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Erinnerungen an die Bundesjugendspiele: Sogar Mädchen waren besser als ich

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Bundesjugendspiele: Dabei sein ist nicht für jeden alles

Ein Ende der Bundesdemütigungsspiele? Endlich! Meint Benjamin Maack und denkt dabei an sein eigenes dokumentiertes Versagen. Wobei: Ist Dabeisein am Ende nicht doch alles?

Der Tag, an dem nicht Hefte, Bücher und die Federmappe, sondern Turnschuhe, Sporthose und ein buntes Getränk namens Gatorade in den Schulranzen gesteckt wurden, war immer Martins großer Tag. Martin war nicht besonders gut im Unterricht. Aber er hatte ein grünes BMX-Rad für 2000 Mark, mit dem er Rennen fuhr. Und er war der Gewinner jeder Schulhofrauferei.

Für mich war dieser Tag auf dem Sportplatz am Rande unseres Dorfes jedes Mal eine frustrierende Erfahrung. Die superkurzen Hosen flatterten um meine Streichholzbeine. Wenn ich sprang, fühlte ich mich, als hätte ich Blei in den Taschen. Wenn ich den Ball davonschleuderte, schien die Schwerkraft ihn aus seiner Flugbahn zu bugsieren. Wenn ich rannte, bewegte ich mich wie in Zeitlupe.

Am Ende jeder Schmach wurde mein Versagen bis zur zweiten Stelle hinter dem Komma dokumentiert. Berechnet, erfasst, verglichen. In einer Liste konnte ich nachsehen, wie fern ich dem Durchschnitt war, im Gespräch erfuhr ich, wie viele der Mädchen - die schlechtere Leistungen erbringen durften - immer noch viel besser waren als ich. Die Bundesjugendspiele waren eine sich jährlich wiederholende Demütigung.

Mein Sohn: Ein klassischer Fall für die Teilnahmeurkunde

Nun fordert eine besorgte Mutter die Abschaffung. Super! Eine solche Schmach soll wirklich niemand erleben müssen. Retten wir unsere Kinder vor diesem schändlichen Ritual des rohen Kräftemessens!

Mein Sohn ist zweieinhalb. Die Erzieherin sagt, er klettere nicht besonders hoch, laufe nicht besonders schnell. Er spiele lieber mit den ruhigen Mädchen als den wilden Jungs. Er sei ein aufmerksamer Beobachter und könne sich gut ausdrücken.

Mein Sohn ist ein klassischer Fall für die Teilnahmeurkunde.

Irgendetwas in mir möchte ihn vor diesem Tag auf dem Sportplatz bewahren. Irgendetwas findet, dass diese Bundesjugendspiele eine bescheuerte Tradition sind.

Aber so einfach ist das nicht.

Mein Sohn liebt es, in der Kita oder zu Hause auf dem Sofa zu kämpfen, sich auszuprobieren. Er spielt auch gerne Monster, obwohl er eher ein ruhiger Typ ist. Steckt nicht in uns allen auch der Wunsch, uns zu vergleichen? Und können Wettbewerbe nicht dabei helfen, die eigenen Stärken und Schwächen zu erkennen, an ihnen zu arbeiten oder sie einfach zu akzeptieren?

Martin und ich waren sehr unterschiedlich. Aber wir waren auch beste Freunde. Wir bauten Höhlen im Wald, stauten den Landwehrbach, bis die Polizei anrückte und spielten nachmittagelang mit seinem Riesen-Transformer, der sich von einem Roboter in eine Lokomotive und zurück verwandeln konnte.

Doch auf dem Sportplatz hatten wir wirklich nichts gemein. Während ich am Ende dieses Tages mit der zerknitterten Teilnahmeurkunde im Rucksack nach Hause trottete, stieg er überglücklich auf sein BMX-Rad, an seiner Brust die goldene Nadel der Sieger. Und ich könnte schwören, dass ich mich trotz allem für ihn gefreut habe. Ich könnte schwören, dass die Nadel in der Sonne blitzte.

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Eine Mutter will mit einer Petition an Familienministerin Manuela Schwesig und die Kultusminister die Bundesjugendspiele abschaffen. Gute Idee oder völlig verkehrt - was meinen Sie?

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 261 Beiträge
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1. Existenzberechtigung
liedzeit 25.06.2015
Es gibt zwei Gründe, warum Kinder zur Schule gehen: Erstens damit sie lernen, sinnlose Dinge zu tun, das müssen sie im Berufsleben schließlich auch meistens. Und zweitens sollen sie lernen, dass die Menschen verschieden sind. Der eine kann das besser, der andere jenes. Und manche können alles gut, und manche nichts. So ist das. Eine harte Lektion, aber eine notwendige.
2.
klaus5000 25.06.2015
Sport hält Fit!
3. Wo bleibt der Aufschrei der Feministinnen?
japhet 25.06.2015
Da will jemand etwas abschaffen, weil er es mit der Erfahrung verbindet, dass ein Mädchen besser sein konnte wie er! Und das auch noch öffentlich!
4. Demütungsspiele? Blödsinn!
kub.os 25.06.2015
Wenn einem so gar nichts mehr einfällt, ja dann, dann kommen solche Themen auf den Tisch. Unser Alltag ist doch mit Vergleichen und Leistung durchsetzt. Das muss man nicht prima finden, ist aber gelebte Praxis. Und wenn mein Pummelsöhnchen hinterher läuft, dann sollte ich ihm vielleicht mal die Cola, die Kartoffelchips und die PS 3 wegnehmen. Zudem lernt er auch mal mit `ner Niederlage umzugehen. Oder soll er späterhin lernen: Demütigungsschule; Demütigungsberuf, Demütigungsumfeld etc...
5. Ein Tag für andere Schüler
deakon78 25.06.2015
Ich hatte immer das Glück in der Schule passabel zu sein und ein guter Sportler. Dennoch gab es Zeiten, in denen ich mir mit der Schule schwertat und mein Selbstbewusstsein über den Sport holte. Die Bundesjugendspiele sind der Tag im Jahr, an dem sich Schüler mit einer 4 in Deutsch und einer 3,5 in Mathe nach vielen Demütigungen im Schulalltag auch mal eine Auszeichnung holen können. Und auch den Respekt dafür, dass sie auch eine Sache gut machen. 364 Tage Demütigung für den einen, 1 Tag Demütigung für den anderen. Ein recht guter Deal für Streber. Und für Schüler, die beides nicht können, ein Tag wie jeder andere.... Ich finde die Bundesjugendspiele gut.
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