwei Kulturen und den Ausländerbonus - auch wenn er manchmal ein Malus ist. Wenn ich gute Leistungen bringe, werde ich doppelt gelobt, bei schlechten schäme ich mich doppelt so sehr. Ich habe es bei Bewerbungen schwerer, aber deshalb strenge ich mich auch viel mehr an. Mein Ehrgeiz wächst ständig mit mir mit.

Im Abiturjahr fahren wir nach Madrid auf Studienfahrt. Am Check-In zeige ich meinen kosovarischen Pass, in der Hand halte ich einige Dokumente. Spanien hat Kosovo zwar nicht anerkannt, dennoch sagte mir das spanische Konsulat, dass ich mit einer beglaubigten Teilnahmebescheinigung der Studienfahrt kein Problem bei der Einreise haben sollte.

Am Schalter nimmt mich eine Frau zur Seite. "Sie sind Kosovo-Albanerin, Sie dürfen nicht einreisen", sagt sie. "Aber das Konsulat sagte mir, dass es bei Klassenfahrten Ausnahmeregelungen gibt?", frage ich. "Wenn ich Sie einreisen lasse, kann es sein, dass Sie nicht ausreisen dürfen." Ich ärgere mich, dass ich mich für die Studienfahrt entschieden habe. Wenn die mich nicht einreisen lassen wollen, will ich da gar nicht hin. Nach einer halben Stunde gibt die Frau nach.

Als ich ins Flugzeug steige, scherzen meine Mitschüler. "Egzona, pack' deinen Gebetsteppich aus und fang' an zu beten, du kleine Terroristin." Ich lache angestrengt. Wieder einmal bin ich unfreiwillig aufgefallen.

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