Ausbildungsberuf Jockey: "Das ist absolutes Adrenalin"
Partys am Wochenende sind bei Jennifer Theinert, 20, selten. Sie will professionelle Rennreiterin werden und muss dafür auf viel verzichten. An dem halsbrecherischen Beruf des Jockeys fasziniert sie vor allem eins: der Rausch der Geschwindigkeit.
Die Sonne brennt auf die sandige Rennbahn in Köln-Weidenpesch. Plötzlich zischt eine Gruppe Pferde um die Kurve. Die Reiter biegen auf die Zielgerade ein, sie stehen in ihren Steigbügeln, unter ihren Helmen rinnt Schweiß. Nach wenigen Sekunden ist alles vorbei.
"Das ist absolutes Adrenalin, Gänsehaut pur", sagt Jennifer Theinert. Die 20-Jährige aus Hannover, 1,56 Meter, Ringelshirt, Röhrenjeans, Tattoo am Hals, saß mit fünf Jahren das erste Mal auf einem Pferd. Jetzt lässt sie sich zum Jockey ausbilden. Ihr großer Traum: einmal das Deutsche Derby in Hamburg reiten, das wichtigste Pferderennen in Deutschland.
Dafür trainiert sie derzeit mit drei anderen Azubis in Köln an Deutschlands einziger Jockeyschule. Die Tage auf der Rennbahn gehören zur Ausbildung "Pferdewirt mit Schwerpunkt Pferderennen". Zusätzlich zu der dreijährigen Lehre muss ein Pferdewirt mindestens 50 Rennen der Klasse A gewonnen haben, ehe er sich Jockey nennen darf. Echte Rennen ist Jennifer noch nicht geritten, sie ist jetzt im letzten Ausbildungsjahr. Später kann sie - selbstständig oder angestellt in einem Stall - Rennen reiten, Pferde trainieren und betreuen.
Zwischen "Traumberuf" und "Knochenjob"
Jennifer ist eine von nur 56 Pferdewirt-Azubis mit dem Schwerpunkt Rennreiten in Deutschland. Die Ausbildung ist hierzulande weniger etabliert als etwa in Frankreich. Um das zu ändern, betreibt der Zentralverband des deutschen Galopprennsports seit zehn Jahren die Kölner Jockeyschule. Gestüte und Besitzer stellen Pferde bereit, die so viel kosten wie ein Kleinwagen. Die Lehrlinge kommen aus ganz Deutschland und trainieren auf der Bahn direkt neben Stars der deutschen Jockey-Szene.
"Ein Traumberuf", sagt Jennifer. "Ein Knochenjob", schränkt ihr Trainer Peter Schiergen ein. Der Ex-Jockey, 1,60 Meter klein, gilt als einer der erfolgreichsten Trainer der Bundesrepublik. Er ist 48 Jahre alt, seit Jahrzehnten im Jockey-Geschäft und weiß, was man dafür braucht: "Gewicht, Größe, Ehrgeiz."
Neben dem Umgang mit den Pferden entscheidet vor allem die Disziplin: Wer eine Karriere als Rennreiter anstrebt, muss beim Azubi-Leben Abstriche machen. Kai Schirmann, Leiter der Schule und ebenfalls ehemaliger Rennreiter, sagt: Ein Jockey müsse fit sein und auf wilde Partys am Wochenende verzichten können. "Das ist ein harter körperlicher Job, nix für Weicheier."
Vor allem das Gewicht muss stimmen. Ein paar Kilo zu viel machen den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage. Ginge es nach ihrem Trainer, müsste Jennifer einige ihrer 55 Kilos loswerden. Mit dem Feierverbot hat sie hingegen kein Problem. Schon eher macht ihr zu schaffen, dass sie ihre Freunde oft vertrösten muss, weil sie am Wochenende keine Zeit hat. Sie schaut sich Rennen in ganz Deutschland an oder kümmert sich um die Pferde.
