Azubis im Hotel: Tägliche Schikanen und fliegende Pfannen

Von Jasper Tjaden

Draußen funkelt die Vier-Sterne-Fassade, drinnen regiert ein überaus harter Ton. Julia und Daniel sind Auszubildende in noblen Hotels. Beim Abendessen in Berlin erzählen sie, wie sie ihren einstigen Traumberuf im Alltag erleben - mit brüllenden Chefs, 16-Stunden-Schichten und Lächelzwang.

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DPA

Azubi Julia: "Ich wusste, das wird kein Kindergeburtstag, aber…"

Am ersten Tag ihrer Ausbildung ranzt der Hotel-Chef Julia* an, sie solle auf dem Gruppenfoto den Bauch einziehen. Es wird schon besser werden, denkt sie. Fehlanzeige. Sie solle Geld sparen und sich ihre Augenbrauen zupfen lassen, im hoteleigenen Beautysalon. Bleich sei sie auch. Ein bisschen Make-up "würde ihr gut tun". Und natürlich dem Geschäft.

Julia, 19, lächelt schön und konstant. Das hat sie gelernt. Dieses Lächeln ist ihre Arbeitskleidung. Dahinter versteckt sie vieles, wenn sie von 24-Stunden-Schichten mit drei Raucherpausen erzählt - oder von letzter Woche: Es ist 23 Uhr, die letzten Gäste in der Hotelbar bleiben standhaft. Nach zwölf Stunden Arbeit ohne Pause darf sie sich nicht hinsetzen, seit vier Tagen geht das schon so. Die Frühschicht am nächsten Morgen beginnt um 8 Uhr. Mit einem Lächeln.

Wenn das zierliche Mädchen von der Arbeit erzählt, verhärten sich die weichen Gesichtszüge, unruhig knetet Julia ihre Finger. "Ich wusste, das wird kein Kindergeburtstag, aber das habe ich nicht erwartet." Mehrfach drohte ihr der Chef mit dem Rausschmiss. Kommandos hallen durch das Hotel wie durch Kasernen: "Sie haben nicht zu widersprechen, Sie haben nur ja zu sagen. Ihre Meinung interessiert hier nicht." Je höher der Druck, desto schlechter wurden ihre Noten in der Berufsschule. "Mittlerweile komme ich mir vor, als lerne ich nur für meinen Chef und nicht mehr für mich", sagt Julia trotzig.

Es war einmal ihr Traumberuf

Rückblick: Seit einem Kurzpraktikum als Schülerin will sie Hotelfachfrau werden und ergattert gleich nach dem Realschulabschluss einen Ausbildungsplatz in einem Vier-Sterne-Hotel. Die Homepage wirbt für die "hochqualitative Ausbildung" in einem "hoch motivierten Team". Schnell muss sie lernen, dass die Zahl der Sterne kein Gradmesser für die Qualität der Ausbildung ist.

Immer häufiger wird Julia krank, ihre Ärztin attestiert ihr ein Magengeschwür. Dem Chef ist das egal. Als sie wiederholt nicht zur Arbeit erscheint, schreibt er eine Abmahnung und streut unter den Kollegen das Gerücht, sie simuliere. Ihr Vater ruft im Hotel an und sagt, dass seine Tochter krank im Bett liege und ein Attest habe. Der Hotelmanager schimpft, er solle sich "da raushalten".

Dank staatlicher Ausbildungsbeihilfe und Kindergeld kommt Julia über die Runden. Sprit und Versicherung fürs Auto sind teuer, aber anders kann sie ihre 50 km entfernte Berufsschule nicht erreichen. Allein bei den Zigaretten könnte sie sparen, "aber bei dem Stress…". Das Trinkgeld, das Julia im Hotel verdient, muss sie abgeben. Im Krisenjahr 2009 entfallen Nachtschicht- und Feiertagszuschlag sowie Kleidungsgeld. Die Azubis lächeln.

