Erwachsenwerden: Mama, ich bin dann mal anders

Von Kira-Katharina Brück und Raphael Geiger

Kira wollte nie den Männern den Kopf verdrehen wie ihre Mutter. Und Raphael weigerte sich, seinen Vater als Vorbild zu akzeptieren. Beide verstehen sich gut mit ihren Eltern, sind aber ganz anders als sie. Wie zwei Jugendliche merkten, dass sie sich abnabeln mussten.

"Manchmal kann man einen Lebensabschnitt in wenigen Programmpunkten abhandeln, die man erreichen muss, um in den nächsten Level zu kommen. So auch die Jugend – sie hat diese obligatorischen Wegmarken, die in keiner deutschen Jugend fehlen dürfen. Fast jeder kann von ihnen erzählen, fast alle haben wir sie erlebt: erster Vollrausch, die Zeltlager, bei denen Romantik nicht nur etwas mit Lagerfeuer zu tun hatte. Oder den Tanzkurs.

Jugendliche am Lagerfeuer: Zündeln und Holzhacken waren nie Raphaels Ding
DPA

Jugendliche am Lagerfeuer: Zündeln und Holzhacken waren nie Raphaels Ding

Der war in der neunten Klasse, ich war 15. Eine intensive Zeit in puncto erste Liebe: Es beginnt schon mit der Partnerwahl – die einen haben sich sofort gefunden, die anderen (dazu zählte ich) sprachen schüchtern mehrere Mädchen an, bevor sie eine Partnerin für die kommenden Wochen gefunden hatten. Die waren dann ein öffentliches Schaulaufen, und Mädchen wie Jungen machten eine Wissenschaft daraus, aus dem Tanzvermögen Schlüsse zu ziehen, wie er oder sie wohl im Bett war. Der Tanzkurs endete für mich im Desaster: Meine erste Partnerin sprang mir ab. Ich versuchte es bei einer anderen, verliebte mich in sie – dann kam die Abfuhr, für Tanzkurs wie Beziehung. Übrig blieb ein Mädchen, das weder besonders hübsch noch nett war, ein schwerer Schlag für mein Selbstbewusstsein.

Papa taugte nicht als Vorbild

Auf der Suche nach Vorbildern wurde ich eher bei älteren Bekannten als in der Familie fündig. Weder mein Vater noch meine beiden älteren Brüder überzeugten mich in ihrer Art, Mann zu sein. Ich war anders als sie: Hatte lange Haare und brauchte morgens im Bad länger, denn meine Frisur war mir heilig. Zu "männlichen Arbeiten" wie Holzhacken oder Feuer machen hatte ich weder Lust, noch war ich dazu sonderlich gut zu gebrauchen.

Ich spürte, dass ich von Vater wie Brüdern nicht ganz für voll genommen wurde, und das ließ mich auf Distanz zu ihnen gehen. Nie habe ich mit ihnen über Sexualität gesprochen. Zoff gab es dagegen ständig, denn ich baute mit der Zeit bewusst einen Gegensatz zu ihnen auf und fand Lust daran, sie zu provozieren. Mit ernsten pubertären Problemen kam ich immer eher zu meiner Mutter.

Es ist ja nicht so, dass sich nur Mädchen gegenseitig vergleichen, auch unter 15-jährigen Jungs findet ein harter Wettkampf statt. Frisur, Aussehen, Körperbau, Kleidung und natürlich Sex – das sind die Währungen auf der Schulhof-Börse der halbstarken Jungs. Auch ich stellte mich diesem Wettkampf, war aber eher selten erfolgreich und so nicht selten gekränkt, hatte oft Liebeskummer.

Von vorlauten Jungs ausgebootet

Ich mochte viele Mädchen, doch bei den meisten blieb es von beiden Seiten bei Sympathie. Alle Jungen, die die für mich damals ominöse Hürde von den Annährungsversuchen zur festen Beziehung mühelos zu überspringen schienen, bewunderte ich einerseits. Doch auch sie taugten nicht als Vorbild. Ich fand sie zu oberflächlich und hasste Mädchen dafür, wenn sie sich von nicht besonders intelligenten, dafür aber sportlichen und vorlauten Jungen verführen ließen.

Auch mit meinen Brüdern verstehe ich mich bis heute nicht so recht. Das Verhältnis zum Vater besserte sich ab dem Zeitpunkt, an dem ich aufhörte, an "Vorbilder", ob in der Familie oder im Freundeskreis, zu glauben. Vielleicht ist das Abnabeln von ihnen das Wichtigste beim Erwachsenwerden. Wenn die Pubertät bei mir die Zeit des Suchens war, habe ich mein Ich jetzt gefunden. Ganz allein, ohne das Nachahmen älterer Bekannter oder meines Vaters."

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