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Albanerin in Deutschland: "Grandios, so was als Ausländerin zu leisten"

Sie lebt in zwei Kulturen, spricht zwei Sprachen, hat zwei Heimaten: Egzona Hyseni, 18, ist Kosovo-Albanerin in Deutschland. Sie geht aufs Gymnasium, ist Klassenbeste in Deutsch, muss ständig ihren Namen buchstabieren und die Frage beantworten: Woher kommst du? Das nervt sie! Sehr!

Deutsche Ausländerin: Zwei Heimaten, zwei Sprachen, eine Frage Fotos
Sandra Ottenwälder

Ich bin in Bayern geboren und im Schwabenland aufgewachsen. Mit Käsespätzle, Krautsalat und einer Frage, die mich verfolgt, seit ich sprechen kann: Woher kommst du?

Die Frage taucht beispielsweise in der Drogerie an der Kasse auf: Nachdem ich mit Karte gezahlt habe, soll ich auf dem Bon unterschreiben.

"Woher kommen Sie denn?", fragt die Frau an der Kasse.

"Aus Nürtingen", sage ich.

"Ich meine, woher wirklich?"

"Ich bin in Bayern geboren."

"Nein, ich meine, Ihr Name ist nicht deutsch, Sie sehen nicht deutsch aus, woher genau kommen Sie?"

"Aus Nürtingen!", sage ich trotzig und genervt.

"Und Ihre Eltern?"

"Aus Kosovo."

"Sie sprechen dafür wirklich akzentfrei Deutsch."

Beinahe hätte ich gesagt: "Na, Sie können ja gut laufen."

Zwar sage ich bei solchen Gesprächen oft: "Ich finde es gut, dass Sie mich so direkt fragen." Aber eigentlich denke ich: Sehe ich so fremd aus? Und wenn schon, was geht Sie das an? Innerlich reagiere ich mal zickig, mal belustigt darüber, dass ich eine Attraktion bin. Eigentlich möchte ich nur zahlen und gehen.

Die beste in Deutsch, ohne deutsch zu sein

Das ist ein kleiner Ausschnitt aus meinem Leben als Ausländerin. Oder wie heißt es politisch korrekt: Deutsche mit Migrationshintergrund? Manche nennen mich auch Kanacke, als Deutsch-Albanerin möchte ich nicht bezeichnet werden. Denn diese neudeutschen Begriffe setzen mich auf etwas herab, das ich nicht sein will. Ich möchte nur Egzona sein, die das Privileg besitzt, zwei Sprachen zu sprechen und zwei Kulturen zu leben. Aus beiden Kulturen möchte ich das übernehmen, was ich gut finde.

Ich besitze keinen deutschen Pass, sondern den kosovarischen Pass mit unbefristeter Aufenthaltserlaubnis, das ist für viele ein Mysterium. Aber ich habe meinen kosovarischen Pass sehr gern, vor allem, weil es ihn erst seit Anfang 2008 gibt und dafür viele Menschen viele Jahre gekämpft haben.

Viele glauben mir nicht, dass meine Eltern beide Albaner sind, sie kamen 1993 nach Deutschland. Für sie ist es unmöglich, die Beste in Deutsch zu sein, ohne deutsch zu sein. Normal zu sein, obwohl man einer anderen Kultur entstammt. Ich bin ein schlagkräftiges Gegenargument. Denn ich besitze den gleichen Teil an Kultur wie meine Mitschüler - und noch einen weiteren dazu.

Ausländerin korrigiert Deutschlehrerin

In der dritten Klasse rief mein Klassenlehrer bei uns zu Hause an. Begeistert erzählte er von meiner Deutscharbeit, er habe selten so etwas Gutes gelesen. "Grandios, so etwas als Ausländerin zu leisten!" Als meine Mutter mir davon erzählte, war ich glücklich, weil sie glücklich war. Dass ich Noten für mich selbst schreibe, habe ich zu dem Zeitpunkt noch nicht verstanden. Das mit dem Ausländersein ohnehin nicht.

Meine Mitschüler waren damals Deutsche, Türken, Italiener, Russen. Für mich spielte das keine Rolle. Und trotzdem war ich manchmal wütend, wenn meine russische Sitznachbarin mich nicht verstand, weil sie kaum Deutsch sprach. Ausländerin ist verärgert über Ausländerin. Auch das kommt vor.

