Von Jasper Tjaden
Azubi Julia: "Ich wusste, das wird kein Kindergeburtstag, aber…"
Am ersten Tag ihrer Ausbildung ranzt der Hotel-Chef Julia* an, sie solle auf dem Gruppenfoto den Bauch einziehen. Es wird schon besser werden, denkt sie. Fehlanzeige. Sie solle Geld sparen und sich ihre Augenbrauen zupfen lassen, im hoteleigenen Beautysalon. Bleich sei sie auch. Ein bisschen Make-up "würde ihr gut tun". Und natürlich dem Geschäft.
Julia, 19, lächelt schön und konstant. Das hat sie gelernt. Dieses Lächeln ist ihre Arbeitskleidung. Dahinter versteckt sie vieles, wenn sie von 24-Stunden-Schichten mit drei Raucherpausen erzählt - oder von letzter Woche: Es ist 23 Uhr, die letzten Gäste in der Hotelbar bleiben standhaft. Nach zwölf Stunden Arbeit ohne Pause darf sie sich nicht hinsetzen, seit vier Tagen geht das schon so. Die Frühschicht am nächsten Morgen beginnt um 8 Uhr. Mit einem Lächeln.
Wenn das zierliche Mädchen von der Arbeit erzählt, verhärten sich die weichen Gesichtszüge, unruhig knetet Julia ihre Finger. "Ich wusste, das wird kein Kindergeburtstag, aber das habe ich nicht erwartet." Mehrfach drohte ihr der Chef mit dem Rausschmiss. Kommandos hallen durch das Hotel wie durch Kasernen: "Sie haben nicht zu widersprechen, Sie haben nur ja zu sagen. Ihre Meinung interessiert hier nicht." Je höher der Druck, desto schlechter wurden ihre Noten in der Berufsschule. "Mittlerweile komme ich mir vor, als lerne ich nur für meinen Chef und nicht mehr für mich", sagt Julia trotzig.
Es war einmal ihr Traumberuf
Rückblick: Seit einem Kurzpraktikum als Schülerin will sie Hotelfachfrau werden und ergattert gleich nach dem Realschulabschluss einen Ausbildungsplatz in einem Vier-Sterne-Hotel. Die Homepage wirbt für die "hochqualitative Ausbildung" in einem "hoch motivierten Team". Schnell muss sie lernen, dass die Zahl der Sterne kein Gradmesser für die Qualität der Ausbildung ist.
Immer häufiger wird Julia krank, ihre Ärztin attestiert ihr ein Magengeschwür. Dem Chef ist das egal. Als sie wiederholt nicht zur Arbeit erscheint, schreibt er eine Abmahnung und streut unter den Kollegen das Gerücht, sie simuliere. Ihr Vater ruft im Hotel an und sagt, dass seine Tochter krank im Bett liege und ein Attest habe. Der Hotelmanager schimpft, er solle sich "da raushalten".
Dank staatlicher Ausbildungsbeihilfe und Kindergeld kommt Julia über die Runden. Sprit und Versicherung fürs Auto sind teuer, aber anders kann sie ihre 50 km entfernte Berufsschule nicht erreichen. Allein bei den Zigaretten könnte sie sparen, "aber bei dem Stress…". Das Trinkgeld, das Julia im Hotel verdient, muss sie abgeben. Im Krisenjahr 2009 entfallen Nachtschicht- und Feiertagszuschlag sowie Kleidungsgeld. Die Azubis lächeln.
Vor ein paar Wochen erhält Julia eine zweite Abmahnung von ihrem Chef. Grund: Sie weigert sich, ihr privates Geld als Wechselgeld im Hotelrestaurant zu verwenden - "ich hatte einfach nicht so viel am Monatsende". Zusammen mit Freunden ruft sie anonym bei der zuständigen Stelle der Industrie- und Handelskammer (IHK) an. Und wartet vergeblich auf eine Reaktion. Dabei sollen sogenannte Ausbildungsberater "die Azubis auf ihrem Weg begleiten", wie es ein IHK-Mitarbeiter formuliert.
Und immer schön lächeln
Schlimmer noch als die täglichen Schikanen findet Julia die schlechte Vorbereitung auf ihre Abschlussprüfung. Die Rezeption, die im Mittelpunkt der Prüfung stehen wird, sah sie bisher nur im Vorbeigehen. Begründung des Chefs: "Solange du hier noch Fehler machst, kommst du nicht in andere Bereiche."
Julia gibt zu, dass ihr nicht alles gelingt. Vor zwei Monaten schnitt sie einen Kuchen ohne Schablone zu. Als Strafe musste sie den Kuchen zum vollen Preis selbst kaufen.
Julia will weiter lächeln, für einen Wechsel sei es zu spät. Wenn sie von der Arbeit erzählt, sagt ihr Vater, sie solle durchhalten. Sie sieht das genauso. "Ich will mir beweisen, dass ich das durchstehen kann." Der Kunde darf nichts bemerken. Die meisten Beiträge in einem Online-Reiseforum loben das Hotel. Nur weiter unten erwähnt eine Besucherin den "schlechten Umgang mit dem eigenen Personal".
Ob die schwarz-gelben Steuererleichterungen für die Hotelbranche etwas an der Ausbeutung der Azubis ändern werden? "Auf keinen Fall", meint Julia. Ihr Chef sei "schon besser drauf, wenn mehr Gäste da sind", aber momentan richte sich die Aufmerksamkeit erstmal auf eine neue Saunalandschaft.
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