Computerabhängigkeit: Spielend in die Verwahrlosung

Von Marie-Charlotte Maas

Tag und Nacht saß er vor dem PC, bis Uni und Job aus seinem Leben verschwanden. Für Mark, 20, zählten nur noch Counter-Strike und das Internet. Diese Form von Abhängigkeit sehen Experten als wachsendes Problem, sind aber über das Ausmaß und den Umgang damit uneins.

Als Marks* Mutter ihren Sohn umgeben von Flaschen- und Müllbergen vor seinem Computerbildschirm sitzen sieht, bricht sie in Tränen aus. Mark hat schon lange viel Computer gespielt und im Internet gesurft, schon bevor er zum Studium allein nach Berlin zog. Doch dass sich seine Leidenschaft eines Tages zu einer Abhängigkeit ausweiten würde, hätte vor allem er selbst nie gedacht.

Computerabhängigkeit: Es leiden Studium, Job, Freundschaften
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Computerabhängigkeit: Es leiden Studium, Job, Freundschaften

Der Absturz und damit der Wendepunkt ereignete sich Mitte April: Plötzlich standen Marks Eltern unangemeldet in seiner Wohnung, um zu sehen, warum sie seit Wochen vergeblich versuchten, mit ihrem Sohn in Kontakt zu treten.

Als seine Mutter vor Entsetzen weinte, saß der 20-jährige Berliner das letzte Mal vor einem Computerbildschirm. Seit acht Wochen ist er nun abstinent, das ist eine lange Zeit für einen Abhängigen. Geheilt ist er trotz dieses Erfolgs noch nicht: "Die Angst vor einem Rückfall ist immer da, auch wenn ich mich momentan als relativ willensstark einschätze."

Flucht vor den Computer

Seit Jahren diskutieren Psychologen und Mediziner, wie mit dem Phänomen Computerabhängigkeit umzugehen ist; auch in der American Medical Association (AMA) ist das umstritten. Vor zwei Jahren hatte eine Gruppe innerhalb der AMA den Antrag gestellt, die Abhängigkeit in das Handbuch psychischer Störungen der American Psychiatric Association als Suchtform aufzunehmen und somit als Diagnose zuzulassen. Doch die Medizinervereinigung lehnte das ab - es müsse weiter geforscht werden.

Auch in Deutschland wird die Abhängigkeit bisher nicht als eingeständiges Störungsbild gesehen. Gegner der "Diagnose Computersucht" argumentieren, die Verhaltensstörung sei lediglich ein Symptom, zum Beispiel von Depressionen.

Ob Symptom oder Krankheit - Jannis Wlachojiannis hat täglich mit Jugendlichen zu tun, die den Konsum von Internet-Spielen nicht mehr steuern können. "Die Leute kommen, wenn der Leidensdruck ganz besonders groß ist, wenn ihnen wegen ihrer Sucht gekündigt wurde, sie die Wohnung oder den Studienplatz verloren haben oder von der Schule geflogen sind", erzählt Wlachojiannis.

Er leitet die Berliner Computer- und Online-Suchtstelle "Lost in Space", eine Einrichtung der Caritas, und hat als erster mit Mark über dessen Problem gesprochen. Wie Mark kommen die meisten Betroffenen spät zu Wlachojiannis.

Marks Abhängigkeit beginnt mit Problemen an der Uni. Das Studium entpuppt sich als schwieriger als erwartet, für Mark sind die Anforderungen zu hoch, er ist frustriert und sitzt immer öfter vor seinem PC, statt sich um die Uni zu kümmern. Seine Leidenschaft: das Ego-Shooter-Spiel Counter-Strike. Auch der Nebenjob leidet unter dem Spieltrieb.

"Ich wollte immer besser werden"

Als Mark eines Tages wegen des Spielens unentschuldigt nicht zur Arbeit erscheint, ist seine Scham darüber so groß, dass er ab diesem Moment für seinen Arbeitgeber nicht mehr erreichbar ist. Fortan hat Mark noch mehr Zeit zum Zocken. "Ab diesem Moment saß ich ununterbrochen vorm PC. Aufgehört zu spielen habe ich erst, wenn ich vor Müdigkeit nicht mehr konnte, nach 24 Stunden oder so", erzählt er. Rausgegangen sei er nur, wenn er nichts mehr zu essen im Haus hatte.

