Die Schülerin Kim Hoan Vu hat selten Freizeit. Sie ist Klassenbeste, spielt Klavier und erklärt Touristen die Dresdner Alten Meister - auf Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und Vietnamesisch. Wie selbstverständlich erzählt sie von ihren Erfolgen in Fremdsprachenwettbewerben, ihrem Stipendium und ihrer Verantwortung als Klassen- und Jahrgangssprecherin. "Ich hatte das schon immer in mir", sagt die 16-Jährige. Sie ist eine der vielen vietnamesischen Musterschüler in Deutschland, die ihre deutschen Klassenkameraden oft weit überflügeln.
Kim Hoan besucht eine zehnte Klasse des Dresdner Romain-Rolland-Gymnasiums. Sie kam mit drei Jahren nach Deutschland. Ihre Eltern mussten immer viel arbeiten, da wollte sie ihnen nicht noch durch schlechte Noten Sorgen bereiten, sagt Kim Hoan.
Anfangs habe sie viel Druck gespürt. "Wenn ich mal eine Zwei in Mathe hatte, war das für meine Mutter dramatisch. Inzwischen sieht sie ein, dass eine Zwei auch gut ist." Um ihre Wurzeln nicht zu vergessen, spricht sie mit Mutter und Vater Vietnamesisch, meist auch mit der älteren Schwester.
Strenge Eltern: Fall nicht negativ auf, Kind
Als Ausländerin wolle sie die Deutschen nicht belasten, sagt Kim Hoan. "Ich möchte etwas zurückgeben, weil wir hier leben dürfen." Auch deshalb gebe sie sich solche Mühe in der Schule und helfe ihren Mitschülern bei den Aufgaben. Ihre Eltern hätten ihr schon früh eingetrichtert, nie negativ aufzufallen.
Gefragt, welche Schulformen vietnamesische Bekannte besuchen, fällt ihr nur ein Junge ein, der nicht aufs Gymnasium geht. Sie pauke nicht unbedingt mehr als ihre Mitschüler, nur anders. "Verglichen mit meinen besten Freundinnen bin ich eher faul", sagt die Überfliegerin über sich selbst.
Bundesweit besuchen etwa 59 Prozent der vietnamesischen Schüler ein Gymnasium, bei den Deutschen sind es nur 43 Prozent. Den Mittelwert errechnete der Erziehungswissenschaftler Olaf Beuchling aus Daten des Statistischen Bundesamtes. Er beschäftigt sich an der Uni Leipzig mit vergleichender Bildungsforschung und geht seit Jahren dem Schulerfolg von Vietnamesen nach.
In Sachsen, wo Vietnamesen die größte Zuwanderungsgruppe stellen, ist der Abstand zu den Deutschen noch größer. Hier gehen sogar knapp drei Viertel der vietnamesischen Schüler aufs Gymnasium, während nur vier von zehn Deutschen ein Abitur anstreben. Vor zwei Jahren hatte eine Studie für das Land Brandenburg eine ähnlich hohe Gymnasialquote der vietnamesischstämmigen Schüler von 74 Prozent ergeben. Hinzu kommt, dass viele Vietnamesen inzwischen eingebürgert sind und damit in der Statistik als Deutsche zählen.
"Bildung hat in Vietnam einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland", sagt Beuchling. "Wer gebildet ist, hat etwas erreicht, er steigert das Prestige seiner Familie." Aus Interviews mit vietnamesischen Schülern wisse er, dass viele von ihnen Probleme mit dem großen Druck hätten. Nicht wenige gingen deshalb zum Psychologen.
"Du musst besser sein als alle anderen"
Jüngst hatte eine Studie außerdem gezeigt, dass Kinder aus Einwandererfamilien mehr Lust am Lernen zeigen als ihre deutschstämmigen Altersgenossen. Ergebnis war aber auch, dass elterlicher Druck die Lernlust hemmen kann - selbst wenn er den Noten meist nicht schadet.
Auch Familienvater Minh Tuan Hoang trieb seinen Sohn früher zum Lernen an. "Du musst dir Mühe geben in der Schule und besser sein als alle anderen", habe er ihm gesagt. Inzwischen geht sein Sohn in die siebte Klasse eines Dresdner Gymnasiums und lernt von selbst. Er sei einer der Klassenbesten. "Im letzten Schuljahr hatte er einen Notendurchschnitt von 1,3", sagt der stolze Vater.
Seine Landsleute würden zwar heute in Sachsen seltener diskriminiert als in den Jahren nach der Wiedervereinigung, sagt Hoang, der Vorstandsmitglied beim Verein der Vietnamesen in Dresden ist. Viele Arbeitgeber hätten bei einem vietnamesischem Namen auf der Bewerbungsmappe aber noch immer Vorbehalte. "Wenn unsere Kinder nicht besser sind als die anderen, werden sie Nachteile haben" - ein Problem, dass viele Jobbewerber mit ausländisch klingenden Namen nur zu gut kennen.
Christine Cornelius, dpa/ cht
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