Christian, 22, magersüchtig: "Ich sehe aus wie ein Strichmännchen"

Von Anne Hoehl

Lieber tot als dick: Tagelang aß Christian nichts außer Koffeintabletten und quälte sich im Fitness-Studio, bis er nur noch 49 Kilo wog und zusammenbrach. Jetzt kämpft der 22-jährige Münchner gegen seine Magersucht - und um die Chance auf ein normales Leben.

57 Kilo bei einer Größe von 1,82 Meter. Die Jeans schlackert an Christians Hintern, nur durch einen eng gezurrten Gürtel wird sie an seinem mageren Körper gehalten. Unter dem dünnen Wollpulli zeichnet sich seine knochige Armen deutlich ab. Und dennoch: Christian geht es so gut wie schon lange nicht mehr.

Patient Christian: "Ich war am Ende"

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"Ich sehe immer noch aus wie ein Strichmännchen", sagt er selbst. Ein gewaltiger Schritt. Denn Christian ist sich – anders als viele andere Magersüchtige – seiner Krankheit bewusst: Er weiß, dass er Hilfe braucht.

Christian hat viele Therapien hinter sich, er war bei Psychologen und Ärzten – es hat alles nichts gebracht. Als der 22-Jährige schon alle Hoffnung aufgegeben hatte, stieß er im Internet auf ein einzigartiges Projekt: ANAD. Das Kürzel steht für "Anorexia Nervosa and Associated Disorders", also Ess-Störung. ANAD wurde vor 23 Jahren als Selbsthilfegruppe gegründet. Menschen, die an Magersucht oder Bulimie leiden, sollten zusammenfinden und sich austauschen. Heute ist ANAD Beratungsstelle und Wohnheim für Menschen mit Ess-Störungen.

Seit fünf Monaten lebt Christian zusammen mit einem anderen jungen Mann in der ANAD-Wohngemeinschaft in der Münchner Innenstadt. Betreut werden sie von einem Team aus Ärzten, Psychotherapeuten, Sozialpädagogen und Ernährungswissenschaftlern. Mehrmals die Woche steht Einzel- und Gruppentherapie auf dem Stundenplan, und Christian hat sich ein Praktikum im Kindergarten gesucht. Er hat zugenommen und lernt, wieder normal zu kochen. Durch seine Krankheit hatte er jedes Gefühl für Essens-Portionen verloren.

Selbstmörderischer Schlankheitswahn

Christian ist einer von schätzungsweise 60.000 bis 80.000 Männern in Deutschland, die an einer Essstörung leiden. Damit ist jeder zehnte Ess-Gestörte ein Mann – und Magersucht schon lange nicht mehr nur eine Mädchen- oder Frauenkrankheit. "In der Risikogruppe der Jugendlichen und jungen Männer zwischen 10 und 25 Jahren haben Störungen des Ess-Verhaltens stark zugenommen", sagt ANAD-Leiter Andreas Schnebel.

Als 15-Jähriger wog Christian über 100 Kilo und gab seiner Pummeligkeit die Schuld an seinem schlechten Selbstvertrauen. "Alles ist besser, wenn ich dünn bin", dachte er damals und begann eine Diät. Es war der Anfang seines mörderischen Schlankheitswahns. In nur zwei Monaten speckte er 20 Kilo ab und war mächtig stolz. Fünf Jahre lang hielt er sein Gewicht.

Dann erkrankte sein Vater an Spielsucht, seine Mutter hatte keine Zeit mehr für ihn. Christian verzweifelte, er hielt es zu Hause nicht mehr aus und mietete eine eigene Wohnung. "Das hätte mich fast umgebracht, denn ich war plötzlich auf mich allein gestellt." Christian stürzte sich in eine zweite Diät. Täglich quälte er sich im Boxkeller oder im Fitnessstudio. Schokolade, Vanilleeis, ein Döner – all das war für ihn fortan tabu.

"Ich wollte immer anders sein als mein Vater, der unsere Familie zerstört hat", sagt Christian mit brüchiger Stimme, der Blick angsterfüllt. Schnell hatte er sein Ziel erreicht: Er nahm immer weiter Gewicht ab, unterschied sich nun auch äußerlich von dem verhassten Vater. Der war dick, Christian war nun schlank, dürr.

"Irgendwann war ich am Ende"

Doch mit dem Fasten konnte er nicht mehr aufhören. Ab und an aß er Salat, Magerquark oder Knäckebrot – mehr nicht. Im Fitness-Studio trimmte er sich jeden Tag bis zur totalen Erschöpfung. Wenn der Zeiger auf der Waage dennoch hartnäckig stehen blieb, bestrafte er sich mit noch mehr Sport, noch weniger Essen.

"Irgendwann war ich am Ende", erzählt Christian. "Nachdem ich Tage lang nichts gegessen hatte und mich nur noch von Cola light und Koffeintabletten ernährte, brach ich entkräftet zusammen." Christian wurde in lebensbedrohlichem Zustand ins Krankenhaus eingeliefert. Sein Puls: 34. Sein Gewicht: 49 Kilogramm.

In der Klinik diagnostizierten die Ärzte psychische Störrungen. Andreas Schnebel von ANAD sagt: "Noch immer gilt das Vorurteil: Unter Magersucht leiden nur Frauen oder Schwule. Deshalb denken viele Ärzte bei Männern gar nicht erst an Magersucht."

Christian bekam ein Venenkatheter angelegt. Er wurde vollgepumpt mit Kalorien und Fettlösungen. Das rettet ihm das Leben. "Für mich war es trotzdem der Horror", sagt Christian. Er floh aus dem Krankenhaus, kam in eine psychosomatische Klinik. Doch die Therapie dort scheiterte. Nach mehreren Wochen wurde Christian entlassen, ohne an Gewicht zugenommen zu haben.

"Ich war am Boden zerstört", sagt er. ANAD war seine letzte Rettung. Er hat fünf Kilo zugenommen, seit er dort ist. Zwei Wünsche hat Christian: Er möchte einmal wieder so unbeschwert sein wie vor seiner ersten Diät. Und bald wieder Hunger haben. Denn sein Hungergefühl ist ihm über die Jahre des Kalorienzählens abhanden gekommen.

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