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Ausgewilderte Manga-Fans: "Pfingstochsen - aber japanische!"

Beim "Cosplay" (Kostümspiel) schlüpfen Manga-Fans in die Rollen ihrer Lieblingshelden. Nur: Was sagen Bauern und Kühe in einem bayerischen Kaff zu den knallbunt kostümierten Figuren? Barbara Lucius mischte sich mit ihren Freunden Linda und Markus unters Landvolk.

"Ich hab' nix getan!", ruft uns ein verschreckter Passant in tiefstem Fränkisch zu. Wahrscheinlich fühlt er sich in seiner beigen Sommerjacke Markus unterlegen. Der steckt nämlich in einer Rüstung, ist mit zwei Samurai-Schwertern bewaffnet und erinnert kein bisschen mehr an einem Informatikstudenten. Heute ist er der Hundedämon Ino no Taisho. Unser Tag beginnt also nicht gerade mit einem Beitrag zur japanisch-bayerischen Völkerverständigung.

Mangas lesen kann jeder. Wir kümmern uns heute um alle drei Dimensionen und sind deshalb als Charaktere aus der Serie "Inuyasha" verkleidet zu dritt im Altmühltal in Bayern unterwegs. Der erschrockene Franke weiß natürlich nicht, dass er soeben wegen Hasendraht, Schaumstoff, Latex, Leder, Stoff und Make-up zusammen gezuckt ist. Diese Materialien hat Markus in seinem Kostüm verarbeitet.

"Für ein Cos, also ein Kostüm, brauche ich sechs Monate, um die 200 Euro und vor allem Spaß an durchbastelten Nächten", erklärt Markus' Freundin Linda, die als Prinzessin Isayoi verkleidet ist: Sie trägt eine lange Schwarzhaarperücke, die stark an Schneewittchen erinnert, einen rosa-mintgrünen Kimono und eine wallend rote Hose. Meine eigenen 1,70 Meter stellen heute Sango dar, eine Dämonenjägerin mit überdimensioniertem Bumerang. Wir sind jedoch nicht im Tokio vor 2500 Jahren, wo die Serie "Inuyasha" spielt, sondern stehen ganz real vor der beschaulichen Kratzmühle an der Altmühl.

Unterwegs auf der Dorfstraße begegnen wir unseren Freunden und Helfern in Grün, die völlig unbeeindruckt vorbeifahren. Dafür hält eine Frau in ihrem Golf an und fragt ganz neugierig nach dem Grund für unsere Verkleidung. "Ach so, ich hätt' dacht, ihr habt's euch in der Jahreszeit g'irrt." Mit Fasching werden wir im Laufe des Tages noch öfter in Verbindung gebracht. Aber Markus und Linda kennen den Unterschied: "Cosplay ist nicht auf die Fünfte Jahreszeit beschränkt, sondern das ganze Jahr über aktuell", sagt Linda. Und Markus schiebt nach: "Auch an Büttenreden, Faschings-Trallalla und spontan improvisierten Kostümen haben wir kein Interesse".

"Was is des für a weißer Stoff an dem Kerl?"

Während in Deutschland die Cosplayer ihre Kostüme mit den eigenen zwei Händen fertigen, sorgen im Heimatland von Cosplay, Sushi und Kimono häufig professionelle Schneider für die Umsetzung eines Charakters mit Stoff und Schere. Nur bei der Beschaffung von Perücken in unüblichen Farben oder Accessoires haben Fans hierzulande manche Hürde zu meistern. Dafür müssen die Cosplayer dann doch auf die Karnevalsabteilung zurückgreifen.

Bei unserem Anblick sind die meisten Kinder erst mal verwirrt, aber es gibt auch eine Ausnahme: Eine 12-jährige Manga-Begeisterte fachsimpelt mit Linda über Zeichentrickserien im Fernsehen. Auch sie scheint bereits von einem gewissen Virus angefallen zu sein, den Markus schon länger kennt. "Ein Freak muss man schon irgendwie sein, um Cosplayer zu werden. Aber eher im Sinne von begeistert, also gefesselt. Und das natürlich zu hundert Prozent."

"Mei Frau hat denkt, da is a UFO g'landt", begrüßt uns ein Mann, vor dem ein halbvoller Maßkrug gefüllt mit Bier auf dem Tisch steht. "Stimmt ja gar net!", widerspricht die Frau daneben. Und gleich beginnen sie uns auszufragen: "Wen stellt's na ihr dar? Und woher kummt des? Und was is des für a weißer Stoff an dem Kerl?"

Zum Kostüm von "Ino no Taisho" gehört ein bodenlanger weißer Fluff, der Begeisterung hervorruft. "Darf ich mich da mal reinkuscheln?", hört Markus vor allem auf Conventions recht häufig. Bei diesen "Cons" treffen sich Cosplayer, um bei einer Art Kostümwettbewerb Preise für besonders originaltreue Verkleidungen zu ergattern. Mit "Sango" - meinem Kostüm für heute - hat Linda bereits einen 10. Platz im Gruppencosplay gewonnen.

Am bekanntesten ist aber die "Connichi", die jährlich in Kassel stattfindet. Ein ganzes Wochenende lang versammeln sich "Sailormoons" und "Pikachus" aus ganz Deutschland, um sich kennen zu lernen, die aktuellsten Entwicklungen der Szene auszutauschen und nebenbei Leute an Bushaltestellen zu irritieren. Aber nicht nur Markus weißer Fluff von "Inu no Taisho" kommt gut an, sondern auch Captain Jack Sparrow aus "Fluch der Karibik": Cosplayer sind zwar überwiegend Darsteller von Charakteren aus Japan, aber hin und wieder befinden sich auch Hollywoodhelden wie die X-Men unter der bunten Menge.

Ein älteres Ehepaar geht an uns vorbei, sie halten uns für einen Schulspielgruppe. Im Kabarett könnten auch unsere nächsten Gesprächspartner auftreten: zwei Herren in Stammtisch-Optik, deren Herz für den FC Bayern schlägt, wie ihre Shirts verkünden. Über uns sind sie sich einig: "Pfingstochsen - aber japanische!", ruft einer laut. Mit Rindvieh hat auch ein Landwirt zu tun, der unseren Aufmarsch scherzhaft als die Ankunft der Heiligen Drei Könige deutet.

In seinem "Heiligen Stall" finden wir zwar keine Krippe mit Jesuskind, dafür aber Kühe, die scheinbar Spektakuläreres als drei japanische Mangahelden gewohnt sind. Mehr als ein verwundertes "Muuuuh" und neugierige Blicke haben sie für uns nicht übrig, doch halt: Immerhin eine von ihnen hält uns für so interessant, dass sie uns mit dem Anblick eines frischen, dicken Fladens belohnt.

Von Barbara Lucius

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Fankultur: Nix Fasching - Mangafan

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