Als Zivi in Russland: "Behinderte sieht man hier nie"

Menschen mit Behinderung haben es in Russland schwer. Es gibt kaum Betreuung, öffentliche Einrichtungen sind selten rollstuhlgerecht. Sie sind auf die Hilfe ihrer Familien angewiesen - oder auf gemeinnützige Einrichtungen. In einer hat Roman Zitlau seinen Ersatzdienst geleistet.

Zivildienst in Russland: "Es ist großartig, ein Helfer zu sein"
Fotos
Roman Zitlau

"Noch einmal die Hauptstraße von Nishnij Novgorod entlang gehen, das war ihr größter Wunsch. Ekaterina wohnte abseits der Stadt, Kinderlähmung hatte ihren Körper verkrüppelt, das Gehen fiel ihr schwer und sie war jahrelang nicht in der Stadt gewesen. Ich nahm sie an die Hand und stützte sie. Wir kamen nur mühsam voran. Die Menschen auf der Straße glotzten uns an, als seien wir Aliens. In Ekaterinas Lieblingsrestaurant aßen wir Blinis, eine Art russische Crèpes, mit Kirschen und Schokolade. Für mich war es eine Kleinigkeit, aber für sie war es ein großartiges Erlebnis. Und das machte es auch für mich zu einem der eindrucksvollsten Momente in Russland.

Ich habe den Kriegsdienst verweigert und statt dem Zivildienst den Anderen Dienst im Ausland gemacht. Ich war in der Millionenstadt Nishnij Novgorod, 400 Kilometer südöstlich von Moskau untergebracht und habe bei der Wohltätigkeitsorganisation 'Raduga' gearbeitet. Das heißt zu deutsch 'Regenbogen'. Hier beschäftigten wir uns mit behinderten Kindern jeder Altersgruppe. Es gibt Kinder im Vorschulalter, aber auch über 20-Jährige. Sie haben Autismus, das Down-Syndrom oder Epilepsie. Durch den Dienst wollte ich herausfinden, ob ich anschließend eher Medizin oder Psychologie studieren sollte.

Der Andere Dienst im Ausland
Der "Andere Dienst" dauert mindestens zwei Monate länger als der Zivildienst, also momentan elf Monate. Er muss vor Vollendung des 23. Lebensjahres angetreten werden und das friedliche Zusammenleben der Völker fördern. Die Tätigkeit soll in einer praktischen Arbeit im sozialen Bereich bestehen. Sie wird unentgeltlich und über einen staatlich anerkannten Träger abgeleistet.
Nishnij Novgorod ist eine Stadt der Gegensätze. Auf der einen Seite gibt es die superreichen Luxusviertel mit prunkvollen Bauten und teuren Geschäften. Der größte Teil der Stadt jedoch ist geprägt von sowjetisch-anonymen Plattenbauten zwischen denen man sich klein und verloren fühlt.

"Helfer sein, fühlt sich großartig an"

Behinderte sieht man hier nie. Das liegt daran, dass sie mit ihren Rollstühlen weder in die U-Bahn, noch in Geschäfte kommen. Es gibt keine Rampen oder Aufzüge, die Ihnen zu einem eigenständigen Leben verhelfen könnten. Es gibt auch keine Heime für Behinderte, in denen sie gepflegt werden und sie werden finanziell kaum unterstützt. Sie sind darauf angewiesen, dass die Familien sie pflegen.

In der Zeit, die ich bei der Organisation 'Raduga' verbrachte, habe ich die Kinder wirklich lieben gelernt. Ich habe ihnen etwas auf meiner Gitarre vorgespielt oder Lieder mit ihnen gesungen. Wir haben zusammengesessen und gelacht und Geburtstage gefeiert. Ich habe erfahren, wie es sich anfühlt, ein Helfer zu sein. Als ich in den Ferien mal auf einer Baustelle gearbeitet habe, hat sich das anders angefühlt. Jetzt hatte ich das Gefühl, der Welt etwas Gutes zu geben. Das fühlt sich großartig an. Außerdem wurde mir klar, welch großes Glück es ist, in einer so heilen Welt wie in Deutschland zu leben.

In Russland gibt es viel Grausamkeit und Ungerechtigkeit. Über die Unterschiede zwischen Russen und Deutschen erzählt man sich folgende Geschichte: Wenn in Deutschland jemand sieht, dass der Nachbar ein tolles Haus gebaut hat, fängt er an, hart zu arbeiten, um auch einmal so ein schönes Haus zu haben. In Russland würde man das Haus in Brand stecken, damit der Nachbar wieder genauso arm ist wie man selbst.

Spazieren mit Bier und gesalzenem Fisch

Überhaupt kümmern sich die Russen in erster Linie um sich selbst, so war zumindest mein Eindruck. Einmal habe ich erlebt, dass ein Obdachloser mit dem Gesicht im Schnee lag. Niemand hat ihm geholfen, aber das scheint ganz normal zu sein. Ich habe ihn dann aufgesetzt und an eine Wand gelehnt.

Wenn man die Russen hingegen näher kennenlernt, dann sind sie viel herzlicher als die Deutschen. Sie teilen ihre Gefühle und Gedanken mit, sind sehr gastfreundlich und laden einen gleich zum Wodka-Trinken ein. Auch die Freizeit verbringen sie ganz anders als die Deutschen. Sie kaufen Bier und gesalzenen Fisch, versammeln sich im Park oder gehen spazieren. Um auszudrücken, dass man seine Freizeit verbringt, sagen die Russen 'spazieren gehen' und das war meistens ziemlich lustig.

Kurz bevor mein Anderer Dienst im Juli 2008 vorbei war, kam mich ein Freund aus Deutschland besuchen und brachte mir ein paar Magazine über Physik mit. Da wurde mir schlagartig klar, was meine wirkliche Leidenschaft ist. Heute studiere ich im vierten Semester Physik in München. Ich glaube, auf Dauer würde es mich deprimieren, so viel Leid zu sehen, wie ich es in Russland gesehen habe."

Aufgezeichnet von Friederike Ott

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  • Dienstag, 17.08.2010 – 16:29 Uhr
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Zivildienst in Deutschland
DPA
Der Zivildienst ist eng mit dem Wehrdienst verknüpft und wurde 1961 für Wehrpflichtige eingeführt, die aus Gewissensgründen den Kriegsdienst verweigern. Wie alle Wehrpflichtigen müssen künftige Zivis zunächst an einer Musterung teilnehmen und können erst danach ihre Verweigerung schriftlich beim Kreiswehrersatzamt einreichen. Junge Männer dürfen also nicht einfach zwischen Wehr- und Zivildienst wählen - ihre Gewissensgründe (etwa Erziehung zur Gewaltfreiheit und religiöse Ansichten) müssen offiziell anerkannt werden. Darüber entscheidet das Bundesamt für Zivildienst.


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