Das Leben nach dem Abi: Karriere? Nicht mit uns!

Es ist vollbracht: Rick Noack hat seine letzte Abi-Prüfung hinter sich - nun beginnt sein Leben in Freiheit. Endlich Ruhe also? Denkste, Eltern und Großeltern überbieten sich mit Tipps für die Karriere. Im Abi-Blog stellt Rick klar, nach was ihm selbst der Sinn steht.

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Rick Noack

Abi-Blogger Rick: Studium und Job können erst einmal warten

Am Ende gibt es immer Blumen, ob man will oder nicht. "Herzlichen Glückwunsch zur bestandenen Prüfung, Herr Noack", leiert die Kommission herunter. Hände werden geschüttelt, mein Politiklehrer drückt mir lächelnd ein orangefarbenes Blümchen in die Hand. Und wenig später stehe ich draußen vor dem Schuleingang. Es ist vorbei. Das war also das Abitur. Und jetzt kann ich machen, was ich will.

Ich habe in den letzten Wochen beantworten müssen, was soziale Mobilität ist, was gerechte Kriege sind, wie man den Flächeninhalt eines Gewächshauses mit dem Namen "Gärtnerglück 1" berechnet. Aber die wichtigste Frage blieb bisher unbeantwortet: Was jetzt? Was tun als frischgebackener Abiturient?

Eigentlich müssten wir Abiturienten uns langsam mal Gedanken um die Zukunft machen. Gereizte Mütter weisen inzwischen immer lauter darauf hin, dass jetzt das richtige Leben beginne und der Spaß vorbei sei. Auch Großeltern beginnen unruhig Zeitungsartikel auszuschneiden, die irgendetwas mit dem Studium zu tun haben. "Abwassertechnik, na, wäre das nicht was für dich?". Aber solche gut gemeinten Ratschläge sind vor allem nervig. Denn im Zweifelsfall machen junge Erwachsene sowieso, was sie wollen.

Sarah*, eine gute Freundin von mir, hat auf die Berufsberatung ihrer Mutter jedenfalls keine Lust mehr. "Wir sind gerade mit dem Abitur fertig", erklärt Sarah wildfremden Spaziergängern freudig bei einem Picknick und schiebt noch hinterher: "Das ist jetzt die Zeit, in der man immer betrunken ist."

Sarah fährt im Herbst mit einer Freundin erst einmal für ein Jahr nach Australien, um dort beispielsweise auf Farmen zu arbeiten. Das "Work and Travel"-Programm mag exotisch klingen, ist es aber nicht wirklich. Denn ein Fünftel meiner alten Klasse sucht inzwischen nach dem Abitur auf dem weit entfernten Kontinent die lang ersehnte Ruhe. Die Chance, dass man statt auf Australier auf alte Mitschüler trifft, ist da ziemlich hoch. "Für so ein Abenteuer wirst du später aber nie wieder Zeit haben", sagt Sarah und zupft die Picknick-Decke auf dem Boden zurecht.

Liebe Eltern: Wir wollen erstmal unsere Ruhe!

Doch viele Eltern sehen das anders. Sie verstehen unter einem erfolgreichen Leben eine zielgenaue Karriere. Nach der Schule wird sofort studiert. Und was studiert wird, ist sowieso schon lange klar. Nach dem Master werden hunderte Bewerbungen verschickt, dann wird der Arbeitsplatz eingerichtet und erst mit dem Renteneintritt wieder verlassen.

Aber auf so ein durchgeplantes Leben, das sich gleichmäßig abspult wie eine Filmrolle, haben die wenigsten jungen Menschen Lust. Stattdessen fahren sie möglichst weit weg und züchten Rinder oder so etwas. Je anspruchsloser, desto besser.

Es gibt viele Bücher, die sich mit dem Zustand der Jugend beschäftigen. "Generation Doof" gehört dazu. Vielleicht werde ich irgendwann einmal eines mit dem Titel "Generation Langeweile" schreiben: Wir sind die Jugend, die keine Lust mehr darauf hat, möglichst schnell möglichst erfolgreich Karriere zu machen.

Früher sind die Jugendlichen auf die Straße gegangen, um irgendwie anders als ihre Eltern zu sein. Heute legen sie sich in Australien in die Sonne. Oder sie arbeiten erst einmal ein halbes Jahr in den Unternehmen ihrer Eltern, lernen eine Sprache und machen all die Dinge, für die sie sonst selten Zeit finden: auf Festivals fahren oder Radtouren organisieren. Kaum Gymnasiasten, die ich kenne, möchten direkt nach dem Abitur ein Studium beginnen.

Liebe Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten, danke, dass ihr euch deswegen solche Sorgen um uns macht. Aber wir hätten jetzt gern erst einmal ein wenig Zeit für uns. Wir werden später wohl sowieso noch länger arbeiten und leben als ihr. Es gibt da also ein paar Dinge, die uns gerade wichtiger sind, als auf Berufsorientierungsmessen zu spazieren. Baden gehen zum Beispiel.

Ich muss dann mal los.