Nach der vierten Klasse war ich die Einzige, die aufs Gymnasium wechselte. Mein Lehrer war wieder begeistert: "Das als Ausländerin, das wird mal eine ganz Große!" Das Wort positive Diskriminierung kannte ich noch nicht. Ich freute mich nur über das Lob.

In der neunten Klasse sollten wir in Deutsch etwas von der Tafel abschreiben. Ich meinte, das Wort "bizarr" war falsch geschrieben und meldete mich: "Schreibt man bizarr nicht nur mit einem z?", frage ich. "Nein, wenn du mir nicht glaubst, schau' ins Wörterbuch", sagte die Lehrerin. Das tat ich und sah, dass ich recht hatte.

Nach der Stunde wollte meine Lehrerin mit mir reden. Sie lacht: "Dass du als Ausländerin die Rechtschreibung besser kennst als deine Deutschlehrerin, ist wirklich sehr erstaunlich." Insgeheim freue ich mich ein wenig, dass meine Lehrerin sich darüber ärgert, von mir verbessert worden zu sein.

Im Kosovo werde ich deutscher als in Deutschland

Nach der Schule sage ich "Tschüs" zu meiner Freundin, und "Mirëdita, babi, a u lodhe?" zu meinem Vater, als ich zu ihm ins Auto steige. Zuhause gibt es gefüllte Paprika, nach albanischer Tradition. Dann mache ich Hausaufgaben. In Kunst sollen wir etwas zu unserem Urlaub zeichnen. Da wir jeden Sommer in den Kosovo fahren, zeichne ich die Länder, die wir durchqueren. Erst Deutschland, dann Österreich, Slowenien, Kroatien, Montenegro und Albanien.

Im Kosovo versuche ich ein Jahr Abwesenheit mit ein paar intensiven Wochen wettzumachen. Meine Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins küssen mich zur Begrüßung auf die Wangen und fragen mich, das Kind der Auswandererfamilie: "Wo gefällt's dir besser?" Ich werde rot, will niemanden verletzen und sage: "Natürlich im Kosovo, hier, wo ihr alle seid." "Aber in Deutschland ist es doch viel besser", sagt einer. Die Arbeit sei besser, die Städte sauberer. Oft loben sie mich auch: "Du sprichst so toll Albanisch!"

Wenn ich im Kosovo bin, werde ich deutscher als in Deutschland. Da gelte ich fast schon als spießig, wenn ich beim Einkaufen sparen will oder meine Trinkflasche und ein Vesper mitnehme. Dort kauft man alles to go. Allerdings fühlt es sich weniger schlimm an, im Kosovo Deutsche zu sein als in Deutschland Ausländerin.

Auf der Rückreise nach Deutschland treffen wir viele Albaner, es besteht zwischen uns ein Gemeinschaftsgefühl. Etwas, das ich in Deutschland nie hatte und bis heute nicht habe - außer bei der Fußball-Welt- und jetzt der Europameisterschaft, bei der ich für Deutschland mitfiebere.

"Mein Ehrgeiz wächst mit mir"

Wenn die Lehrer uns nach unseren Sommerferien fragen, bin ich die mit den zwei Heimaten. Das macht mich stärker und reicher, kostet aber auch Kraft. An einigen Tagen fühle ich mich albanischer, da vermisse ich die Lockerheit und den Witz, der mir im Kosovo jeden Tag begegnet. Da höre ich lieber albanische Hits, als deutsche oder englische, da vermisse ich meine Familie. Wenn ich mit meinen Eltern rede, spreche ich manchmal von "den Deutschen" und "uns Albanern". Zu Freunden sage ich: "Wir in Deutschland".

Eigentlich bin ich froh, albanisch zu sein und in Deutschland zu leben. Ich habe zwei Kulturen und den Ausländerbonus - auch wenn er manchmal ein Malus ist. Wenn ich gute Leistungen bringe, werde ich doppelt gelobt, bei schlechten schäme ich mich doppelt so sehr. Ich habe es bei Bewerbungen schwerer, aber deshalb strenge ich mich auch viel mehr an. Mein Ehrgeiz wächst ständig mit mir mit.

