Die letzten Wehrpflichtigen: "Verdammt, ich muss hier raus!"

Von Jörn Petring

Helge ist junger Vater und hat Arbeit. Am Montag musste er trotzdem in eine Kaserne der Bundeswehr einrücken, genau wie gut 12.000 andere junge Männer. Helge und seine Kameraden haben das historische Pech, die letzten Wehrdienstpflichtigen zu sein. 

"Ich schlaf oben": Mit den letzten Wehrpflichtigen auf der Stube Fotos
DPA

Helges erster Befehl lautet nicht, mit seiner Zahnbürste die Urinale zu schrubben. Er lautet auch nicht, sich bei Minus zehn Grad mit nacktem Oberkörper an die Reckstange vor der Kaserne zu hängen, Klimmzüge zu machen und danach durch den Schnee zu robben.

Der erste Befehl, den Helge in seinem Soldatenleben ausführen soll, ist noch viel härter als alles, was er bisher in den Kriegsfilmen gesehen hat. "Rekrut, nehmen Sie Zettel und Stift, und schreiben Sie Ihr Leben auf!"

Helge öffnet die Tür zu seiner Stube. Auf dem Boden stehen die Reisetaschen von David und Francesco, seinen neuen Kameraden. Beide haben noch ihre Jacken an und sitzen am Tisch. Erst Lebenslauf schreiben, dann Sachen einräumen, hat der Vorgesetzte, dessen Rang Helge noch nicht so recht kennt, eben im Flur angeordnet. Abgabe in zehn Minuten.

Begrüßung durch den Kameraden: "Ich schlaf oben"

Helge mustert den Raum, der für die nächsten sechs Monate sein Zuhause sein wird. Die Türen der leergeräumten Spinde stehen offen, die Matratzen der beiden Hochbetten dahinter sind mit Wolldecken überspannt, auf denen in grauer Schrift "Bundeseigentum" steht. "Ich schlaf oben", sagt David.

Helge lässt seine Tasche von der Schulter gleiten und setzt sich zu David und Francesco, die schon an ihren Lebensläufen schreiben. Helge begreift jetzt zum ersten Mal, dass er dort angekommen ist, wo er nie sein wollte. Helge ist 21 Jahre alt und seit einer halben Stunde beim Bund. IV. Luftwaffenausbildungsregiment Strausberg, Kasernengebäude 5, 2. Stock.

Er blickt auf den leeren, linierten Zettel vor sich: "Verdammt, ich muss hier raus, irgendwie. Ich muss mir die Bescheinigung besorgen und verschwinden" - die Bescheinigung, dass er eine kleine Tochter hat.


Wehrpflicht - Erfahrungen aus sechs Jahrzehnten:

Helge ist einer der letzten Wehrpflichtigen des Landes, einer von denen, deren Bilder man diese Woche so häufig in Fernsehnachrichten und Zeitungen gesehen hat. Die meisten jungen Rekruten, die da in die Kasernen ziehen, sagen in die Mikrofone, dass ihnen der Bund gerade recht komme, weil sie bis zum Studium Zeit überbrücken oder weil sie sowieso als Soldat Karriere machen wollen.

So soll es auch sein. Die Bundeswehr hatte selbst betont, bei diesem letzten Einberufungstermin sanft vorzugehen und möglichst keine "Härtefälle" mehr zum Wehrdienst zu verdonnern. Leute also, die studieren oder einen Job haben.

Helge dürfte deshalb nicht hier sein. Er hat einen Job. Und ein Kind. Helge hat das historische Pech, einer der Letzten zu sein, deren Leben durch den Wehrdienst aus den Fugen gerät. Bei der Musterung im Kreiswehrersatzamt Schleswig sagte man Helge, dass er mit Kind auf keinen Fall gezogen werde. Trotzdem wurde er einberufen, weil er ein Formular nicht abgegeben hatte, das seine Vaterschaft bestätigt. "Wer soll da auch durchblicken", sagt Helge und beginnt, den Befehl auszuführen.

Lebenslauf, schreibt er und schaut rüber zu David und Francesco. "Meine Alte dreht völlig ab", sagt Helge.

Er schreibt:

Ich bin geboren am 31.07.1989 in Husum. Wohnen tu ich in Drelsdorf, schon von Anfang an. Mit fünf Jahren bin ich zum Kindergarten gekommen, und mit knapp sieben Jahren kam ich auf die Grund- und Hauptschule.

