Ehrgeizige Vietnamesen: Streben für die Familienehre

Schüler mit vietnamesischen Wurzeln fallen mit besonders guten Leistungen auf, etwa die 16-jährige Dresdnerin Kim Hoan Vu. Mancherorts schaffen es drei Viertel ans Gymnasium. Hinter vielen der Überflieger stehen Eltern, die den Nachwuchs antreiben - und nicht alle halten dem Druck stand.

Gymnasiastin Kim Hoan Vu, 16: Mit drei nach Deutschland, heute vielsprachige Überfliegerin Zur Großansicht
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Gymnasiastin Kim Hoan Vu, 16: Mit drei nach Deutschland, heute vielsprachige Überfliegerin

Die Schülerin Kim Hoan Vu hat selten Freizeit. Sie ist Klassenbeste, spielt Klavier und erklärt Touristen die Dresdner Alten Meister - auf Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und Vietnamesisch. Wie selbstverständlich erzählt sie von ihren Erfolgen in Fremdsprachenwettbewerben, ihrem Stipendium und ihrer Verantwortung als Klassen- und Jahrgangssprecherin. "Ich hatte das schon immer in mir", sagt die 16-Jährige. Sie ist eine der vielen vietnamesischen Musterschüler in Deutschland, die ihre deutschen Klassenkameraden oft weit überflügeln.

Kim Hoan besucht eine zehnte Klasse des Dresdner Romain-Rolland-Gymnasiums. Sie kam mit drei Jahren nach Deutschland. Ihre Eltern mussten immer viel arbeiten, da wollte sie ihnen nicht noch durch schlechte Noten Sorgen bereiten, sagt Kim Hoan.

Anfangs habe sie viel Druck gespürt. "Wenn ich mal eine Zwei in Mathe hatte, war das für meine Mutter dramatisch. Inzwischen sieht sie ein, dass eine Zwei auch gut ist." Um ihre Wurzeln nicht zu vergessen, spricht sie mit Mutter und Vater Vietnamesisch, meist auch mit der älteren Schwester.

Strenge Eltern: Fall nicht negativ auf, Kind

Als Ausländerin wolle sie die Deutschen nicht belasten, sagt Kim Hoan. "Ich möchte etwas zurückgeben, weil wir hier leben dürfen." Auch deshalb gebe sie sich solche Mühe in der Schule und helfe ihren Mitschülern bei den Aufgaben. Ihre Eltern hätten ihr schon früh eingetrichtert, nie negativ aufzufallen.

Gefragt, welche Schulformen vietnamesische Bekannte besuchen, fällt ihr nur ein Junge ein, der nicht aufs Gymnasium geht. Sie pauke nicht unbedingt mehr als ihre Mitschüler, nur anders. "Verglichen mit meinen besten Freundinnen bin ich eher faul", sagt die Überfliegerin über sich selbst.

Bundesweit besuchen etwa 59 Prozent der vietnamesischen Schüler ein Gymnasium, bei den Deutschen sind es nur 43 Prozent. Den Mittelwert errechnete der Erziehungswissenschaftler Olaf Beuchling aus Daten des Statistischen Bundesamtes. Er beschäftigt sich an der Uni Leipzig mit vergleichender Bildungsforschung und geht seit Jahren dem Schulerfolg von Vietnamesen nach.

In Sachsen, wo Vietnamesen die größte Zuwanderungsgruppe stellen, ist der Abstand zu den Deutschen noch größer. Hier gehen sogar knapp drei Viertel der vietnamesischen Schüler aufs Gymnasium, während nur vier von zehn Deutschen ein Abitur anstreben. Vor zwei Jahren hatte eine Studie für das Land Brandenburg eine ähnlich hohe Gymnasialquote der vietnamesischstämmigen Schüler von 74 Prozent ergeben. Hinzu kommt, dass viele Vietnamesen inzwischen eingebürgert sind und damit in der Statistik als Deutsche zählen.

