Anti-Nazi-Demo: "Verratet eure Namen nicht, wenn ihr verhaftet werdet"

62 Jahre nach der Zerstörung Dresdens nutzen Neonazis den Gedenktag zum "Trauermarsch". Einige tausend Dresdner halten dagegen - vermummte Autonome, Punks, friedliebende Normalbürger. Antonie Rietzschel vom Jugendmagazin "Spiesser" mischte sich unter die Demonstranten.

"Heute sehe ich doch genauso aus wie die." Maria* hat keine Angst vor den vermummten Typen mit den Sonnenbrillen, die ein paar Schritte entfernt stehen. Das Gesicht der 20-Jährigen ist unter der Kapuze kaum zu erkennen, der Schal vor ihrem Mund macht die Worte nur schwer verständlich. Maria möchte nicht erkannt werden. "Schließlich geht es hier darum, eine Nazidemo zu blockieren", erklärt sie. In der Hand hält sie ein Transparent: "Bei uns wird Courage großgeschrieben", steht drauf. Die Farbe ist noch feucht - und hat bei dem Regen auch keine Chance zu trocknen.

Es ist der 13. Februar in Dresden, Gedenktag an den Bombenabwurf auf die Stadt im Jahr 1945. Wie jedes Jahr gibt es eine genehmigte Nazidemo, den die Rechten "Trauermarsch" nennen - und wie jedes Jahr jede Menge Leute, die sich das nicht gefallen lassen wollen. Neben Linksextremen haben sich auch Menschen wie Maria für die von der Antifa organisierte Gegendemo "Deconstruct" entschieden. Ihrer Meinung nach ist eine Blockade des Naziaufmarsches ein stärkeres Zeichen, als nur in der Stadt "rumzulatschen".

Der Song "Krawall und Remmidemmi" dröhnt über den Platz vor der Altmarktgalerie, dem Treffpunkt der Demonstranten. Mehr Klischee geht nicht. Auch die Polizei hat sich auf Remmidemmi eingestellt: Die Spitze der Demo ist umstellt, und jeder, der sich anschließen möchte, wird kontrolliert. Ein paar betrunkene Punks werden nicht durchgelassen.

Bitte keine Fotos

Jonas*, ein Freund von Maria, konnte die Kontrolle gerade hinter sich bringen. Es ist Dienstag, 17.30 Uhr, keiner der Demonstranten hat sich bisher vom Fleck bewegt. Aus dem Lautsprecherwagen - liebevoll "Lauti" genannt - schallen ständig holprige Reden: "Die Stadt ist sich nicht zu blöde, die Nazis an der Synagoge vorbeimarschieren zu lassen. Bei diesem Scheiß machen wir nicht mit. Nie wieder Deutschland."

Wer die Parolen ausgibt, ist nicht zu erkennen. Und der "Lauti" wurde mit einem riesigen Plakat verhüllt: "Deutsche Täter sind keine Opfer" steht darauf. Wer mit einer Kamera herumläuft, bekommt auch eine klare Ansage: "Wir wollen, dass alle abhauen, die vorhaben, unsere Demonstranten zu fotografieren oder zu filmen." Jeder scheint hier strikt auf Anonymität zu achten. Es wird kaum geredet, selbst Maria und Jonas sind wortkarg, bis sie lauthals in den "Nazis-raus"-Chor einstimmen. Damit beginnt die Demonstration. Kurz wird noch die zu wählende Nummer ausgegeben, um festgenommene Teilnehmer zu melden. Schließlich soll heute die Nazidemo blockiert werden. Das ist eine Straftat.

Aus dem Lauti trällert jetzt Madonna. Maria hat sich bei Jonas untergehakt. Die Demonstranten sollen sich in geschlossenen Reihen vorwärts bewegen. Vorn an der Spitze flattern Antifa- und England-Flaggen, auch eine Kommunistenfahne. Eine Lautsprecherstimme fordert die Polizisten auf, nicht vor dem vordersten Transparent herumzuhampeln - denn so sei es ja nicht zu sehen.

Die Stimmung ist ruhig, viele der Kapuzenträger haben ihre Sonnenbrillen abgesetzt. Der Zug läuft an Dresdens große Einkaufsstraße entlang, auf den Gehwegen skeptische Passanten. Zeit für den Lauti: "Wir sind 1500 Demonstranten, auf Naziseite gibt es nur 200." In den ersten Schlagzeilen wird später von 1800 Neonazis die Rede sein.

"Versucht, sie zu kippen!"

Die Demo stockt. Jonas zerrt Maria nach vorn, wo Polizisten den Weg versperren. Auf der anderen Straßenseite sollen angeblich die Nazis vorbeikommen. "Blockiert die Nazidemo und denkt daran: Wenn ihr festgenommen werdet, verratet nicht eure Namen. Die Demonstration ist hiermit aufgelöst." Plötzlich fliegen Feuerwerkskörper nach vorn. Einige Polizisten treten nach Demonstranten, einer zieht seinen Schlagstock und richtet ihn auf einen Punk. "Sammelt euch!", ruft jemand aus der Menge. "Versucht, sie zu kippen!" Offenbar haben die Polizisten auf der rechten Seite eine Lücke entstehen lassen, denn der zuvor schiebende Pulk läuft jetzt ungehindert los.

Maria und Jonas sind verschwunden. Wahrscheinlich blockieren sie gemeinsam mit den anderen die Straße vor der Dresdner Synagoge, wo die Nazis vorbeikommen sollen. Doch sie kommen nicht, laufen unten an den Elbwiesen entlang. Ein Mädchen mit Haaren in pink läuft hektisch zu ihren Freundinnen. Die große Meute löst sich in kleine Rudel auf, die versuchen, ans Elbufer zu kommen. Wenn sie einzelne Nazis erwischen, wird es auf jeden Fall krachen. "Andersrum ist es aber genauso wahrscheinlich", hat Jonas vor Demo-Beginn gesagt.

Für viele endet die Jagd auf die Nazis auf der Demokratiemeile, einer Ansammlung von Ständen verschiedener Parteien. Einige Punks versuchen, letzte Kräfte zu mobilisieren. "Wir brauchen noch Verstärkung, um den Zaun bei den Bullen kaputtzumachen", sagt einer. Doch niemand will mitmachen. Manche empfangen die 5500 Teilnehmer der Paralleldemo "Geh Denken", unter ihnen auch Feli. Sie war vor einem Jahr dabei, als es Antifa und Bürgern tatsächlich gelang, den Naziaufmarsch per Spontan-Sitzstreik auf der Augustusbrücke zu stoppen. Antifa-Mitglieder saßen neben Politikern, Schülern und Studenten. "Es gab damals keine Provokationen, alles lief friedlich ab", sagt die Studentin - und die Polizei sah von einer Räumung ab.

Heute blockieren Polizeiwagen alle wichtigen Brücken. Ein Pärchen versucht verzweifelt, auf die Neustädter Seite zu kommen. "Ich kann Sie hier auf gar keinen Fall durchlassen. Hinter der Semperoper stehen jede Menge Nazis", sagt ein Polizist.

Von Antonie Rietzschel, Spiesser.de

*Namen geändert

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