Breakdance-WM: Stunts zum Staunen

Von Fabian Kretschmer und Malte E. Kollenberg

Lil Amok gilt als einer der besten Breakdancer Deutschlands - doch bei der Weltmeisterschaft in Seoul hatte er keine Chance gegen die Champions der Szene: Dank staatlicher Förderung legen Südkoreaner die spektakulärsten Tänze aufs Parkett, allen voran ein 14-jähriger Superstar.

Foto: Malte E. Kollenberg

Adnan Dushaku, 20, schaut kurz ins Publikum, bevor er noch ein letztes Mal in sich geht. Als sein Name schließlich über die riesigen Boxen durch die vollen Ränge der Olympic Hall in Seoul schallt, läuft der Hannoveraner konzentriert auf die Bühne.

Die jugendliche Menge jubelt ihm zu wie einem echten Superstar. Doch Lil Amok, wie Adnan in der Breakdance-Szene genannt wird, bleibt lässig. Er möchte sich keine Blöße geben, denn vor ihm steht der venezolanische Tänzer Lil G. Vor fünf Minuten haben beide noch wie alte Kumpels im Backstagebereich rumgeflachst, jetzt stehen sie sich als Wettkampfgegner gegenüber.

Das Battle beginnt explosiv: Lil Amok macht einen Hechtsprung in die Luft, landet auf seiner rechten Hand und hält seine Pose für mehrere Sekunden, die wie in Zeitlupe vergehen. Dann fängt er an, auf seiner rechten Hand und dem Ellenbogen über die Bühne zu springen. Der rasante Move wirkt dabei ganz beiläufig. Ein starker Einstand, die Zuschauer in den vorderen Reihen kreischen und bekunden mit gehobenen Händen ihren Respekt.

Zur vierten Breakdance-Weltmeisterschaft in Korea sind über 200 Tänzer aus 16 Ländern nach Seoul eingeflogen, sie kämpfen in Einzel- und Gruppenbattles um den Titel.


Die Geschichte des Straßentanzes Breakdance begann in den frühen Siebzigern unter schwarzen und puertorikanischen Jugendlichen in den Straßen der Bronx. Eine Idee war, der damals überbordenden Gangkriminalität in New York etwas entgegen zu setzen: Mit Breakdance sollten die Teenager ihre Streitereien nicht mehr mit Gewalt austragen, sondern in Tanzbattles. Neben Rap, Graffiti und DJ-ing gehört die B-Boy Kultur zu den vier Elementen des Hip Hop.

Während in den meisten Teilen der Welt der Breakdance-Hype eher abgeflaut ist, boomte die Tanzbewegung in Südkorea in den vergangen fünf Jahren und erlebte eine Reniassance. Die Breaker und ihre Kultur gelten als Aushängeschild für ein modernes, dynamisches Korea.

Lil Amok vertritt als einziger deutscher Tänzer sein Heimatland in Seoul, ihm eilt der Ruf voraus, einer der besten Tänzer Deutschlands zu sein. Bereits mit acht Jahren hat er angefangen, mehrmals die Woche zu breaken. Ein Problem für seine Lehrer war das nicht: "Ich war immer in der Schule, sogar als ich krank war" - so schaffte er es, dass ihm die Lehrer für Breakdance Events ausnahmsweise frei gaben. Mit 16 stand der gebürtige Kosovare vor der wohl wichtigsten Entscheidung in seinem Leben: "Seitdem ich mit der Schule aufgehört habe, ist Breakdance mehr als ein Hobby geworden: Ich mache viel Theater-Workshops, Shows und sitze in Jurys."

"Solange die Leute über einen reden, ist alles gut"

Heute ist er professioneller Tänzer. Er kommt in Europa viel herum und immer wieder auch nach Asien, 2011 zeigte er zur WM bereits zum dritten Mal seine Skills vor koreanischem Publik. Adnans Ziel heißt Ruhm, auch über die Szene hinaus. Dafür trainiert er mindestens dreimal die Woche und vermarktet sich auf allen Kanälen von Facebook bis YouTube.

Das Battle gegen den Venezolaner Lil G verliert der Hannoveraner am Ende zwar, aber darauf kommt es ihm gar nicht an. Hauptsache er hinterlasse einen Eindruck beim Publikum. Sein Credo: "Solange die Leute über einen reden, ist alles gut."

"Lil Amok ist auf einem sehr guten Weg", meint auch Focus, ein B-Boy aus Finnland. "Nur bei den Grundlagen mangelt es bei ihm ein wenig." Der 27-Jährige sitzt in der Jury und beurteilt jeden Tänzer nach seinen Fähigkeiten. Nächste Woche wird Focus 28 Jahre alt - und damit fast schon zu alt für einen Breakdancer. Über seine Zukunft macht sich der Finne dennoch keine Sorgen. Letztes Jahr hat er in Helsinki sein eigenes Tanzstudio eröffnet. "Und wenn das nicht klappt, kann ich immer noch auf mein Studium zurückgreifen, das ich jetzt grad abschließe."

Von solcherlei Problemen ist Kim Gi-ju noch weit entfernt. Der 14-jährige Koreaner ist der mit Abstand jüngste Tänzer des Wettbewerbs und gehört trotzdem zu den stärksten im Feld. Pocket hat ihn sein Manager getauft, weil er so klein ist, als könnte man ihn in die Tasche stecken. Seit sieben Jahren trainiert er fast täglich drei bis vier Stunden - für Pocket trotz Schule kein Problem: "Ich liebe das Tanzen zu 100 Prozent", sagt der Junge und auch wenn die Schule mal auf der Strecke bleibt, stünden seine Eltern hinter ihm.

"Ich mach einfach nur mein eigenes Ding"

Bei der Breaker-WM treten nicht nur einzelne Tänzer gegeneinander an, auch Gruppenbattles gehören dazu. In der Kategorie geht der Preis letztlich an die koreanische Jinjo Crew, dotiert mit eine Preisgeld von 15.000 Dollar - gestiftet von der koreanischen Tourismusorganisation. Ihr Chef ist ein Deutscher, Bernhard Quandt alias Lee Charm mit koreanischem Namen. Das Preisgeld kommt vom Staat, es geht schließlich auch um das Prestige - nicht nur der Breaker sondern auch der großen B-Boy-Nation in Asien.

Im Gegensatz zu manch anderem Tänzer sieht der glücklose Lil Amok den Wettkampf nicht all zu ernst. Spaß haben und für den Moment leben, das sei es doch, worum es eigentlich gehe, sagt er. Und er räumt selbstkritisch ein, im Grunde gar kein begnadeter Tänzer zu sein und nicht so sehr auf die Musik zu achten. Anstatt ausgefeilter Rhythmik und jeden angesagten Move perfekt zu beherrschen, legt er Wert auf Originalität. "Ich mach einfach nur mein eigenes Ding", sagt er. "Und darin bin ich auch der Beste."

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