Im Freundeskreis fällt Marks Problem nicht auf. Alle haben viel mit ihrem Studium zu tun, und am Wochenende schafft Mark es auch oft, sich für ein paar Stunden vom PC zu lösen und mit seinen Freunden feiern zu gehen. So schöpft niemand Verdacht. Marks Welt ist Counter-Strike. Und wenn er gerade nicht spielt, surft er im Netz: Er liest, er hört Musik. Aus ist der Computer fast nie.

"Ich habe Counter-Strike als Sport gesehen, das hat meinen Ehrgeiz angestachelt. Ich war irgendwann sehr gut und wollte dann natürlich immer besser werden." Erst als Mark längere Zeit die E-Mails seiner Eltern nicht beantwortet und auch ihre Anrufe nicht annimmt, irgendwann sogar den Hörer nicht mehr auflegt, um seine Ruhe zu haben, bröckelt die Fassade. Marks Eltern beschließen, nach ihm zu sehen. Die ersten zwei Besuche ignoriert Mark, er öffnet seinen Eltern die Tür nicht. Schließlich bitten sie den Vermieter um den Ersatzschlüssel.

Experten sind uneins, wie viele Jugendliche betroffen sind

Nachdem der erste Schock über den Zustand des Sohnes überwunden ist, bringen Marks Eltern ihn in die Wohnung eines Verwandten. Mark ist vollkommen übermüdet, er muss sich ausschlafen. Seine Eltern säubern derweil sein Zimmer: Sie tragen fünf große Müllsäcke aus der Wohnung, es ist der Abfall seiner Abhängigkeit.

So wie Mark geht es vielen. Sabine Bätzing, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, warnt, die Abhängigkeit von Computerspielen und dem Internet könnte in naher Zukunft zu einem großen Problem werden. Sie vergleicht das Verhalten mit der Glücksspielsucht, die als pathologische Verhaltensstörung in den internationalen Klassifikationssystemen eingetragen ist. Sie fordert schärfere Altersbeschränkungen für Spiele wie World of Warcraft.

Doch wie viele Jugendliche von der Abhängigkeit betroffen sind, ist umstritten: Eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen ergab, dass bundesweit 3,2 Prozent der Jugendlichen betroffen seien, vor allem junge Männer. Gefährdet seien sogar 4,7 Prozent.

Zu einem anderen Ergebnis kam die Berliner Humboldt-Universität: Von echter Internet-Sucht könne nur bei 1,4 Prozent der 12- bis 19-Jährigen gesprochen werden. Ängstlichkeit, Einsamkeit, ein geringeres Selbstwertgefühl, Überforderung, Kommunikationsstörungen und Depressionen begünstigten die Sucht, sagte Studienleiterin Sabine Meixner. Sie räumte ein, dass es für eine repräsentative Studie zur Internet-Sucht derzeit keine ausreichenden Daten gebe.

"Lieber gehe ich dann in Therapie"

"Bei der Computersucht fehlt die körperliche Abhängigkeit, es gibt bei den meisten keine sichtbaren Entzugserscheinungen. Das macht ein Erkennen der Sucht so schwierig", sagt Wlachojiannis von "Lost in Space". Beim ersten Einzelberatungsgespräch, das er mit Mark führt, rät er ihm, sich auf unbestimmte Zeit vom Computer zu trennen. Ein Art kalter Entzug - bei der heutigen Omnipräsenz von Internet und Computern eine große Herausforderung.

Mark akzeptiert und fliegt mit seinen Eltern für drei Wochen in ihr Haus im Ausland. Ohne Laptop. Seit seiner Rückkehr nach Berlin besucht er einmal pro Woche die Gesprächs- und Beratungsgruppe von "Lost in Space", wo er sich gemeinsam mit den anderen Betroffenen über seine Sucht austauscht. Die meisten Teilnehmer sind männlich und 16 bis 25 Jahre alt, sie kommen aus allen sozialen Schichten.

Mark kommt mittlerweile gut ohne Counter-Strike zurecht. Nicht mehr spielen zu dürfen, trifft ihn weniger stark, als er vermutet hätte. Mehr als der Entzug des Computers macht ihm zu schaffen, dass er mit dem Einstellen von Counter-Strike auch seine durch das Spiel geschaffenen sozialen Online-Kontakte verloren hat. Sicher ist für ihn heute, dass er einen solchen Absturz nie mehr erleben möchte: "Lieber gehe ich dann in Therapie."

Ab Oktober will Mark wieder studieren. Er hat sich für Sozialpädagogik beworben und kann sich gut vorstellen, eines Tages im Bereich der Mediensuchthilfe zu arbeiten, um anderen mit seinen Erfahrungen vor einer Abhängigkeit zu bewahren.

(*Name von der Redaktion geändert)

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