Von Christian Werner
Eng drängen sich die Journalisten im Nürnberger Rathaus, fast so als würde man die Bundeskanzlerin persönlich erwarten. Stattdessen sitzen in einem langen Flur vor dem Rathaussaal sechs zierliche Kandidatinnen und ihre Eltern. Sie sind die letzten von insgesamt 38 Bewerberinnen, zwischen 16 und 19 Jahre alt, sie alle wohnen in Nürnberg, sind mindestens 1,60 Meter groß und schwindelfrei - das sind die Anforderung für einen der bekanntesten Repräsentierjobs in der Adventszeit. Hinter großen Holztüren wartet eine Jury, um den Job als Nürnberger Christkind neu zu vergeben.
Eine Vorauswahl hatten die Juroren bereits getroffen. Die Bilder von zwölf möglichen Christkindern wurden in lokalen Tageszeitungen und im Internet gezeigt. Online, per Postkarte oder im Rathaus konnten die Nürnberger dann abstimmen. Die sechs Jugendlichen mit den meisten Stimmen wurden am Mittwochnachmittag ins Rathaus geladen.
Celine-Marie Baumer, 16, war der Liebling der Online-Wähler. Jetzt wartet sie mit ihrer Mutter auf die entscheidende Runde. Sie sei eigentlich kaum aufgeregt, sagt sie. Warum will sie Christkind werden? Ihre braunen Augen werden größer: "Ich bin ein Riesenfan." Es sei für sie einfach das Größte, Menschen eine Freude zu machen.
Bekannter als der Oberbürgermeister
Solche Sätze hört man hier oft. Die Teenager lassen keinen Zweifel daran, dass es ihnen mit ihrer Bewerbung ernst ist. Sie lassen sich zweimal vier Wochen beurlauben vom Unterricht - notfalls müsse sie eben die elfte Klasse wiederholen, sagt Celine-Marie. "Wir waren natürlich besorgt wegen der Schule. Aber sie hat unsere volle Unterstützung", sagt ihre Mutter.
Das Nürnberger Christkind ist bekannter als der Oberbürgermeister. Und als offizielle Repräsentantin des Christkindlesmarktes und der Stadt ist der Job nicht ohne: Jährlich besuchen über zwei Millionen Gäste aus aller Welt den Markt. Allein zur Eröffnungszeremonie am Freitag vor dem ersten Advent starren 25.000 Augenpaare auf den Rauschgoldengel auf der Kirchenempore. Hinzu kommen Auftritte in den Partnerstädten Glasgow und Chicago und in der volkstümlichen Weihnachtsshow mit Florian Silbereisen.
Für die Siegerin stehen fast 200 Termine vom ersten Advent bis Heiligabend an, die meisten davon in sozialen Einrichtungen wie Kindergärten oder Pflegeheimen. "Mehr ist nicht zu schaffen", sagt der Pressesprecher der Stadt Nürnberg, Siegfried Zelnhefer. Von morgens acht Uhr bis in die Abendstunden heißt es dann Hände schütteln, Märchen erzählen, Kinderfragen beantworten und lächeln, lächeln, lächeln. Christkind ist ein Knochenjob und die Amtszeit dauert zwei Jahre.
Blonde Naturlocken? Das muss nicht sein
Inzwischen sind die Mädchen im Vorzimmer des Rathaussaals angelangt. Johanna Heller schaut noch einmal kurz herein und wünscht Glück. Sie ist das bisherige Christkind und sitzt mit Vertretern der Stadt, Journalisten und dem Direktor des städtischen Schauspielhauses in der 16-köpfigen Jury. Schließlich weiß sie am besten, was ein Christkind mitbringen muss. Blonde Naturlocken etwa braucht es nicht, sagt die selbst sehr blond gelockte Heller. Ihre Vorgängerin hatte glatte schwarze Haare. Zum Kostüm des Christkindes gehört eine Perücke, die auch Johanna über ihrer natürlichen Haarpracht tragen musste.
Die sechs Finalistinnen werden einzeln hereingebeten. 20 Minuten dauert die Fragerunde, sitzend oder stehend, wie die Mädchen wollen. Sie müssen nicht über einen Catwalk stöckeln, nicht in das Kostüm schlüpfen und kein Foto-Shooting absolvieren. "Wir suchen hier nicht das nächste Topmodel und nicht das Super-Christkind", sagt Pressesprecher Zelnhefer, und es gehe gerade nicht darum, Leute vorzuführen.
Ein selbstgewähltes Gedicht muss jede Bewerberin aufsagen, Celine-Marie hat "Mondnacht" von Joseph von Eichendorff gewählt. Zwei andere rezitieren Rilke. Auch der Prolog, den das Christkind zur Eröffnung des Weihnachtsmarktes in fast zwölf Metern Höhe von der Kirchenempore aufsagen muss, gehört zum Test. Wichtig ist zuletzt auch Faktenwissen rund um die Stadt: Wie viele Einwohner hat Nürnberg? Die Antworten der Mädchen sitzen.
Tränen bei der Frage nach der Bedeutung von Weihnachten
In der Vorrunde lag der Fokus auf der Optik, jetzt entscheidet die Persönlichkeit. Authentisch müsse ein Christkind sein, spontan, ein bisschen kindlich, bloß nicht zu professionell, sagt Johanna. Bei einer Kandidatin kullern im Auswahlgespräch sogar Tränen übers Gesicht. Die Frage nach der Bedeutung des Festes erinnere sie an ihre Oma, die in der Weihnachtszeit gestorben war. Kein Problem, tröstet die Jury, ein Glas Wasser und ein Taschentuch werden gereicht.
Vor der Tür warten die Konkurrentinnen nervös auf ihren Auftritt und verhalten sich schwesterlich. "Wir haben uns super verstanden und zur Ablenkung Kinderspiele gespielt", sagt Teresa Treuheit, 16. Keine weiß, wie die andere sich drinnen geschlagen hat.
Nach über drei Stunden Casting-Marathon entscheidet sich die Jury gegen das Mädchen, das die Tränen vergossen hat, und für die Gymnasiastin Franziska Handke, 16, die als Hobbys Reiten, Singen und Tanzen nennt. "Ich liebe vor allem den Tango", sagt sie. Außerdem arbeitet sie als Santitäterin und bringt als Bonus Gesangsunterricht und schauspielerische Erfahrung vom Krippenspiel mit.
Nachdem die Entscheidung steht, kommen dem ehemaligen Christkind Johanna die Tränen. Sie umarmt Franziska, deren erster Termin die Anprobe des Kostüms sein wird. Während sich Fotografen um das neue Christkind scharen, fällt Teresa auf, dass die Mädchen nur noch zu fünft sind. Eine Kandidatin ist kurz nach der Bekanntgabe der Siegerin verschwunden, vielleicht aus Enttäuschung, vermutet Teresa.
Könnte sein, dass Siegerin Franziska beim Casting entspannter war als ihre Mitbewerberinnen, weil sie kein lang gehegter Kindertraum antrieb. "Das war eine spontane Aktion", ihr Opa habe den Vorschlag gemacht und sie habe sich erst zwei Tage vor Bewerbungsschluss angemeldet. "Ich wollte das nur mal probieren und sehen, was dabei rauskommt." Jetzt weiß sie es.
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