Von Jasper Tjaden
Im Hotel, in dem Daniel*, 20, arbeitet, spukt es. Da wird ein "K" für krank zu einem "F" für frei. Wie von Zauberhand verschwinden auch die Überstunden von den Dienstplänen - "normal", sagt Daniel. In eineinhalb Jahren hatte er zwei freie Wochenenden. Alle weiteren fallen zufällig in seine Urlaubszeit. 16-Stunden-Schichten, unbezahlte Überstunden, zwischendurch eine halbe Stunde Pause, sechs Stunden Schlaf bis zur Frühschicht, drei Tage in Folge. Daniel ist sich nicht sicher, ob das legal ist (ist es nicht).
Daniel freut sich nach dem erweiterten Realschulabschluss über einen Ausbildungsplatz als Restaurantfachmann: ein angesehenes Vier-Sterne Hotel in idyllischer Lage mit "traditioneller Gastlichkeit". Bei allen Unterschieden zwischen den Chefs des Familienunternehmens, erzählt Daniel: Alle schreien sie Angestellte und Lehrlinge an - als "dämlich", "dumm", "nicht fähig logisch zu denken".
Beim Brüllen bleibt es nicht. "Das nächste Familienfest kannst du vergessen." "Wenn du so weitermachst, bleibst du nicht mehr lange hier." Es ist schwieriger, Lehrlinge zu feuern als Angestellte. Da gibt es nur eine Lösung: Sie dazu zu bringen, selbst zu gehen.
Manchmal wirft der Küchenchef mit Pfannen
Als Daniel gerade im Restaurant Gäste bedient, durchwühlt der Chef seinen Rucksack. Er wolle nur gucken, ob der Azubi sich angemessen auf seine Schicht vorbereitet habe. Daniel greift sein persönliches Eigentum und beschwert sich. Kurz darauf kommt der Chef zurück, packt ihn am Arm, führt ihn in die leere Hotelbar, verstreut den Rucksackinhalt auf dem Boden.
"Alles halb so wild", sagt Daniel. Die Geschichten von Kollegen in der Berufsschule seien viel schlimmer. Da würden neue Lehrlinge gezwungen, mehrere Wochen sieben Tage am Stück Überstunden zu schieben, damit man sie wieder loswerde. Nach anderen warf der Küchenchef schon mit Pfannen.
Unter Kollegen kursiert das Gerücht, dass sie von der Hotelleitung ausspioniert werden. "Überrascht wäre ich nicht, wenn ich im Hotel eine Wanze finden würde", sagt Daniel. Der Chef wisse intime Dinge, die er unmöglich anders in Erfahrung bringen könne. Jeden Morgen haben Daniel und seine Kollegen Angst, dass die Chefs da sind. Wenn sie da sind, haben sie Angst, dass sie schlecht gelaunt sind. Wenn sie schlecht gelaunt sind, haben sie Angst, dass es heute sie treffen könnte. Und wenn es sie trifft, haben sie Angst vor morgen.
Trotz allem sagt Daniel: Die Ausbildung sei hart, aber er lerne viel. In der Berufsschule sei das nicht immer so. Für die Restaurantwirtschaft sei Französisch immer noch "unbedingt notwendig". Aufgrund von Lehrermangel verschwand Französisch vom Lehrplan. Immer wieder fallen Unterrichtseinheiten aus, dann muss Daniel in seinem Betrieb arbeiten.
Durchbeißen, bloß nicht aufgeben
In der Sommerzeit ist das Hotel ausgebucht, zwischen Januar und April wirkt es verwaist. Doch an Existenzangst der Hotelleitung liegt es nicht, dass sie so schlecht mit den Angestellten umgeht. "Die sind steinreich", sagt Daniel, "daran wird sich auch nicht so schnell etwas ändern." Er selbst könne sich ohne die Unterstützung seines Vaters "nicht mal das Bier am Wochenende leisten".
Wie Julia ist auch Daniel fest entschlossen, die Ausbildung zu beenden. All die unbezahlten Überstunden, die Angst, all die Momente des Zähne-Zusammenbeißens - das soll nicht umsonst gewesen sein. Mehrmals überlegte er sich zu beschweren. "Zu riskant, der Chef kriegt alles mit", so Daniel, "seinen Job will man ja auch nicht verlieren." Beschwerden bei der IHK liefen ins Leere. Die Hoteliers der Region sind gut vernetzt und besetzen den zuständigen Kontrollausschuss, Überraschungsbesuche ausgeschlossen.
Wenn Daniel in zwei Jahren fertig ist, will er zur Saisonarbeit nach Österreich. "Die zahlen mehr", im Lebenslauf sehe das auch gut aus. Von den Steuererleichterungen für das Hotelfach wird er so wenig wie Julia mitbekommen. In der Restaurantwirtschaft sind ohnehin weiter 19 Prozent Mehrwertsteuer fällig.
Springen Hotels mit ihren Azubis immer so übel um? Daniel kennt auch positive Beispiele: So arbeiten Azubis in einem Hotel ganz in der Nähe acht Stunden täglich, bekommen Überstunden bezahlt, haben zwei freie Tage pro Woche. "Mehr fordert ja keiner", sagt Daniel.
(*Namen von der Redaktion geändert)
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