Nur wenige Frauen setzen sich durch
Nur wenige Nachwuchs-Jockeys schaffen es bis an die Spitze, rund 80 Berufsrennreiter gibt es in Deutschland. Obwohl Frauen derzeit unter den Azubis in der Überzahl sind, kämpfen sich vor allem Männer bis ganz nach oben. Pro Jahr reiten sie Hunderte Rennen in der ganzen Welt. Sie bekommen meist ein Grundgehalt als Pferdewirt von 1600 bis 2000 Euro, dazu kommt ein kleines Startgeld pro Rennen und im besten Fall eine bis zu fünfstellige Siegprämie. Davon wiederum sieht der Jockey lediglich fünf Prozent. Den großen Rest teilen sich der Stall, der Pferdebesitzer und der Trainer.
Jennifer ist ehrgeizig, Schweiß, Staub und Dreck machen ihr nichts aus. Sie ist kein "Wendy"-Pferdemädchen, sondern eine konzentrierte, robuste und uneitle Sportlerin. Nach ihrem Hauptschulabschluss war sie Praktikantin in einem Rennstall und begann danach dort ihre Ausbildung. Jeden Tag Büro, das kann sie sich nicht vorstellen. Die Arbeit mit Pferden und die Natur dagegen habe sie schon immer geliebt.
Etwas später kam auch noch die Begeisterung für Geschwindigkeit dazu. Bis zu 60 Stundenkilometer erreichen Sportpferde im vollen Galopp. Natürlich kennt auch Jennifer den Vorwurf, Galopprennen würden die Tiere quälen. Und sie kennt Berichte über Dopingvorwürfe und spektakuläre Unfälle, wie zuletzt beim Hamburger Derby, als zwei Pferde frontal zusammenprallten. Allerdings: Rennen sei für die Tiere normal, betont Jennifer. "Pferde laufen in der Natur ja auch gern schnell."
Trainer brach sich schon Hals-, Lenden- und Brustwirbel
Der erste Traningstag auf der Rennbahn fing für Jennifer früh, um 7 Uhr morgens stand sie mit den anderen Azubis zum ersten Mal auf der Rennbahn. Mehrere Durchgänge auf Vollblütern, Tiere trocken führen, abreiben, verpflegen. Neben den sportlichen und pflegerischen Aufgaben lernen die vier Azubis an der Jockey-Schule aber auch Rechtliches, etwa wie sich Rennreiter optimal versichern. Denn Unfälle passieren nicht nur den Pferden sondern auch den Reitern.
Jennifers Ausbilder Schirmann weiß das. Als Jockey brach er sich schon Hals-, Lenden- und Brustwirbel. Stürze, die ihn zum Aufhören zwangen. Jennifer kennt die Gefahr, sie ist selbst schon oft vom Pferd gefallen. Angst mache ihr das aber nicht, sagt sie.
Nach dem Training auf der Rennbahn schließt Schirmann seine Kamera an einen Fernseher an und verteilt Haltungsnoten für die Reiteinheit vom Morgen. Danach üben sie auf Mr. Ed, dem Rennpferd-Simulator. Auf Knopfdruck rattert Mr. Ed los und simuliert bis zu 60 Stundenkilometer. Jennifer kontrolliert in einem großen Spiegel ihre Haltung, richtet sich auf und reckt den Po ein wenig höher. "Jenny kann gut umsetzen, was man ihr sagt", freut sich der Trainer. Wichtig, um es bis an die Spitze zu schaffen.
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- Pferdewirte der Fachrichtung Pferderennen verdienen zwischen 468 bis 575 Euro pro Monat im ersten und im dritten Lehrjahr zwischen 558 bis 674 Euro, schreibt die Bundesagentur für Arbeit auf ihrer Webseite. Die meisten Azubis haben einen Haupt- oder Realschulabschluss. Bewerber sollten unter anderem Verständnis für Pferde haben, Verantwortungsbewusstsein und eine geeignete Statur, das heißt sie sollten klein und schlank sein. Hilfreich seien, laut Bundesagentur, zudem gute Kenntnisse in den Fächern Biologie oder Mathematik, etwa für Zuchtfaktoren und die Berechnung von Futterrationen.
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