Arme Azubis: Tricks gegen leere Taschen
Kein Auskommen mit dem Einkommen?
Auszubildende werden je nach Lehrberuf völlig unterschiedlich bezahlt - und oft können sie mit dem Geld nicht über die Runden kommen. In manchen Fällen springt der Staat ein.
Kindergeld
Für einen Lehrling - auch wenn er nicht mehr bei den Eltern wohnt - zahlt der Staat Kindergeld. Die Familienkasse der Arbeitsagentur überweist pro Monat 184 Euro, für das dritte Kind 190 Euro und jedes weitere Kind 215 Euro. Wenn der Azubi wenig verdient und die Eltern nichts zum Unterhalt beisteuern, steht das Geld dem Azubi zu: Auf Antrag bei der Familienkasse fließt es direkt aufs eigene Konto.

Das Kindergeld entfällt aber ab einem bestimmten Einkommen, die Grenze liegt bei 667 Euro monatlich; nach einem Gerichtsurteil vom Mai 2005 können die Sozialabgaben davon abgezogen werden.
Ausbildungsbeihilfe
Gegen Ebbe im Geldbeutel hilft auch die Berufsausbildungsbeihilfe, kurz BAB. Diesen Zuschuss kann man ebenfalls bei der Arbeitsagentur beantragen. Allerdings gibt es die Beihilfe in der Regel nur für Erstlehrlinge. Abbrecher oder Umschüler haben nur in Ausnahmefällen eine Chance. Zudem werden für eine Gewährung des BAB das eigene Einkommen, das der Eltern und ebenso das des Lebenspartners durchleuchtet.
Wohngeld
Wer bei der Ausbildungsbeihilfe leer ausgeht, weil die Arbeitsagentur "dem Grunde nach" Einwände erhebt, hat immer noch die Möglichkeit, Wohngeld zu beantragen. Das ist kein Almosen des Staates; erfüllt man die Voraussetzungen, gibt es darauf einen Rechtsanspruch. Jede Gemeinde wartet mit einer Wohngeldstelle auf - wer die eigene Miete nicht zahlen kann, erhält hier einen Zuschuss.
Nebenjob
Ein Nebenjob lohnt sich für den, der günstige Arbeitszeiten hat und fit für das "Mehr" an Arbeit ist. Die sinnvollste Lösung ist ein 400-Euro-Job: Dabei werden weder Sozialabgaben noch Steuern fällig - alles wandert in die eigene Tasche. Nur der Arbeitgeber zahlt in die Sozialkassen ein. Doch Vorsicht: Wenn der Zweitjob zu sehr ermüdet und die Tätigkeiten in der eigentlichen Berufsausbildung schmälert, darf der Chef den Nebenverdienst verbieten.

Vor ein paar Wochen erhält Julia eine zweite Abmahnung von ihrem Chef. Grund: Sie weigert sich, ihr privates Geld als Wechselgeld im Hotelrestaurant zu verwenden - "ich hatte einfach nicht so viel am Monatsende". Zusammen mit Freunden ruft sie anonym bei der zuständigen Stelle der Industrie- und Handelskammer (IHK) an. Und wartet vergeblich auf eine Reaktion. Dabei sollen sogenannte Ausbildungsberater "die Azubis auf ihrem Weg begleiten", wie es ein IHK-Mitarbeiter formuliert.

Und immer schön lächeln

Schlimmer noch als die täglichen Schikanen findet Julia die schlechte Vorbereitung auf ihre Abschlussprüfung. Die Rezeption, die im Mittelpunkt der Prüfung stehen wird, sah sie bisher nur im Vorbeigehen. Begründung des Chefs: "Solange du hier noch Fehler machst, kommst du nicht in andere Bereiche."

Julia gibt zu, dass ihr nicht alles gelingt. Vor zwei Monaten schnitt sie einen Kuchen ohne Schablone zu. Als Strafe musste sie den Kuchen zum vollen Preis selbst kaufen.

Julia will weiter lächeln, für einen Wechsel sei es zu spät. Wenn sie von der Arbeit erzählt, sagt ihr Vater, sie solle durchhalten. Sie sieht das genauso. "Ich will mir beweisen, dass ich das durchstehen kann." Der Kunde darf nichts bemerken. Die meisten Beiträge in einem Online-Reiseforum loben das Hotel. Nur weiter unten erwähnt eine Besucherin den "schlechten Umgang mit dem eigenen Personal".

