Berufschancen für Hauptschüler: Ali und die 40 Rentner

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Hauptschulabschluss - und was dann? Alihan Solak, 18, lässt sich zum Altenpflegehelfer ausbilden, auch wenn seine Kumpel ihn belächeln. Weil er Türkisch spricht, ist er bestens auf eine wachsende Zielgruppe vorbereitet: Migranten, die in deutschen Seniorenheimen ihren Lebensabend verbringen.

Ausbildung im Altenheim: "Du musst jetzt Ärsche putzen", sagen Alis Kumpels Fotos
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Vor Alihan Solak sitzt eine alte Dame nackt im Rollstuhl. Er trägt Gummihandschuhe und sagt: "Achtung, jetzt wird gewaschen." Einige seiner Freunde lachten ihn aus, als er vor ein paar Monaten vom neuen Job erzählte. "Du musst jetzt Ärsche putzen", spotteten sie. "Es gibt Schlimmeres", sagte er.

Schlimmer wäre es zum Beispiel, im Freien zu arbeiten, sagt Alihan, im Regen und in der Kälte. Und noch schlimmer wäre es für ihn, gar keinen Job zu bekommen. Immerhin gehört Alihan Solak, 18 Jahre, schlank, filigrane Finger, feine Gesichtszüge, zu jenen Jugendlichen, die es nicht leicht haben auf dem Arbeitsmarkt. Er hat eine Hauptschule besucht und gilt damit laut Statistik als schwieriger Fall. Alihan kennt die Debatte um die Schulform, die viele Politiker abschaffen wollen. Das sei ein bisschen verletzend, wenn andere so reden, sagt er. "Aber sie haben ja recht: Es ist schwer, als Hauptschüler einen Job zu bekommen."

Inzwischen hat er einen Ausbildungsplatz gefunden: als Altenpflegehelfer. Der Beruf ist ebenfalls schwer vermittelbar. Hauptschule und Altenheim - besser könnten Angebot und Nachfrage kaum zueinander passen.

Die Schrullen der Alten bringen ihn durch den Tag

"Achtung", sagt Alihan jetzt zu der alten Frau, "Parfum!"

"Oh", sagt die Frau und lacht. Alihan sprüht einmal links, einmal rechts auf die Bluse, die er für sie aus dem Schrank gesucht hat.

"Jetzt riechst du auch noch wunderbar", sagt er.

"Bin ich jetzt fertig?"

"Nur die Zähne noch."

"Oh", sagt die Frau und lacht. "Manchmal sitze ich am Tisch, will zubeißen und merke: Nee, die Zähne fehlen noch."

Am Donnerstagmorgen, 34 Minuten nach Dienstbeginn um 7 Uhr, verlässt Alihan das Zimmer der Frau. Sie geht zum Frühstück, er reibt sich die Hände mit Desinfektionsmittel ein und klopft an die Tür von Herrn Berger*, auch er Bewohner des DRK-Pflegeheims in Engelsbach bei Frankfurt. Herr Berger liegt im Bett, kneift die Augen zusammen und ruft: "Ich bin ja blind. Ich sehe nichts und höre nichts." Er müsste nur die Augen öffnen, aber das sagt Alihan nicht. Er lächelt nur. Er mag die Schrullen der Alten, sie bringen ihn durch den Tag.

Nach der Schule schrieb Alihan 20 Bewerbungen

Alihan arbeitet in einem von rund 10.000 Altenheimen in Deutschland. Experten rechnen damit, dass sich die Zahl pflegebedürftiger Menschen in den nächsten 40 Jahren verdoppeln wird. Allerdings zeigt die Reaktion von Alihans Freunden: Altenpfleger gehört nicht gerade zum Traumberuf junger Menschen.

