Der Sitzenbleiber
Im besten Fall umgeben ihn Wildheit und erwachsene Dinge. Dann ist es so, als würde man zu Beginn des neuen Schuljahres einen Wolf in den kreuzbraven Hühnerhaufen versetzen. Natürlich schlurft er fünf Minuten zu spät in die letzte Bank, natürlich hat sein Army-Rucksack nur noch einen Träger, und die Lederjacke sieht aus, als wäre darin schon Che Guevara sitzengeblieben. Er macht nichts im Unterricht, stört nicht, meldet sich nie, das hat er alles hinter sich.
Er sitzt einfach da, rollt Zigaretten und wartet, bis die Neugierigsten der neuen Klasse antraben und ihm Freundschaft und Liebe antragen. Ist er cool, dann ist der Sitzenbleiber bald der Dreh- und Angelpunkt der Klasse. Er adelt mit seiner Anwesenheit Raucherrunden und Partys und verschwindet tagelang, ohne das jemand etwas Genaues über seinen Verbleib weiß. Natürlich hat er auch als erster ein Auto und fast immer einen interessanten Musikgeschmack. Der Umstand, dass er ein ganzes Jahr den gleichen Stoff noch mal durchnehmen wird, erfüllt ihn mit unvergleichlicher Gelassenheit. Nur seine Noten ändern sich marginal.
Im schlechtesten Fall ist der Sitzenbleiber das menschgewordene Versagen und wird auch in der neuen Klasse nur zum Marketender der Faulen, Doofen, Störer und zu dem, was die Eltern der anderen ziemlich bald als "schlechten Einfluss" ausmachen werden. Dann wird er nach unten durchgereicht bzw. verschwindet irgendwann ganz - und nimmt dabei noch ein paar Unvorsichtige mit.
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