Ob die schwarz-gelben Steuererleichterungen für die Hotelbranche etwas an der Ausbeutung der Azubis ändern werden? "Auf keinen Fall", meint Julia. Ihr Chef sei "schon besser drauf, wenn mehr Gäste da sind", aber momentan richte sich die Aufmerksamkeit erstmal auf eine neue Saunalandschaft.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 130 Beiträge
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1. "Lehrjahre sind keine Herrenjahre!"
sukowsky 27.07.2010
Wie heißt es so schön, "Lehrjahre sind keine Herrenjahre!" Trotzdem, der herrische Ton womöglich auch mobben ist wirklich zu unterlassen, wenn nicht ist es beschämend in so einem Betriebsklima zu arbeiten. Die Chefs, wenn sie ihre Arbeit lieben geben sicherlich höfliche Anweisungen. Leben denn soviel Menschen mit Frust in ihrer täglichen Arbeitswelt und vermiesen jungen Leuten das Leben. Schade so gelebt zu haben!
2. Schade
picard95 27.07.2010
Die Zustände (auch in Luxushotels) sind seit Jahrzehnten bekannt; trotzdem sind die Ausbildungsberufe heiss begehrt. Natürlich haben viele Jugendliche trotz angeblichem Azubimangel kaum eine andere Wahl; als Vater von der Auszubildenden hätte ich dem Knilch vor allen Leuten inklusive den Gästen die Meinung gegeigt bis er auf Schlumpfgrösse geschrumpft wäre. Der Ausbildungsplatz wäre danach natürlich gekündigt, aber soll ein junger Mensch von 16-18 Jahren sich schon nur noch ducken, alles wegstecken und sich alles gefallen lassen? Wenn die Zeiten der Fairness vorbei sind, dann bitteschön auf beiden Seiten.
3. 16-Stunden-Schichte für Azubi's???
Bluecher59 27.07.2010
Wo bleibt hier eigentlich das Arbeitszeitgesetz? Wenn der Chef zu schnell oder besoffen Auto fährt verliert er seinen Führerschein (er hat ja ein Gesetz missachtet!) - aber Azubi's oder auch Mitarbeiter - weit über die höchstzulässige Arbeitszeit schuften lassen - das ist ja nur ein Kavaliersdelikt und die sollen sich mal nicht so anstellen - oder was!?!?! Und wie immer schauen die Behörden da geflissentlich weg. Dass Chefs nicht immer gute Manieren haben ist bekannt - und dass es insbesondere im Hotel- und Gastgewerbe rau zu geht auch - aber irgendwo muß es mal Grenzen geben. Und das Azubi's auch noch das Trinkgeld abgeben müssen ist ein unglaubliche Frechheit!! Hier machen auch die Gewerkschaften einen misserablen Job - denn ein Anzeige kann sich ein Mitarbeiter normalerweise nicht leisten - dann ist er definitiv weg vom Fenster.
4. word
superfunk3000 27.07.2010
Zitat von sysopDraußen funkelt die Vier-Sterne-Fassade, drinnen regiert ein überaus harter Ton. Julia und Daniel sind Auszubildende in noblen Hotels. Beim Abendessen in Berlin erzählen sie, wie sie ihren einstigen Traumberuf im Alltag erleben - mit brüllenden Chefs, 16-Stunden-Schichten und Lächelzwang. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,708245,00.html
In meiner Ausbildung wars ähnlich. Komme allerdings aus dem Handwerk. Schreierei war an der Tagesordnung. Ich hatte oft Angst zur Arbeit zu fahren. Man musste schon alles können obwohl man Azubi im ersten Lehrjahr war. Gelernt habe ich dort sehr viel, aber einen Chef wollte ich danach nie wieder haben. Hat funktioniert.
5. ...
Newspeak 27.07.2010
"Springen Hotels mit ihren Azubis immer so übel um? Daniel kennt auch positive Beispiele: So arbeiten Azubis in einem Hotel ganz in der Nähe acht Stunden täglich, bekommen Überstunden bezahlt, haben zwei freie Tage pro Woche. "Mehr fordert ja keiner", sagt Daniel." Warum organisieren sich nicht mal die Mitarbeiter untereinander? Wenn der menschenverachtende Chef von der versammelten Mannschaft einen reingewürgt bekommt, dann spricht sich das auch rum und dann ändert sich vielleicht etwas. Wer in solchem Maße psychische Gewalt ausübt, darf sich über bestimmte Reaktionen nicht wundern.
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Azubis: Tops und Flops bei der Bezahlung