Wieder Schreibpause. "Heute morgen wollt ich erst zu Hause bleiben, aber die Alte hat gesagt, dass ich los muss. 'Sonst gehst du in den Knast', meinte sie."

Helge nahm seine zweijährige Tochter in den Arm, küsste sie ein letztes Mal auf die Stirn und stieg in die Regionalbahn. Siebeneinhalb Stunden dauerte die Reise von Nordfriesland. Umsteigen in Berlin-Ost, S-Bahn Richtung Strausberg, die gleiche Bahn, in der auch Martin und Philipp saßen.

Zum Bund, weil es dem Chef so gefällt

Martin ist Student, zweites Semester BWL in Siegen. Er muss sein Studium unterbrechen, weil es die Bundeswehr so will. Philipp hat seine Ausbildung als Metzger abgeschlossen und seit fünf Monaten einen Job in seinem ehemaligen Ausbildungsbetrieb. Eigentlich hätte die Firma einen Antrag auf Unabkömmlichkeit stellen können. Doch Philipps Chef war selbst beim Bund und meinte, dass ihm die Zeit ganz guttun würde.

Jetzt hofft Philipp, dass der Kasernenarzt ein zweites Mal seine krumme Wirbelsäule untersucht und ihn nach Hause schickt. Auch David, der Zimmergenosse von Helge, hat einen Job. Sein Unternehmen hat den Antrag auf Unabkömmlichkeit gestellt. Er wurde abgelehnt.

Helge schweigt jetzt und schreibt.

2005 hab ich den Hauptschulabschluss gemacht. Dann hab ich die Lehre zum Landwirt angefangen. 2007 hab ich die Lehre abgebrochen und bin ungelernt in den Straßen- und Tiefbau gegangen. 2009 bin ich Vater geworden, hab 22.03.09 eine kleine Tochter bekommen. Jetzt bin ich eingezogen worden und habe grade von Freundin zu wissen bekommen…

Die Tür fliegt auf. "Rekruten, abgeben, antreten."

Helge gibt den Zettel ab, ohne fertiggeschrieben zu haben. Gemeinsam mit seinem Zug geht er die Treppe runter und tritt zum ersten Mal in Dreierreihen an. Der Ausbilder erklärt, wie Marschieren geht. Helge fixiert den Müllcontainer vor sich. "Rührt euch", sagt der Ausbilder irgendwann.

Was Helge noch schreiben wollte, im letzten Satz seines Lebenslaufs? Habe gerade von Freundin zu wissen bekommen...?

…dass sie schwanger ist und im April das zweite Kind erwartet.

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insgesamt 224 Beiträge
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1. .
markus_wienken 06.01.2011
"Ich bin geboren am 31.07.1989 in Husum. Wohnen tu ich in Drelsdorf, schon von Anfang an. Mit fünf Jahren bin ich zum Kindergarten gekommen und mit knapp sieben Jahren kam ich auf die Grund- und Hauptschule." Mich wundert nicht dass Helge damit überfordert war die Bescheinigung, dass er eine kleine Tochter hat beizubringen...
2. .
black wolf 06.01.2011
In meiner Wehrdienstzeit wurde einem Kameraden, dessen Säugling und Ehefrau krank zu Hause lagen, der Ausgang zum Wochenende verweigert. Manchmal erreicht der Anspruch des Staates auf Eingriff in das Privatleben absurde Ausmaße.
3.
GyrosPita 06.01.2011
Warum nur hab ich das dumme Gefühl, das am besten extra nur für Helge wieder der 18-monatige (oder wie lang war der früher zur Hochzeit des kalten Krieges) Grundwehrdienst mit allem Zipp und Zapp eingeführt würde?
4. Tjaja
jeez 06.01.2011
Die Wehrpflicht war meiner Meinung nach vor allem eins. Ein guter Weg, junge Deutsche an das allgemeine Beton-Kopf-Tum in ihrem Land vorzubereiten, mit dem sie im späteren Leben umgehen müssen. So nach dem Motto "Wir wissen eigentlich auch nicht so genau warum, aber wir zwingen es trotzdem jedem erstmal auf. Basta!"
5. Das wahre Leben ist mehr Wahn statt Sinn...
Kalix 06.01.2011
Die Sauerei könnte nicht grösser sein. 3 Monate Schleiferei für Nichts und anschl. (mit grösster Wahrscheinlichkeit) 3 Monate Wache schieben. Wer dabei durchdreht, macht Bekanntschaft mit den Feldjägern.
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