Polizei und Facebook-Partys: Angst vor dem Klick

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Wild, unkontrolliert, ein bisschen anarchisch: Facebook-Partys sind für viele Jugendliche reizvoll, doch Ordnungshüter sehen sie als potentielle Gefahr. Wer auf "Teilnehmen" klickt, muss mit einem präventiven Hausbesuch rechnen.

Facebook-Partys: Gefällt mir nicht mehr Fotos
dapd

Als er nach Hause kam, brüllte seine Mutter: "Was hast du wieder angestellt?" Völlig aufgelöst sei sie gewesen, erinnert sich Ferdi. Nichts, sagte er, und dachte nicht an diesen Klick bei Facebook.

Jemand hatte ihn zur "Plattenwald Project X Party" eingeladen, Ferdi drückte auf "Teilnehmen", mehr als 3000 andere Facebook-User taten das Gleiche. Mehr als 130 Jugendliche bekamen deswegen Besuch von der Polizei.

"Für meine Mutter ist das Internet nur ein Kasten, in dem Filme laufen", sagt Ferdi. Ein Klick soll Schuld sein, dass Polizisten kommen? "Selbst ich habe das nicht verstanden."

Seine Mutter drängte ihn, die Polizei anzurufen, darum hatten die Beamten sie gebeten. Er wollte nicht, tat es nur, um seine Mutter zu beruhigen. Kurz darauf stand die Polizei im Flur und erklärte, dass ihm ein paar hundert Euro Bußgeld drohen, wenn er trotz Verbot zur Party komme. Außerdem solle er bitte auf Facebook posten, dass andere auch nicht gehen sollten. "Waren bei euch auch die Männer in blau?", schrieb er später auf der Seite "Plattenwald Project X Party".

Der 20-jährige Ferdi macht eine Ausbildung und wohnt bei seiner Mutter in einem baden-württembergischen Städtchen in der Nähe von Backnang. In Backnang leben 35.000 Menschen, der Bürgermeister residiert in einem Fachwerkhaus, und wer feiern will, geht in den Club im Ort - oder zu einer der größten Facebook-Partys in Deutschland.

Kampf der Jugendkultur

Ende Juni hatten Unbekannte dazu eingeladen: 20.000 Menschen sagten zu, über tausend kamen. Die Bilanz der Polizei: Drei Verletzte, 23 Straftaten, darunter Abbrennen von Pyrotechnik, ein Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz, aber auch Körperverletzung durch einen Flaschenwurf. Die Einsatzkosten: über 140.000 Euro. Bei der nächsten Party wolle sie härter durchgreifen, kündigte ein Sprecher an. Das bekamen Ferdi und die 130 anderen zu spüren, bevor sie überhaupt das Haus verlassen hatten.

Nicht nur in Baden-Württemberg bekämpfen Polizei und Kommunen Facebook-Partys, auch in anderen Bundesländern und unter anderem in Österreich, den USA und Australien. Polizei und kommunale Vertreter sind sich in ihrem Urteil einig: "unkontrollierter Zulauf von gewaltbereiten Partygästen", "unreflektiertes Massenverhalten", "Exzesse", "nicht mehr tolerierbare Jugendkultur" - Partys eben. Inzwischen greift die Polizei so hart durch, dass sie mancherorts mehr schadet als schützt. Sie droht mit Geldstrafen, sie fesselt manchen Partygänger mit Kabelbinder, sie schüchtert ein.

Genau das macht Strafverteidiger Udo Vetter Sorgen. Er ist Experte für Internetthemen und betreibt das law blog, in dem er sich auch kritisch mit Polizeieinsätzen befasst. Er findet fragwürdig, was die Polizei mit den Jugendlichen macht. Die Beamten suchten sie zu Hause, in der Schule oder am Arbeitsplatz auf. Ein junger Mann, ein Lehrling, schreibt auf Facebook, er habe danach "tierisch Stress" mit seinem Meister bekommen. Kollegen und Mitschüler tuschelten. Und das nur, weil sie vielleicht feiern wollten.