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Überstunden, Hilfsdienste: Was Azubis auf die Nerven geht
...und was Azubis Realität ist
Unbezahlte Überstunden
Azubis müssen oft unentgeltlich Überstunden machen. Das geht aus dem DGB-Ausbildungsreport 2009 hervor, für den rund 7000 Lehrlinge befragt wurden. Gut vier von zehn (42,2 Prozent) sagen, dass sie regelmäßig länger als vertraglich vereinbart arbeiten. Fast jeder Fünfte (18,8 Prozent) erhält dafür nach eigenen Angaben keinen Ausgleich. Für Überstunden steht Azubis aber immer eine Vergütung oder Urlaub zu, wie das Bundesbildungsministerium erläutert.
Fachfremde Tätigkeiten
Besonders in kleineren Betrieben müssen Lehrlinge laut dem DGB-Ausbildungsreport oft Dinge erledigen, die nicht zu ihrer Ausbildung gehören. In Firmen mit bis zu zehn Mitarbeitern sagt demnach jeder fünfte Lehrling (19,4 Prozent), dass ihm "häufig" oder "immer" solche Aufgaben übertragen werden. In Betrieben mit mehr als 500 Mitarbeitern sagt das nur etwa jeder 15.(6,5 Prozent).

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Berufe - in echt: Bestatter, Chirurgin, Braumeister
Alles, was Azubis Recht ist
Was muss der Ausbilder können?
Der Ausbilder muss in der jeweiligen Fachrichtung ausgebildet sein und über entsprechende Berufserfahrung verfügen. Das regeln die Paragrafen 29 und 30 des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) , die Paragrafen 21 und folgende der Handwerksordnung (HwO) sowie das Jugendarbeitsschutzgesetz (JArbSchG) in Paragraf 25.
Wer bezahlt Material und Maschinen?
Der Arbeitgeber muss alle Arbeitsmaterialien bereitstellen, dazu gehören z.B. Kittel, Schutzkleidung, Sicherheitsschuhe, aber auch Fachbücher, Berichtshefte und Schreibmaterialien. Der Azubi ist verpflichtet, mit jedem Arbeitsgerät sorgsam umzugehen. (Paragraf 14 Abs. 1 Nr. 3 und Paragraf 13 Nr. 5 BBiG)
Ist die Arbeit wichtiger als die Berufsschule?
Nein, Berufsschulzeit ist Arbeitszeit. Der Betrieb muss einen für die Schule freistellen - und man muss hingehen. Auch für Betriebsbesichtigungen und ähnliches muss der Ausbildungsbetrieb den Azubi freistellen. Fängt der Unterricht um 9 Uhr an, muss man vorher nicht zur Arbeit, ab fünf Schulstunden täglich muss man auch danach nicht mehr in die Firma, es sei denn, man ist 18 Jahre oder älter. Die Arbeitszeit darf trotzdem nicht über die tariflich geregelte Arbeitszeit hinausgehen. Berufsschulstunden müssen nicht nachgearbeitet werden.
Was ist erlaubt - und was nicht?
Es sind nur Arbeiten erlaubt, die mit dem Ausbildungszweck zu tun haben und die eigenen körperlichen Kräfte nicht übersteigen. Nicht gestattet sind private Aufträge durch den Chef (Auto waschen, Einkaufen, usw.), Urlaubs- und Krankheitsvertretung für Kollegen, Putzen (außer am eigenen Arbeitsplatz und an eigenen Geräten), sowie Fließband- und Akkordarbeit . (Paragraf 14 Abs. 2 BBiG). Quelle: IG Metall Jugend

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