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Initiative für Migranten-Kinder: Schlau dank Fußball

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Bildung-Kickt

Fußballbegeisterter Yassin: "Genießt den Moment"

Wie lockt man Jungs aus schwierigen sozialen Verhältnissen ins Museum oder ins Theater? Eine Initiative aus Hofheim schafft das mittels Fußball als Belohnung - mit durchschlagendem Erfolg.

Da stand Yassin nun also, 13 Jahre alt, Sohn marokkanischer Eltern, vor ihm Bankvorstände und Politiker, und sollte eine Rede halten. Darüber, was ihm die Initiative "Bildung kickt" bedeutet. Er stand da in seinem blauen Trainingsanzug, legte den Zettel beiseite mit dem Text, an dem er so lange gefeilt hatte, und fing an zu reden. Einfach so.

Er wolle allen Förderern von "Bildung kickt" danken, sagte er. "Denn ohne euch hätten wir es nicht bisher und noch weiter geschafft." Vor allem habe er einen Rat an die neuen Stipendiaten, die heute aufgenommen würden: "Genießt den Moment, denn nicht jeder hat das Glück, hier dabei zu sein."

Die Geschichte von Yassin ist die Erfolgsgeschichte eines Einwandererkindes, das heute die achte Klasse des Gymnasialzweigs einer Gesamtschule besucht. Es ist aber auch die Erfolgsgeschichte eines kleinen Modellprojekts im Rhein-Main-Gebiet, das vor fast vier Jahren mit einer Idee startete, die so naheliegend wie schlau ist: Jedes Jahr bekommt mindestens ein Dutzend Jungs aus sozial benachteiligten Familien ein Bildungsstipendium, das private Sponsoren finanzieren. Aber nicht irgendwelche Jungs - sondern fußballbegeisterte. Der Trick: Wer Schreibseminare, Museen und Theater besucht, erhält einmal die Woche ein zusätzliches Fußballtraining.

Um aufgenommen zu werden, brauchen die Kinder eine Empfehlung ihrer Lehrer und müssen selbst ein Motivationsschreiben verfassen. "Sie kommen zu uns und träumen davon, Fußballprofis zu werden", sagt Kenan Önen, 56, der "Bildung kickt" gegründet hat. Realistisch ist der Wunsch in der Regel nicht. "Wir reden ihnen den Traum aber nicht aus. Wir fragen nur: Was würdest du machen, wenn es mit der Profikarriere nicht klappt?"

Besonders ist dieses Projekt auch deshalb, weil es sich wissenschaftlich hat evaluieren lassen. "Die absolute Ausnahme", sagt der Jugendforscher Klaus Hurrelmann. "Die meisten kommen gar nicht auf die Idee, sich einer Betrachtung von außen zu stellen, weil das, was sie tun, ja per se gut ist."

Oft wissen Initiativen gar nichts voneinander

So hat sich über die Jahre eine unübersichtliche Szene von Projekten entwickelt - große wie kleine, regionale wie bundesweite. Sie alle versuchen auf ihre Weise, die alltäglichen Bildungsungerechtigkeiten abzumildern: Mentoren für Hauptschüler, Nachhilfe für Migranten, Workshops zur Persönlichkeitsbildung. Oft wissen Initiativen gar nichts voneinander, selbst wenn sie gar nicht weit entfernt agieren. "Manchen Stiftungen möchte man zurufen, Leute es wäre nicht schlecht, wenn ihr euch mal zusammensetzt, denn im Grunde macht ihr dasselbe", sagt Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts.

Das schmälert den Wert der einzelnen Akteure zwar nicht, wirft aber die Frage nach der Effizienz auf. Würde manches Projekt anders aussehen, wenn Experten von außen gefragt würden? Warum werden gute Ideen nicht einfach weitergegeben?

Die ganz obenstehende Frage lautet jedoch: Welchen Beitrag haben all die Bildungsinitiativen, die seit dem Pisa-Schock von 2001 entstanden sind, an den zuletzt besseren Leistungen von Einwandererkinder? "Wir bräuchten eine Stiftung, die nicht noch eine Initiative auflegt, sondern die, die da sind, sortiert, analysiert und transparent für alle macht", sagt Hurrelmann.

Genau das versucht das gemeinnützige Startup Phineo. Es will ein Beratungshaus für "wirkungsvolles gesellschaftliches Engagement" sein. Phineo berät Projekte, verleiht eine Art Qualitätssiegel und versucht, einen Überblick über die Szene zu bekommen. "Leider gibt es nicht die Gelben Seiten des sozialen Sektors, die auf einen Blick zeigen, wie viele Organisationen es in einem Bereich gibt", sagt Franziska Silbermann von Phineo. "So viel ist klar: Sport ist auf jeden Fall der größte Engagementbereich in Deutschland." Man wisse von mindestens 155.000 gemeinnützigen Organisationen mit Sport- und Bewegungsangeboten.

Wettbewerb uns Geld

Deren Motivation, sich besser zu vernetzen, sei möglicherweise nicht sehr groß, vermutet Klaus Hurrelmann. Schließlich stünden sie im Wettbewerb um dieselben Gelder. "Sie fürchten, dass das eigene Projekt an Wert verliert, wenn klar wird, es gibt andere, die Ähnliches machen."

Eine Sorge, die der promovierte Politikwissenschaftler Önen nicht hat. Nicht nur, weil die Kombination von Sport und Bildung ziemlich einzigartig ist. Sondern weil ihn das Thema Bildung beschäftigt, seit er vor 49 Jahren als Siebenjähriger aus der Türkei nach Deutschland kam.

Früher leitete er bei der Hertie-Stiftung "Start", ein Programm für Migranten auf dem Weg ins Studium. Önen weiß, dass man mit einer Evaluation punkten kann - zumal, wenn sie so positiv ausfällt wie die der Sportwissenschaftler von der Goethe-Universität Frankfurt für "Bildung kickt".

Die Anregung der Forscher: auch Mädchen aufzunehmen und über das Rhein-Main-Gebiet hinauszugehen. Was Önen gern tun würde. "Wir suchen Partner, andere Initiativen, die unsere Idee vor Ort weiterentwickeln wollen." So wird "Bildung kickt" gleich mehrfach zum Vorbild. Zum einen dafür, wie man Jugendliche unterstützen kann. Zum anderen dafür, dass solche Projekte keine Angst vor Vernetzung haben müssen.

Wenn man Yassin fragt, was er werden will, sagt er als erstes immer noch: "Profi-Fußballer." Dann hält er inne, schaut zu Kenan Önen und schiebt hinterher: "Und wenn das nicht klappt, Computerfachmann."

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