"Bildung hat in Vietnam einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland", sagt Beuchling. "Wer gebildet ist, hat etwas erreicht, er steigert das Prestige seiner Familie." Aus Interviews mit vietnamesischen Schülern wisse er, dass viele von ihnen Probleme mit dem großen Druck hätten. Nicht wenige gingen deshalb zum Psychologen.

"Du musst besser sein als alle anderen"

Jüngst hatte eine Studie außerdem gezeigt, dass Kinder aus Einwandererfamilien mehr Lust am Lernen zeigen als ihre deutschstämmigen Altersgenossen. Ergebnis war aber auch, dass elterlicher Druck die Lernlust hemmen kann - selbst wenn er den Noten meist nicht schadet.

Auch Familienvater Minh Tuan Hoang trieb seinen Sohn früher zum Lernen an. "Du musst dir Mühe geben in der Schule und besser sein als alle anderen", habe er ihm gesagt. Inzwischen geht sein Sohn in die siebte Klasse eines Dresdner Gymnasiums und lernt von selbst. Er sei einer der Klassenbesten. "Im letzten Schuljahr hatte er einen Notendurchschnitt von 1,3", sagt der stolze Vater.

Seine Landsleute würden zwar heute in Sachsen seltener diskriminiert als in den Jahren nach der Wiedervereinigung, sagt Hoang, der Vorstandsmitglied beim Verein der Vietnamesen in Dresden ist. Viele Arbeitgeber hätten bei einem vietnamesischem Namen auf der Bewerbungsmappe aber noch immer Vorbehalte. "Wenn unsere Kinder nicht besser sind als die anderen, werden sie Nachteile haben" - ein Problem, dass viele Jobbewerber mit ausländisch klingenden Namen nur zu gut kennen.

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Auf das Dresdner Bertolt-Brecht-Gymnasium gehen besonders viele Vietnamesen. Etwa 70 seiner 800 Schüler hätten vietnamesische Wurzeln, sagt Schulleiter Marcello Meschke. Er attestiert ihnen eine "gute Arbeitshaltung": "Sie sind sehr an ihrem persönlichen Fortkommen interessiert." Wer es von ihnen bis zum Abschluss schaffe, der mache dann auch ein vernünftiges Abitur. "Da kenne ich niemanden, der einfach so durchrutscht."