Auch Alihan träumte als Kind davon, Arzt zu werden, dann Pilot. Dann beendete er die Hauptschule mit der Durchschnittsnote 2,3 und schrieb rund 20 Bewerbungen. Erst wollte er Einzelhandelskaufmann werden, aber die Ausbildung war ihm zu kompliziert. Dann begann er eine Bäckerlehre; sein Vater arbeitete früher als Bäcker. "Aber da muss ich um 2 Uhr anfangen und die ganze Nacht durcharbeiten", sagt Alihan. Also brach er ab.

Schließlich erzählte sein Vater ihm von einem neuen Modellprojekt, das unter anderem vom Europäischen Sozialfonds gefördert wird: Ajuma, eine Kurzform für "Ausbildung junger Männer mit Migrationshintergrund in der Altenpflegehilfe".

"Gut", sagte Alihan, "gefällt mir. Kann ich machen." Wenn er die Ausbildung zum Altenpflegehelfer abschließt, kann er sich direkt zum Altenpfleger ausbilden lassen - auch ohne den sonst erforderlichen erweiterten Hauptschulabschluss.

Männliche Pflegekräfte gesucht

Noch vor einigen Jahren hat kaum jemand darüber nachgedacht, dass auch die früheren Gastarbeiter in Deutschland alt werden, dass sie dann vielleicht allein leben und Hilfe brauchen. Nicht nur Ajuma will das ändern; auch die Politik versucht, verpasste Integration nachzuholen: So will die Bundesregierung verstärkt Lehrer mit ausländischen Wurzeln einstellen, damit sie ihren Schülern als Vorbilder dienen. Ähnliches planen die Länder für die Polizei, und auch Parteien verordnen sich eine Migrantenquote.

Inzwischen bemühen sich neben Projekten wie Ajuma auch viele Seniorenheime um eine sogenannte kultursensible Altenpflege. Dafür braucht es aber auch mehr Männer: Nur jeder Fünfte der Jugendlichen, die im Herbst 2009 eine Pflegeausbildung anfingen, war männlich. In Deutschland hingegen gibt es immer mehr alte Männer, die sich von fremden Frauen aus religiösen Gründen nicht anfassen lassen würden. Wenn er mal ins Altenheim müsse, sagt auch Alihans Vater, dann nur in eins, das seine Religion respektiert.

"Wobei Alihan nicht will, dass wir ins Altenheim gehen", fügt er hinzu. Das gehöre sich nicht - in türkischen Familien noch weniger als in deutschen. Trotzdem gebe es bei ihm in der Moschee einige, die sich fragen: "Was mache ich, wenn ich alleine bin?"

"Er redet nicht viel, das ist sehr gut"

Sie könnten ins Berliner Türk Bakim Evi gehen, ein Seniorenheim speziell für türkische Einwanderer, auch in Frankfurt wurde im vergangenen Jahr ein ähnliches Altenzentrum eröffnet. Dort versucht man, etwas Heimat ins Heim zu holen - wozu vor allem die Sprache gehört. Pflegekräfte wie Alihan können Türkisch sprechen, so ist Kommunikation möglich, wenn die Demenz bei den Alten alle deutschen Wörter verschluckt hat.

Alihan ist richtig im Altenheim, auch wenn sein Vater ihn erst darauf stoßen musste und Alihan kaum erklären kann, warum ihm die Arbeit gefällt. Er möge alte Menschen. "Mal machen die Witze, mal mache ich Witze", sagt er.

Was den Kollegen an ihrem Ali, wie sie ihn nennen, gefällt? "Ali redet nicht viel, das ist sehr gut", sagt eine Pflegerin. "Solche braucht man", sagt sie. "Solche, die nicht meckern." Schließlich ist die Belastung von Altenpflegern hoch und die Bezahlung mit - wenn es gut läuft - 2500 Euro brutto für die schwere Arbeit eher mäßig.

Alihan sagt, er wolle später mal mehr verdienen. Er gibt gern Geld aus: Von seinem ersten Gehalt kaufte er sich ein neues iPhone. Er kann sich das leisten, er wohnt noch zu Hause und teilt sich das Zimmer mit seinem Bruder. Zwei Betten, zwei Schreibtische, an der Wand die Flagge seines Lieblingsfußballvereins Fenerbahçe Istanbul. Später möchte er was mit Pflege studieren und Karriere machen.