* Name geändert

Lesen Sie hier Teil 4 des Abi-Blogs: Abi-Streich - "Seid ihr wirklich so dumm?"

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insgesamt 43 Beiträge
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1. Baden gehen
janne2109 15.06.2011
keine schlechte Idee mal eben baden zu gehen, wenn denn jemand für die nötigen Brötchen sorgt.
2. Null-Bock-Generation
dokupeter 15.06.2011
Und ich habe bis eben gedacht, die Null-Bock-Generation sei ausgestorben. Sind das hier also unsere künftigen Leistungsträger, die Deutschland als Wirtschaftsnation weiterbringen wollen und demnächst unsere Renten und die unserer Eltern bezahlen werden? So viele Wirtschaftsunternehmen suchen händeringend nach geeigneten Fachkräften, aber die nachwachsende Generation verweigert sich? Wie um Himmels Willen soll das denn mit DIESEN Jugendlichen funktionieren können? Vielleicht bin naiv, aber ich hoffe immer noch, dass die hier zitierte Jugend in der absoluten Minderheit ist.
3.
matthias_b. 15.06.2011
Zitat von janne2109keine schlechte Idee mal eben baden zu gehen, wenn denn jemand für die nötigen Brötchen sorgt.
Eben, das ist nicht "Generation Langeweile" sondern "Generation umfassende soziale Absicherung".
4. .
Kaygeebee 15.06.2011
Ich glaube das dies das grundsätzliche Problem der heutigen Generation von Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist. Flucht nach vorne, bloß nicht mit der Zukunft beschäftigen, Realität auf dem Abstellgleis parken. Das man sich sofort in ein muffiges Büro setzen muss um eine Arbeitsstelle zu haben halte ich für falsch, denn zwischen Schule und dem eigenen Leben kommt eine Ruhephase die man vielleicht nie wieder haben wird. Nur blöd das viele Ex-Schüler meinen dieses Zustand dauerhaft halten zu können. Woher kommt diese "Bock auf nix!" Mentalität? Ich denke es gibt zwei Ursachen: - den meisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen geht es viel zu gut, sprich "Hotel Mama". Geld gibt es genug, ebenso Freizeit bei relativ wenig Verantwortung. Natürlich will man dieses wunderbare Leben nicht aufgeben. Im Studium musste ich schnell selbst zugeben "Man, Schule war schon super! Um 14 Uhr zu Hause, Essen auf dem Tisch, Wäsche gewaschen und jeden Tag relaxen." Es gibt keinen wirklichen Druck das Nest zu verlassen. - Schulen bringen einem zwar viel Fachwissen bei, helfen aber nicht im geringsten bei der Planung des Lebens nach der Schule. Sie hilft einem das Leben in der Käseglocke zu perfektionieren, außerhalb davon ist sie nutzlos. In meinem Abiturjahrgang wussten satte 10 Schüler was sie nach der Schule machen wollten, der Rest hat das erst mal auf sich zukommen lassen. "Im Notfall eben studieren, ist ja so wie Schule. Was genau? Keine Ahnung, irgendwas leichtes." Entsprechend perspektivlos gehen viele Schüler von der Schule ab und wissen nicht was sie nun tun sollen. Also tun sie das was sie eben können: Feiern!
5. Blick über den Tellerrand
homeuser 15.06.2011
Zitat von dokupeterUnd ich habe bis eben gedacht, die Null-Bock-Generation sei ausgestorben. Sind das hier also unsere künftigen Leistungsträger, die Deutschland als Wirtschaftsnation weiterbringen wollen und demnächst unsere Renten und die unserer Eltern bezahlen werden? So viele Wirtschaftsunternehmen suchen händeringend nach geeigneten Fachkräften, aber die nachwachsende Generation verweigert sich? Wie um Himmels Willen soll das denn mit DIESEN Jugendlichen funktionieren können? Vielleicht bin naiv, aber ich hoffe immer noch, dass die hier zitierte Jugend in der absoluten Minderheit ist.
Im Artikel steht die Meisten möchten 1 Jahr ins Ausland gehen, Work & Travel. Das ost heute "State of the Art", wird bei Arbeitgebern sehr sehr gern gesehen und hat auch wenig mit "Null Bock" zu tun. Die Jugendlichen wagen den Blick über den Tellerrand bevor Sie ins Berufsleben gehen - und nehmen dabei noch wertvolle Berufs- und Lebenserfahrung, sowie gute Englischkenntnisse mit. Schade das SIE den Blick über den Tellerrand nicht können.
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Ricks Abi-Blog: Ein Ende als Anfang
Da muss er jetzt durch: Rick Noack, 18, macht dieses Jahr sein Abi an einem Dresdner Gymnasium. Im SchulSPIEGEL schreibt er bis zum Sommer 2011 über die schönsten und stressigsten Momente:

Teil 1: Bekenntnisse einer Mathenull

Teil 2: Zwischen Superstrebern und falschen Freunden

Teil 3: Abiturient sein heißt, vom Kindergarten zu träumen

Teil 4: "Seid ihr wirklich so dumm?"

Teil 5: Karriere? Nicht mit uns!

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