Christine Cornelius, dpa/ cht

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1. Schöne Geschichte
Shiraz 06.12.2010
Zitat von sysopSchüler mit vietnamesischen Wurzeln fallen mit besonders guten Leistungen auf, etwa die 16-jährige Dresdnerin Kim Hoan Vu. Mancherorts schaffen es drei Viertel ans Gymnasium. Hinter vielen der Überflieger stehen Eltern, die den Nachwuchs antreiben - und nicht alle halten*dem Druck stand. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,733046,00.html
Wenn man so etwas liest, schämt man sich fast für die (ur)deutschen Wohlstandskids, die Lernen und Schule immer nur als Belästigung empfinden. Man kann nur hoffen, dass sich diese Zuwanderer nicht innerhalb einer Generation vollständig assimilieren.
2. .
karsten112 06.12.2010
Zitat von sysopSchüler mit vietnamesischen Wurzeln fallen mit besonders guten Leistungen auf, etwa die 16-jährige Dresdnerin Kim Hoan Vu. Mancherorts schaffen es drei Viertel ans Gymnasium. Hinter vielen der Überflieger stehen Eltern, die den Nachwuchs antreiben - und nicht alle halten*dem Druck stand. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,733046,00.html
Kann SPON den Artikel nicht mal ausnahmsweise ins türkische übersetzen? Dann könnte man ihn per Copy and Paste als Lesebrief hier posten--> http://www.hurriyet.com.tr/anasayfa/
3. Deutschland und Europa
JohnD 06.12.2010
Deutschland muss Werte und eine Idee vertreten. Diese Werte sind bereits vorhanden bzw. NOCH vorhanden. Vietnamesen sind das beste Beispiel dafür, dass die Kultur des Herkunftslandes den Integrationserfolg maßgeblich bestimmt. Denn ebenso sind Vietnamesische Einwanderer sehr arm gewesen und stammen ebenfalls aus einer eher bildungsfernen Schicht. Dennoch scheint es einfach zur Tradition zu gehören, Bildung als erstrebenswertes Gut zu sehen, das auch gesellschaftlichen Erfolg garantiert. Die Deutschen Schüler haben durch jahrzehntelange Indoktrinierung mit Deutschen Schuldbekenntnissen den Glauben an ihre eigenen Möglichkeiten verloren. Dass dieser Geist, etwas zu schaffen, zu erfinden, zu entdecken, zu durchdringen, noch nicht ausgerottet wurde, liegt an der Wichtigkeit Deutschlands für den Aufbau Europas. Doch nun hat Deutschland seine Pflicht bald erfüllt, Europa ist (unter der kaum verhohlenen Transatlantischen Führung über NATO etc.) durch unüberschaubare Knebelverträge zusammengeschweißt und bereit für seine Rolle als Konsumentenparadies - der Staat zahlt Transferleistungen an nur noch das Notwendigste konsumierende Bevölkerungsgruppen. Für ein Wirtschaftswachstum im heutigen Kapitalismus ist es nun also notwendig, Gesundheit, Energie und Immobilienmarkt zu stärken - der Staat soll den Firmen Miete, Krankenversicherungen und Strom bezahlen. Wären diese Bereiche staatlich organisiert, wäre eine Politik möglich, die den Menschen eine Grundversorgung garantieren könnte, ohne aber Rendite erwirtschaften zu müssen. Auch staatliche Betriebe können effizient arbeiten - man muss sie nur so gestalten, wie effiziente Privatunternehmen. In diesem Fall aber wäre das gut für die Gesellschaft - es darf nicht zu viel kosten. Leider aber fand eine Privatisierung statt - und nun fließen alle Transferleistungen letztlich in private Taschen. Es sind auch die Privatbanken, die die Macht über die Währungen anstreben. Die FED spielt dabei eine zentrale Rolle, da sie eine private Staatsbank ist. Die mächtigeren Strategen müssen nun weiter die Löhne drücken (durch Einwanderung billiger Arbeitskräfte), sowie durch die Erweiterung der Sozialsysteme (Einwanderung direkt nach HartzIV). Ist erst einmal alles umgebaut, erwirtschaften wenige sehr gut bezahlte Arbeitskräfte sämtliche Transferleisungen für eine Masse an Konsumenten des täglich Notwendigen.
4. Ist das in Deutschland wirklich anders?
ellereller 06.12.2010
Zitat von karsten112Bildung hat in Vietnam einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland. Wer gebildet ist, hat etwas erreicht, er steigert das Prestige seiner Familie.
Ist das in Deutschland wirklich anders? Ich hätte sowohl aus meinen Erfahrungen als Schüler in der süddeutschen Provinz als auch 30 Jahre später als Vater in der norddeutschen Großstadt gesagt, dass das bei Deutschen OHNE Migrationshintergrund auch so funktioniert. Wenn Herr Beuchling oder jemand anderes hiervon abweichende auf Empirie begründete Erkenntnisse hat, wäre ich für einen Hinweis dankbar.
5. Integration ist möglich
feuerland67 06.12.2010
Na biite es geht doch ohne zusätzlich Geldmittel vom Staat, sicherlich auch vitnamesische Einwanderer kämpfen sicherlich mit kulturellen Problemen, aber Sie besitzen die Erkenntnis - nur Bildung kann der erste erfolgreiche Schritt zur Integration sein. Unsere muslimischen Brüder und Schwestern werden dies nie verstehen - kulturell und genetisch fehlt da einfach was.
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