Cyber-Mobbing gegen Lehrer: Pornomontagen und Hinrichtungsvideos

Von Matthias Eberspächer

Im Internet rollen ihre Köpfe, Erschießungen werden simuliert und Gesichter in Pornovideos montiert - beim Mobbing gegen Lehrer schrecken Schüler vor nichts zurück. "Lehrer sind kein digitales Freiwild!", schlägt der Philologenverband Alarm. Doch die Schulen sind ratlos.

Sie wollten sich rächen, sie taten es virtuell. Eine Gruppe von Schülern an einem süddeutschen Gymnasium machte ihren Lateinlehrer für den Schulabgang eines Freundes verantwortlich. Gnadenlos sollte er schlechte Noten verteilt haben. Nun wollte man selbst gnadenlos sein.

Mobbing auf Knopfdruck: Lehrer als Freiwild
[M]DDP;DPA;SPIEGEL ONLINE

Mobbing auf Knopfdruck: Lehrer als Freiwild

Die Schüler, keiner älter als 14 Jahre, beschafften sich ein Bild des verhassten Lehrers, dann das animierte Video einer Hinrichtung und fügten das Gesicht des Lehrers ein. Das Video zeigt ihn nun, wie er eine Straße entlang läuft. Ein Gewehr taucht auf, ein Schuss trifft den Mann in den Kopf. Der Kopf platzt Blut spritzend und rollt auf die Straße. Im Hintergrund läuft düstere Musik der "Böhsen Onkelz".

Das Video stellten die Schüler ins Internet, dazu einen Text, in dem sie dem Lehrer die Schuld dafür gaben, dass einige Mitschüler die Schule verlassen mussten. Doch der Pädagoge konnte die Schüler ausfindig machen, die das Video montierten. Nur weil sie so jung waren, flogen sie nicht sofort von der Schule.

Ein drastisches Beispiel für Mobbing gegen Lehrer - aber ganz sicher kein Einzelfall. In England läuft bereits eine große Kampagne gegen Lehrer-Bashing im Internet, das Cyber-Mobbing hat längst auch Deutschland erreicht. "Lehrer haben teilweise wirkliche Todesängste, in den Köpfen spukt noch Erfurt umher", sagte Heinz-Peter Meidinger SPIEGEL ONLINE. Er ist Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes, dem immer häufiger Schulen über solche Fälle berichten. "Inzwischen gibt es in Deutschland wohl kaum eine weiterführende Schule mehr, die nicht schon negative Bekanntschaft mit dieser neuen Tendenz, Lehrer anonym im Internet zu mobben, gemacht hat", so Meidinger.

Kaum mehr eine Schule ohne Cyber-Mobbing

Jetzt hat der Verband öffentlich Alarm geschlagen - lautstark. "Was sich da abspielt, spottet jeder Beschreibung. Das hat mit Schülerscherzen nichts mehr zu tun", klagt Meidinger. "Lehrer sind kein digitales Freiwild!" Meidinger, Schulleiter an einem Deggendorfer Gymnasium, fordert die Politik auf, Druck auszuüben auf die Betreiber von Webseiten, Videoportalen und Chatforen, damit Beleidigungen von Lehrern dort nicht mehr landen.

Die Hemmschwelle für Schulleiter, mit den Fällen von Cyber-Mobbing an ihrer eigenen Schule an die Öffentlichkeit zu gehen, ist hoch. Das könnte ja den Ruf der Schule schädigen - und auch den Bildern, Videos, Gerüchten eine noch größere Verbreitung bescheren. Denn sobald sie einmal kursieren, sind sie kaum wieder einzufangen.

Der Philologenverband kennt krasse Fälle: An einer Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen veröffentlichte eine Gruppe von Schülern pornografische Montagen, die Lehrer und Schüler beim Sex zeigten. Die Fotos waren professionell bearbeitet, selbst Experten mussten genau hinsehen, um sie als Fälschungen zu enttarnen. Als Ausgangsbilder verwendeten die Schüler Pornobilder, die schon die passende Kulisse, nämlich Klassenzimmer, boten.

Die Bilder wurden dann als Pornoschulzeitung via Bluetooth-Verbindung der Handys und über ICQ im Internet unter die Schüler gebracht. Bis Lehrer und Schulleitung davon erfuhren, gab es bereits drei Ausgaben der "Porn-News", wie die Schüler das digitale Pornoschulheft betitelten. Auch hier war es eine ganze Gruppe, nicht etwa Einzeltäter. Und das sei so üblich, sagte Meidinger SPIEGEL ONLINE: "Meist wissen viele Bescheid, weil es auch darum geht sich zu profilieren."

"Ganze Klassen machen Lehrer fertig"

Dass Schüler unter Lehrernamen in Single-Chats chatten oder sich in Single-Börsen anmelden, ist ebenfalls nicht mehr selten. So sammelten Schülerinnen einer kirchlichen Mädchen-Realschule in Bayern in der Klasse Geld, um in einem Online-Single-Treff ein Benutzerprofil anzulegen. Ihr Opfer: ein schon etwas älterer Lehrer, dem sie eine Vorliebe für blonde Kinder mit langen Haaren andichteten. Der bekannte Spitzname des Lehrers schmückte das Profil - und prompt breiteten sich böse Gerüchte über ihn in der mittelgroßen Stadt schnell aus.

Eine weitere Plattform für Lehrer-Mobbing ist die Webseite spickmich.de, die Schülern die Möglichkeit bietet, ihre Lehrer zu bewerten - an sich kein Problem, sagt Heinz-Peter Meidinger. Lehrer dürften nicht zu empfindlich sein und müssten mit Kritik leben, aber im Internet würden Persönlichkeitsrechte von Lehrern "systematisch mit Füßen getreten". Schüler nutzten solche Plattformen häufig, um offene Rechnungen zu begleichen, etwa durch erfundene Zitate, oder Lehrer nach seltsamen Kriterien wie Sexappeal und Aussehen zu benoten. Es gebe auch Beispiele, "wo sich ganze Klassen absprechen, um bestimmte Lehrer fertig zu machen", so Meidinger.

Die Betreiber von spickmich.de rufen die Nutzer indes zur Fairness auf: "Denkt bei der Benotung an das, was ihr selbst von euren Lehrern erwartet", heißt es auf der Seite. "Denkt daran, dass es auch im Internet keine Anonymität und Rechtsfreiheit gibt - auch Lehrer können mittlerweile surfen."

Gegen Mobbing via Internet hat Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner Lehrern Hilfe zugesichert. "Wir lassen Pädagogen in dieser Frage selbstverständlich nicht allein", sagte der derzeitige Präsident der Kultusministerkonferenz in einem Interview. Die Fälle seien allerdings sehr unterschiedlich, bundeseinheitliche Regelungen ergäben wenig Sinn. Von härteren Gesetzen hält auch Philologe Meidinger wenig: "Ich bin für mehr Aufklärung an den Schulen, denn oft ist das Unrechtsbewusstsein der Schüler noch nicht ausgebildet. Und wenn Eltern sehen, was ihre Kinder anstellen, fallen sie aus allen Wolken. Im Grunde müssen wir die Schüler vor sich selbst schützen", sagte er SPIEGEL ONLINE.

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