Am Ende gibt es immer Blumen, ob man will oder nicht. "Herzlichen Glückwunsch zur bestandenen Prüfung, Herr Noack", leiert die Kommission herunter. Hände werden geschüttelt, mein Politiklehrer drückt mir lächelnd ein orangefarbenes Blümchen in die Hand. Und wenig später stehe ich draußen vor dem Schuleingang. Es ist vorbei. Das war also das Abitur. Und jetzt kann ich machen, was ich will.
Ich habe in den letzten Wochen beantworten müssen, was soziale Mobilität ist, was gerechte Kriege sind, wie man den Flächeninhalt eines Gewächshauses mit dem Namen "Gärtnerglück 1" berechnet. Aber die wichtigste Frage blieb bisher unbeantwortet: Was jetzt? Was tun als frischgebackener Abiturient?
Eigentlich müssten wir Abiturienten uns langsam mal Gedanken um die Zukunft machen. Gereizte Mütter weisen inzwischen immer lauter darauf hin, dass jetzt das richtige Leben beginne und der Spaß vorbei sei. Auch Großeltern beginnen unruhig Zeitungsartikel auszuschneiden, die irgendetwas mit dem Studium zu tun haben. "Abwassertechnik, na, wäre das nicht was für dich?". Aber solche gut gemeinten Ratschläge sind vor allem nervig. Denn im Zweifelsfall machen junge Erwachsene sowieso, was sie wollen.
Sarah*, eine gute Freundin von mir, hat auf die Berufsberatung ihrer Mutter jedenfalls keine Lust mehr. "Wir sind gerade mit dem Abitur fertig", erklärt Sarah wildfremden Spaziergängern freudig bei einem Picknick und schiebt noch hinterher: "Das ist jetzt die Zeit, in der man immer betrunken ist."
Sarah fährt im Herbst mit einer Freundin erst einmal für ein Jahr nach Australien, um dort beispielsweise auf Farmen zu arbeiten. Das "Work and Travel"-Programm mag exotisch klingen, ist es aber nicht wirklich. Denn ein Fünftel meiner alten Klasse sucht inzwischen nach dem Abitur auf dem weit entfernten Kontinent die lang ersehnte Ruhe. Die Chance, dass man statt auf Australier auf alte Mitschüler trifft, ist da ziemlich hoch. "Für so ein Abenteuer wirst du später aber nie wieder Zeit haben", sagt Sarah und zupft die Picknick-Decke auf dem Boden zurecht.
Liebe Eltern: Wir wollen erstmal unsere Ruhe!
Doch viele Eltern sehen das anders. Sie verstehen unter einem erfolgreichen Leben eine zielgenaue Karriere. Nach der Schule wird sofort studiert. Und was studiert wird, ist sowieso schon lange klar. Nach dem Master werden hunderte Bewerbungen verschickt, dann wird der Arbeitsplatz eingerichtet und erst mit dem Renteneintritt wieder verlassen.
Aber auf so ein durchgeplantes Leben, das sich gleichmäßig abspult wie eine Filmrolle, haben die wenigsten jungen Menschen Lust. Stattdessen fahren sie möglichst weit weg und züchten Rinder oder so etwas. Je anspruchsloser, desto besser.
Es gibt viele Bücher, die sich mit dem Zustand der Jugend beschäftigen. "Generation Doof" gehört dazu. Vielleicht werde ich irgendwann einmal eines mit dem Titel "Generation Langeweile" schreiben: Wir sind die Jugend, die keine Lust mehr darauf hat, möglichst schnell möglichst erfolgreich Karriere zu machen.
Früher sind die Jugendlichen auf die Straße gegangen, um irgendwie anders als ihre Eltern zu sein. Heute legen sie sich in Australien in die Sonne. Oder sie arbeiten erst einmal ein halbes Jahr in den Unternehmen ihrer Eltern, lernen eine Sprache und machen all die Dinge, für die sie sonst selten Zeit finden: auf Festivals fahren oder Radtouren organisieren. Kaum Gymnasiasten, die ich kenne, möchten direkt nach dem Abitur ein Studium beginnen.
Liebe Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten, danke, dass ihr euch deswegen solche Sorgen um uns macht. Aber wir hätten jetzt gern erst einmal ein wenig Zeit für uns. Wir werden später wohl sowieso noch länger arbeiten und leben als ihr. Es gibt da also ein paar Dinge, die uns gerade wichtiger sind, als auf Berufsorientierungsmessen zu spazieren. Baden gehen zum Beispiel.
Ich muss dann mal los.
* Name geändert
Lesen Sie hier Teil 4 des Abi-Blogs: Abi-Streich - "Seid ihr wirklich so dumm?"
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