Eine Kollegin sagt, sie bewundere Alihan für seine Geduld. "Meinen Sohn könnte ich hier nicht hinlassen", sagt sie. "Er hat es sich erst kürzlich mit meiner Schwiegermutter verscherzt. Er hat ihr gesagt: 'Oma, du redest nur wirres Zeug!'" Solche Sätze passen nicht zu Alihan, dafür redet er zu wenig. Und dafür kümmert er sich zu liebevoll um die Heimbewohner.

Wie um die alte Dame, die auf den Flur schaut, sie liegt eher in ihrem Rollstuhl als dass sie sitzt. Ihre Bluse steckt straff in der Hose, ihr Bauch drängt darunter hervor wie eine Boje aus dem Wasser. Alihan zupft die Bluse aus der Hose. "Damit man das Bäuchlein nicht so sieht", sagt er zu ihr und geht weiter.

* Name von der Redaktion geändert

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insgesamt 60 Beiträge
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1. Oha...
vw71 19.09.2011
Zitat von sysopHauptschul-Abschluss - und was dann? Alihan Solak, 18, lässt sich zum Altenpflegehelfer ausbilden, auch wenn*seine Kumpel*ihn belächeln. Weil er Türkisch spricht, ist er bestens auf eine wachsende Zielgruppe vorbereitet: Migranten, die in deutschen Seniorenheimen ihren Lebensabend verbringen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,771772,00.html
Nachdem sie sich für alle anderen Aufgaben als untauglich herausgestellt haben läßt man sie auf die Gruppe ohne jede Lobby los: Pflegebdürftige Rentner mit Migrationshintergrund Wenn das mal gutgeht...
2. ---
marifu 19.09.2011
Zitat von vw71Nachdem sie sich für alle anderen Aufgaben als untauglich herausgestellt haben läßt man sie auf die Gruppe ohne jede Lobby los: Pflegebdürftige Rentner mit Migrationshintergrund Wenn das mal gutgeht...
Ihr Kommentar ist ganz schön arrogant. Altenpflege ist ein sehr schöner aber auch ein sehr harter Job und wenn junge Menschen diesen Berufs-Weg einschlagen haben sie dafür Respekt verdient.
3. Integration?
StorminWolf 19.09.2011
Miranten oder Deutsche mit Migartionshintergrund, pflegen alte Migranten ind speziellen Altenheimen... Ich persönlich stelle mir Integration ein wenig anders vor, das fördert doch nur weitere Paralell gesellschaften, auch wenn zugegebnermaßen nicht mal die NPD, spezielle Migrantenaltenheime als Bedroghung empfinden können wird. Aber Dem im Artikele Ali genannten wird das doch nicht helfen, Hauptschüler, der kaum Spricht (Warum wohl?), dann in einer ABM landet und hinterher auf Migranten Altenpflge gepohlt wird, und ansonsten noch zuhause wohnt, der kommt ja auch nie raus aus seinem Umfeld, der ist vielleicht in den Arbeitsmarkt integriert (sehr Positiv) aber doch in keinem Fall in die Gesellschaft...
4. Respekt!
adam68161 19.09.2011
für Ali und seine Entscheidung! Hier kann er das einbringen und erhalten, was vielen fehlt: Idealismus und gleichzeitig Erfüllung im Job. Wenn dann noch die Kohle stimmt, klappt das doch.
5. Nicht gleich schimpfen
ejbeork 19.09.2011
Zitat von vw71Wenn das mal gutgeht...
Skeptisch zu sein, ist nach allem, was man liest und hört, verständlich. Aber mir gefallen Inhalt und Ton dieses Artikels; er präsentiert Problem(e) + Lösung. Pessimisten können sich nicht mal dann freuen, wenn sie recht behalten.
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