Barmädchen in Vietnam: Fummeln und Singen

Karaoke-Bars gehören zum normalen Stadtbild in Vietnam. Linh, 18, arbeitet in Ho-Chi-Minh-Stadt als Barmädchen eines Clubs und ernährt damit ihre fünfköpfige Familie. Die Schule hat sie abgebrochen - für einen Job, den niemand gern macht.

21 Uhr, Primetime in einer Karaoke-Bar in Ho-Chi-Minh-Stadt, der größten Metropole Vietnams. Um diese Uhrzeit kommen Geschäftsmänner von der Arbeit nach Hause, die jungen Wilden unter ihnen ziehen gleich weiter in die Kneipen auf der Suche nach Partys und Sex. Die kleinen Räume der Bar füllen sich mit zum Teil 15 bis 20 Leuten, mit lautem Gegröle und schiefen Tönen.

Barmädchen Linh: Karaoke die ganze Nacht
Tung Nguyen

Barmädchen Linh: Karaoke die ganze Nacht

Die 18-Jährige Linh räumt den nun verlassenen Raum auf, in dem vor wenigen Minuten ein wichtiger Wirtschaftsgesandter mit seinen Partnern saß. Jetzt ist sie allein und entsorgt halbleere Whiskyflaschen, Plastikverpackungen und Mikrofone. Sie wirkt ein bisschen hilflos, ihr Make-Up ist verwischt. Linh arbeitet hier jeden Tag als Barmädchen, ein trauriger Job, der sogar junge Gesichter verbittert aussehen lassen kann.

Barmädchen, so sagt Linh, das heißt sich täglich von wildfremden Männern befummeln lassen, mit ihnen trinken, singen. Und ja, einige werden sich später am Abend prostituieren. Linh arbeitet in diesem Etablissement, seit sie 16 Jahre alt ist. Als ihre Eltern sich nach einem misslungenen Geschäft hoch verschuldeten und nicht mehr wussten, wie sie Linh und ihre beiden kleineren Geschwister ernähren sollten, ergriff Linh die Selbstinitiative. Sie brach die Schule ab und begab sich in die Barszene.

Seit zwei Jahren ernährt sie ihre fünfköpfige Familie so gut wie allein, mit einem Gehalt, mit dem die Familie gerade so über die Runden kommt. Und doch verdient sie mehr als in vielen anderen, angesehenen Berufen. Anders als oft beschrieben, werden die wenigsten Barmädchen und Prostituierten von jemandem gezwungen, sich zu verkaufen. Allein das Schicksal zwingt Mädchen wie Linh in einen solchen Beruf.

Hier trifft sich die zukünftige Elite

Gleiche Zeit, eine Etage und mehrere Gesellschaftsschichten höher in der Bar: Laute und schiefe Töne schallen durch den Raum. "Baby if aiai couhhhhld chaehehehnge the world ..." Eine Gruppe von 20 Oberstufenschülern sitzt eng gequetscht aneinander und feiert. Es sind Schüler der "Le Hong Phong"- Oberschule, eine Schule, deren Schüler entweder hochbegabt sind oder besonders reiche Eltern haben; letzteres ist häufiger der Fall. Anlass zur kleinen Karaoke-Party ist die Verabschiedung von drei britischen Lehrkräften der Schule. Es herrscht eine sehr heitere Stimmung, zu "We will rock you" fließt reichlich Bier. Über Geld braucht sich keiner der Jugendlichen Gedanken zu machen.

Hier trifft sich die kommende Elite Vietnams. Eine Generation, die auf eine glorreiche Zukunft in ihrem Land hinarbeitet. Als Repräsentanten großer ausländischer Firmen, Firmenchefs und Makler wollen sie später ihr Land aufbauen, das, wie die meisten meinen, immer noch sehr viel Entwicklung braucht. Doch bis dahin ist noch Zeit, Zeit für das nächste Lied: "And aiiiaiaiii will always ..."

Derweil hat sich Linh unten in den Personalraum zurückgezogen. Der Duft von teurem Parfum und Make-Up brennt in ihren Augen. Sie muss an ihren Ex-Freund denken, einen Vietnamesen, der in Deutschland lebt. Auch er gehörte einst zu Linhs Gästen, sie verliebten sich ineinander, es war wie in "Pretty Woman". Ihr wurde vieles versprochen, von ewiger Liebe bis zu einem kleinen Haus für ihre Familie - und dann stieg er ins Flugzeug.

Sie sah ihn nie mehr wieder. Anfangs schickte er ihr SMS, Briefe und Schecks, doch irgendwann herrschte Funkstille. Seitdem vertraut Linh keinem ihrer Gäste mehr: Die Ausländer halten nie ihr Wort, die Inländer wollen sie als Hausmädchen und Sexsklavin. Obwohl sie schon so lange in der Bar arbeitet, weint Linh immer noch genauso oft wie neue Mädchen.

Linh sehnt sich nach der Schule

Keine von ihnen macht diesen Job gern, doch das Schicksal spielt oft grausame Spiele mit den Menschen, und die meisten hier haben sich mit ihrem Schicksal abgefunden.

Die Oberstufenschüler singen Lieder der No-Future-Generation, Pink Floyd und Alice Cooper. Viele der Schüler verehren die No-Future-Bewegung, auch wenn die Zukunft vieler im Raum sehr sicher steht - dank einflussreicher Eltern. Es wird zwischen Schule und Privatem getrennt, in der Schule sind sie die kommende Elite, Musterschüler, die ihren Abschluss an einer der angesehensten Schulen des Landes machen. In der Karaoke-Bar aber wird "My schoooools' been blown to pieces..." gesungen. Die Sperrstunde naht, eine betrunkene Gesellschaft macht sich auf den Weg nach Hause. Es war ein gelungener Abend.

Linh darf nun auch nach Hause gehen. Am Straßenrand wartet sie darauf, dass ihr Vater sie abholt. Wenige Meter weiter kommt eine Gruppe von Schülern in ihrem Alter aus der Bar. Sehnsüchtig schaut Linh ihnen hinterher. Wie gern wäre sie jetzt noch Schülerin. Doch das Schicksal, so glaubt sie, kann nicht jedem gnädig sein, und sie müsse sich damit abfinden. Für einen kurzen Augenblick aber will sie es anders haben, schließt die Augen und flüchtet sich in ihre Träume von der Zukunft.

Sie träumt dann davon, ihren Schulabschluss nachzuholen, koste es was es wolle. Wenn ihre Familie die Schulden abbezahlt hat und ihre kleinen Schwestern die Schule beendet haben, dann finge ihr Leben an, sie würde gerne einen richtigen Beruf lernen und eine kleine Familie gründen. Sie müsste nie wieder als Barmädchen arbeiten. Mitten in ihren Gedanken reißt sie ein grelles Licht aus ihren Träumen. Ihr Vater ist da und holt sie ab.

Von Tung Nguyen, 18, Redakteur beim Hamburger Jugendmagazin "Freihafen"

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