Im Abiturjahr fahren wir nach Madrid auf Studienfahrt. Am Check-In zeige ich meinen kosovarischen Pass, in der Hand halte ich einige Dokumente. Spanien hat Kosovo zwar nicht anerkannt, dennoch sagte mir das spanische Konsulat, dass ich mit einer beglaubigten Teilnahmebescheinigung der Studienfahrt kein Problem bei der Einreise haben sollte.

Am Schalter nimmt mich eine Frau zur Seite. "Sie sind Kosovo-Albanerin, Sie dürfen nicht einreisen", sagt sie. "Aber das Konsulat sagte mir, dass es bei Klassenfahrten Ausnahmeregelungen gibt?", frage ich. "Wenn ich Sie einreisen lasse, kann es sein, dass Sie nicht ausreisen dürfen." Ich ärgere mich, dass ich mich für die Studienfahrt entschieden habe. Wenn die mich nicht einreisen lassen wollen, will ich da gar nicht hin. Nach einer halben Stunde gibt die Frau nach.

Als ich ins Flugzeug steige, scherzen meine Mitschüler. "Egzona, pack' deinen Gebetsteppich aus und fang' an zu beten, du kleine Terroristin." Ich lache angestrengt. Wieder einmal bin ich unfreiwillig aufgefallen.

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1. mhh...
Lagoran 12.06.2012
Muss wohl ein schwäbisches Phänomen sein, oder ein ziemlich ländliches. Ich könnte mir in Großstädten nicht mal im Traum vorstellen das Menschen mit Migrationshintergrund so bescheurte Fragen gestellt bekommen, schließlich sind diese dort absolut normal. Was genau soll dieser Artikel jetzt bringen? Wieder einmal ein "Es gibt auch gute Beispiele" Artikel?
2. So
Steinwald 12.06.2012
Generell sind solche Berichte doch unnötig, es ist doch klar, dass JEDER hier was erreichen kann, zu meiner Zeit war das wurscht, ob jemand Albaner oder Zuzilianer war, die konnten alle Deutsch und waren im Feuerwehrverband, und dass nun so jemand IMMER die frage nach der Herkunft zu beantworten hat, ist völlig normal und klar und warum sollte es sie nerven? Sie hat einen komischen Namen, sie würde überall ausser in Albanien gefragt werden. Das ist menschlich. Nur in Tyskland machen wir wieder ein Problem draus.
3.
bekkawei 12.06.2012
Zitat von SteinwaldGenerell sind solche Berichte doch unnötig, es ist doch klar, dass JEDER hier was erreichen kann, zu meiner Zeit war das wurscht, ob jemand Albaner oder Zuzilianer war, die konnten alle Deutsch und waren im Feuerwehrverband, und dass nun so jemand IMMER die frage nach der Herkunft zu beantworten hat, ist völlig normal und klar und warum sollte es sie nerven? Sie hat einen komischen Namen, sie würde überall ausser in Albanien gefragt werden. Das ist menschlich. Nur in Tyskland machen wir wieder ein Problem draus.
Nee, nicht wir machen ein Problem daraus, diese junge Frau macht ein Problem daraus. Es ist weiter nichts als menschlich, zugewandt und Interesse zeigend, diese Frage zu stellen. Glauben Sie es, würde jeder nur gleichgültig darüber hinweggehen, wäre es auch wieder nicht richtig.
4. optional
SirJazz 12.06.2012
Zitat von LagoranMuss wohl ein schwäbisches Phänomen sein, oder ein ziemlich ländliches. Ich könnte mir in Großstädten nicht mal im Traum vorstellen das Menschen mit Migrationshintergrund so bescheurte Fragen gestellt bekommen, schließlich sind diese dort absolut normal. Was genau soll dieser Artikel jetzt bringen? Wieder einmal ein "Es gibt auch gute Beispiele" Artikel?
Falsch. Ich hab in Berlin mein Abitur gemacht und musste mir oft sowas anhören. Mittlerweile immernoch. Letztens hat mich jemand gefragt ob meine Ehe arrangiert ist. Aber das leidige Thema, die Dummen bleiben hier, die Schlauen wandern wieder in die Türkei. Weil sie da besser bezahlt werden. Und anerkannt. Zumindestens beruflich. Arbeitsmarkt: Jung, gut und unerwünscht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,554163,00.html) http://www.tasd.futureorg.de/_files/_presse/FAZ_Hochschulanzeiger_Zu_Hause_in_zwei_Kulturen.pdf Viele türkischstämmige Akademiker wollen aus Deutschland abwandern | Telepolis (http://www.heise.de/tp/r4/artikel/31/31352/1.html) Zurück in die fremde Heimat (http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/426786) Nicht wundern wenn durch solche "Dummheits-Diskriminierung" keiner mehr Lust hat.
5. völlig Normal und nicht schlimm
dalesmith 12.06.2012
Zitat von sysopSandra OttenwälderSie lebt in zwei Kulturen, spricht zwei Sprachen, hat zwei Heimaten: Egzona Hyseni, 18, ist Kosovo-Albanerin in Deutschland. Sie geht aufs Gymnasium, ist Klassenbeste in Deutsch, muss ständig ihren Namen buchstabieren und die Frage beantworten: Woher kommst du? Das nervt sie! Sehr! http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,833143,00.html
Ich lebe seit 1972 in Deutschland heisse Dale Smith,komme aus den USA,Sohnn einer Deutschen. Seit dem ersten Tag werde ich jedesmal wenn ich meinen Namen nenne gefragt woher ich komme und wieso. Ausserdem bin ich für Versklavung,Indianer Kriege ,Vietnam,schlechtes Essen(Märchen!) verantwortlich. Deutsche denken gerne in Schubladen. Na und ? klar nerven die wiederholungen,oft sage ich ,ich heisse Schmidt mit DT,erleichert einiges. Aber zum weinen ist das Kein Grund . Und Mitleid entkommt mir auch nicht.
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Zur Person
Die Autorin Egzona Hyseni, 18, hat im vergangenen Jahr den zweiten Platz beim SPIEGEL-Schülerzeitungswettbewerb gewonnen. Sie hat in Nürtingen in diesem Jahr ihr Abitur bestanden und dort als Chefredakteurin die Schülerzeitung "Spongo" betreut. Im Oktober möchte sie mit dem Studium beginnen - am liebsten Medienwissenschaften und Soziolgie.

