Cybermobbing in der Schule: Mein Freund, der Klassentyrann

Welche Schüler mobben, pöbeln, drohen online? Eine Studie zeigt jetzt: Nicht die stillen Außenseiter nutzen die Anonymität im Netz für Beleidigungen, sondern gut integrierte, beliebte Jugendliche.

Cybermobbing an Schulen: Opfer klagen über Wut, Verletzung, Enttäuschung und Angst Zur Großansicht
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Cybermobbing an Schulen: Opfer klagen über Wut, Verletzung, Enttäuschung und Angst

Nein, es sind offenbar nicht die stillen und zurückhaltenden Schüler, die sich unterdrückt fühlen und online zurückschlagen. Zwar wird das oft angenommen, wenn es um Cybermobbing geht, um anonyme Online-Pöbeleien, die Schüler und Lehrer verzweifeln lassen und den Schulalltag verändern. Doch eine Pilotstudie der Universität Hohenheim legt jetzt nahe: Nicht die Außenseiter mobben, sondern integrierte Schüler.

"Das Mobbing kommt im wahrsten Sinne aus der Mitte der Klassengemeinschaft", so Thorsten Quandt, Professor für Kommunikationswissenschaft, an dessen Lehrstuhl die Studie erarbeitet wurde. Demnach sind aber unter den Opfern besonders oft Außenseiter zu finden. Es scheint, als würden beliebte Klassentyrannen die Schüler online bloßstellen, die es eh schon schwer haben. Allerdings müssen auch die Mobber damit rechnen, zu Opfern zu werden: Viele Täter berichteten, selbst schon einmal beleidigt worden zu sein.

Repräsentativ ist die Studie zwar nicht, dafür aber aufschlussreich. An einem Stuttgarter Gymnasium und einer Hauptschule hat die Kommunikationswissenschaftlerin Ruth Festl 409 Schüler befragt. Jeder Fünfte hatte hat es bereits erlebt, dass er online beleidigt wurde, dass verletzende Bilder oder persönliche Videos hochgeladen werden. An der Hauptschule etwas mehr, am Gymnasium etwas weniger. Das lasse aber noch keine Rückschlüsse auf die Schulformen im Allgemeinen zu, betont Festl, auch wenn es plausibel erscheint. Opfer der Gemeinheiten werden demnach vor allem Mädchen, unabhängig von ihrem Alter, und Jungen unter 14.

Wie gut integriert ein Schüler in die Klasse ist, das fanden sie heraus, indem sie etwa nach Freundschaften fragten. Cybermobbing-Opfer wurden demnach nur selten als Freund genannt, Täter nehmen hingegen innerhalb der Klasse meist eine "zentrale und strategische Position" ein. Wenig überraschend: Schüler, die viel Zeit im Netz und in sozialen Netzen verbringen, schreiben dort auch eher mal einen hässlichen Kommentar über Mitschüler. Die befragten Opfer klagten über Wut, Verletzung, Enttäuschung, Schlafstörungen sowie Angst.

Auch frühere Studien zeigten mitunter, dass Mobber durch ihre Aggressionen nicht zwangsläufig geächtet werden - die schlimmsten sind oft beliebter als ihre Opfer.

otr/dpa

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1. ..
TheMexican 14.04.2011
das ist doch jetzt nicht wirklich eine überraschung oder? studien gibts auch WIRKLICH zu allem mittlerweile...
2. Immerhin
jeez 14.04.2011
Das Ganze gibt doch einen guten Überblick über die Funktions-Weise der menschlichen Gesellschaft. Es gehören immer Opfer, Täter, Mitläufer und allgemeine Ignoranten dazu, aber hin und wieder auch anständige Leute mit etwas Empathie.
3. Mal anders gefragt
artusdanielhoerfeld 14.04.2011
Gibt es nicht irgendwo eine Platform, wo man anonym seine antisozialen Ex-Chefs mobben kann? Ich hätte da ein paar Kandidaten.
4. Hühnerhof
sfb 14.04.2011
Zitat von jeezDas Ganze gibt doch einen guten Überblick über die Funktions-Weise der menschlichen Gesellschaft. Es gehören immer Opfer, Täter, Mitläufer und allgemeine Ignoranten dazu, aber hin und wieder auch anständige Leute mit etwas Empathie.
Eigentlich ist es wie bei der Hühnerhaltung: Früher gab es ja bekanntlich vorwiegend Käfighaltung. Mit der Freilaufhaltung traten dann plötzlich zunehmend Mobbing und Kannibalismus auf. Bei einen Blick in die Vergangenheit zeigte sich schnell warum. Hühner werden sinnvollerweise in Kleingruppen gehalten, jeweils mit Hahn. Dieser verteidigt die Population nicht nur nach außen z.B. gegen Greifvögel, sondern sorgt auch dafür, dass Mobbing unterbleibt. Was in unserer Gesellschaft fehlt, ist Autorität und das Durchsetzen von Ordnung. Tut man dies nicht, blühen Mobbing und ähnliche Erscheinungen.
5. Glaub ich nicht ...
Harald Lennartson 15.04.2011
Zitat von sfbEigentlich ist es wie bei der Hühnerhaltung: Früher gab es ja bekanntlich vorwiegend Käfighaltung. Mit der Freilaufhaltung traten dann plötzlich zunehmend Mobbing und Kannibalismus auf. Bei einen Blick in die Vergangenheit zeigte sich schnell warum. Hühner werden sinnvollerweise in Kleingruppen gehalten, jeweils mit Hahn. Dieser verteidigt die Population nicht nur nach außen z.B. gegen Greifvögel, sondern sorgt auch dafür, dass Mobbing unterbleibt. Was in unserer Gesellschaft fehlt, ist Autorität und das Durchsetzen von Ordnung. Tut man dies nicht, blühen Mobbing und ähnliche Erscheinungen.
... denn der Mensch sollte in der Lage sein, sich auch mal weiter zu entwickeln. Wenn Sie recht hätten, dann können wir uns auch gleich wieder ein Fell wachsen lassen, mit Keulen bewaffnen und der Beute vom Baum aus auflauern. Kein so schönes Ziel, oder? Es ist viel wichtiger, dass die Eltern ihre Kinder wieder erziehen - und das geht auch ohne anachronistische Unterdrückung(nichts anderes ist das, was Sie da vorschlagen).
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