Herr P. steckt in einem Sack und findet das nicht lustig. Ob er in seiner Kindheit oft in Säcken durch die Gegend gehüpft sei, frage ich ihn als Moderator des Abi-Streichs. "Ich habe damals alles gemacht", sagt Herr P. und kneift seine Augen zusammen. Er wird gleich in seinem Plastikmüllsack über den Schulhof springen. Hunderte Schüleraugen sind schon jetzt auf ihn gerichtet. "Das ist schlimmer als Unterschichtenfernsehen auf Sat1", sagt Herr P. Dann hüpft er los - und die Schüler lachen.
Es ist der Moment, der uns Schülern gehört: Jahrelang haben wir diesem Tag entgegengefiebert, an dem wir die Schule zusperren und Lehrer über den Schulhof hüpfen lassen dürfen. Generationen von Schülern haben versucht, sich mit ihren Aktionen zu überbieten. Die Qualität eines Jahrgangs wird im Nachhinein oft an der Niveaulosigkeit ihres Abi-Streichs gemessen.
Aber ganz im Ernst: Muss das sein?
Vor drei Jahren sagte meine Klassenlehrerin noch, wir könnten sie gern zum Essen einladen am Ende unserer Schulzeit. Damals nickte ich eifrig. Abi-Streich? So richtig böse? Völlig unmöglich - dachte ich.
"Seid ihr wirklich so dumm?", fragt Herr P.
Aber irgendwie scheint da etwas verkehrt gelaufen zu sein bei mir und meinen Mitschülern. Jeder von uns weiß: Der Abi-Streich gehört einfach zum Leben eines Schülers dazu. Nun stehen wir da in der prallen Sonne, 18-jährige Jungs und Mädels mit Wasserpistolen und Badehosen.
Ich frage mich: Wie primitiv darf ein Abiturient eigentlich sein? Oder mit den Worten von Herr P. gefragt: "Seid ihr wirklich so dumm?"
Wenn sich die Intelligenz einer Generation an ihren Abi-Streichen messen lässt, dann sieht es, glaubt man Herrn P., nicht allzu gut aus für Deutschland. Er habe ja kein Problem damit, sich von Schülern demütigen zu lassen, aber wenn schon, dann bitte mit Niveau. Früher, da seien die Schüler noch kreativ gewesen, sagt er. Ein Jahrgang hat sich auf einen Wagen gestellt und Lehrer haben wie Pferde die Schüler gezogen. Herr P. lacht immer noch, wenn er daran denkt.
Er ist Kunstlehrer und hat die Ursachen für die geistige Verflachung der deutschen Abi-Streich-Tradition schnell gefunden: Das Fernsehen ist schuld. Und dieses Internet. Wenn in unserer Gesellschaft etwas schiefgeht, ist das Internet unseren Lehrern zufolge grundsätzlich schuld.
Aber ist es so einfach?
Wikipedia schreibt zum Thema "Abi-Streich": "Insgesamt werden die Abi-Streiche heute in der Regel bereits im Vorfeld mit der Schulleitung abgesprochen, das Ausmaß der Überwachung und der erforderlichen 'Absegnung' durch den Direktor unterscheidet sich aber von Schule zu Schule. In einigen Regionen wurde der Abschlussstreich verboten, um Unterrichtsausfall entgegenzuwirken."
Vielleicht sollten wir Abi-Streiche abschaffen
Der Artikel beschreibt das eigentlich Traurige an dieser Tradition: Es gibt für alles Regeln. Und an die halten wir uns tatsächlich. Platz für Kreativität bleibt da leider kaum noch, so entstehen keine Aktionen, die lebenslang in Erinnerung bleiben.
Nachdem Herr P. mit seinem Müllsack über den Schulhof gehüpft ist, sitzen als nächstes zehn Lehrer in einem Stuhlkreis auf der Bühne und warten darauf, was passiert. Aber da passiert leider nicht viel. Einmal dürfen sie Cocktails mixen, wenig später zu Rockmusik tanzen. Eierlaufen sollen sie auch noch. "Kann ich eher gehen?", fragt schon bald ein Fünftklässler seinen Lehrer.
Da gibt es nur zwei Lösungen: Entweder wir Schüler sind in der Lage, endlich wieder lustig zu sein, ohne uns für unsere mangelnden Ideen schämen zu müssen - oder wir schaffen die Abi-Streiche ab.
Lesen Sie hier Teil 3 des Abi-Blogs: Abiturient sein heißt, vom Kindergarten zu träumen
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