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Das Kosovo
Die Region
Im Kosovo leben auf 10.887 Quadratkilometern - einer Fläche etwa halb so groß wie Hessen - knapp zwei Millionen Einwohner, 95 Prozent sind muslimische Kosovo-Albaner. Um nach dem Krieg von 1999 weitere gewalttätige Auseinandersetzungen mit den Serben zu verhindern, wurde die Region unter die Verwaltung der Vereinten Nationen gestellt. Diese Unmik-Mission soll durch die größte zivile Mission der Europäischen Union im Rahmen der europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP) abgelöst werden.
Geschichte
Der Name Kosovo ist vom Wort "Amselfeld" (Kosovo Polje) abgeleitet, wo am 28. Juni 1389 die Osmanen unter Murad I. die Serben unter Zar Lazar vernichtend schlugen. Auf serbischer Seite kämpften auch Albaner, Bulgaren, Bosnier, Polen, Ungarn und Mongolen. Mit der Niederlage auf dem Amselfeld begann der Untergang des alten Großserbischen Reiches und der Aufstieg des Osmanischen Reiches, das danach den Balkan eroberte.
Die Kfor-Truppen
Nach dem Luftkrieg der Nato gegen Serbien 1999 startete die Allianz auf der Grundlage eines Uno-Mandats ihre Kosovo-Mission (Kfor) mit zunächst 43 000 Soldaten. Gegenwärtig sind in der völkerrechtlich zur Serbien gehörenden Provinz rund 14.000 ausländische Soldaten stationiert. Die Bundeswehr beteiligt sich hier mit momentan knapp 2500 Mann.
Die Resolution 1244
Grundlage des Kfor-Einsatzes ist die am 10. Juni 1999 vom Uno-Sicherheitsrat verabschiedete Resolution 1244. Darin werden Rahmenbedingungen für eine internationale Sicherheitspräsenz im Kosovo geregelt sowie der Auftrag formuliert, im Kosovo ein multi-ethnisches, friedliches, rechtsstaatliches und demokratisches Umfeld mit autonomer Selbstverwaltung aufzubauen. Eine zeitliche Begrenzung des Einsatzes internationaler ziviler und militärischer Helfer ist in der Resolution nicht enthalten.

Fläche: 10.908 km²

Bevölkerung: 1,845 Mio.

Hauptstadt: Pristina

Staatsoberhaupt:
Hashim Thaçi

Regierungschef: Isa Mustafa

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