Ein Sprecher der für Backnang zuständigen Polizeidienststelle in Waiblingen sagt: "Eine Facebook-Party in dieser Größenordnung ist absolut nicht machbar." Warum nicht? Keine Infrastruktur, erhebliche Nachwirkungen, ein unhaltbarer Zustand. "Allein das Urinieren und so weiter."

Auch die Eltern sollten von so einer Party erfahren - schließlich könnten später Forderungen auf sie zukommen. Der Arbeitgeber muss das auch wissen? "Wenn wir die jungen Leute tagsüber nicht anders antreffen."

"I love Thessa"

Wie so eine Party im Extremfall eskalieren kann, zeigt der Film "Project X", der derzeit auch in deutschen Kinos läuft. Die amerikanische Teenie-Komödie soll von einer Party eines 16-jährigen Australiers inspiriert sein. Der schrieb vor vier Jahren auf MySpace: "Sturmfreie Bude, weitersagen, bringt was zum Trinken mit, das wollt ihr nicht verpassen." 500 Leute kamen, 12.000 Euro Schaden. Die Presse taufte den Jungen "Party-Pest", er zog ins australische "Big Brother"-Haus und nahm sich einen Manager.

Ferdi hat "Project X" auch gesehen: "Der ist wie ein eineinhalbstündiger YouTube-Film", sagt er. Der Film ginge bei vielen Teenagern voll ab. Kein Wunder also, dass derzeit viele Facebook-Partys "Project X" im Titel tragen. Ein paar Klicks, fertig ist die Veranstaltung, manche laden einzelne ein, manche alle Facebook-Freunde, manche alle Mitglieder - theoretisch mehrere hundert Millionen Menschen.

So passierte das versehentlich der Hamburger Schülerin Thessa im vergangenen Sommer. Zehntausende sagten zu, über tausend kamen zu ihr nach Hause - obwohl sie die Party längst abgesagt hatte. Einige hatten sich "I love Thessa" auf den Arm geschrieben, schleppten Bier und grölten "Wir wollen Thessa sehen". Thessa flüchtete zu ihrer Oma.

283 Beamte und 150 Jugendliche

"Thessa war ein Meilenstein", sagt Matthias, 20. Er lebt 800 Kilometer von ihr entfernt in Süddeutschland. Er hatte Ende Juni eine Einladung zu einer Party ins Strandbad Konstanz bei Facebook geteilt und auch auf anderen Portalen darauf hingewiesen. Warum? "Es ist eine richtig geile Sache, wenn 800 Leute sich irgendwo treffen und Party machen", sagt er.

Zwei Facebook-Partys hat er selbst erlebt, sagt er, nur die in Konstanz nicht. An dem Abend saß er mit einem Kumpel zu Hause und schrieb SMS an Freunde: "Und, wie ist die Party?" Er traute sich nicht ins Strandbad, schließlich hatte die Polizei eine Woche vor der Party bei ihm an der Tür geklingelt.

Im Strandbad standen an dem Abend 283 Beamte etwa 150 Jugendlichen gegenüber, ein Hubschrauber kreiste. Völlig übertrieben, findet Matthias. Bei einer Facebook-Party solle niemand zu Schaden kommen, alle wollten friedlich feiern. Allerdings räumt er ein: Es sei faszinierend und ein Gefühl von Macht, mit einem Klick einen Großeinsatz auszulösen.

Noch mal will er das aber nicht erleben. Für die Party hatte er auf Facebook mit seinem echten Namen geworben. "Ich dachte nicht, dass ich als Promoter was aufs Dach bekomme." Er sei nicht der Veranstalter der Party, betont er, er habe sie nur bekanntgemacht. Mag sein, sagt ein Sprecher der Konstanzer Polizei. Fest steht auch: Einen anderen Verdächtigen haben sie bislang nicht.

Früher hieß es Flowerpower-Party

Deswegen werden ihm Stadt und Polizei womöglich die Kosten in Rechnung stellen, bislang in unbestimmter Höhe. Zunächst kam ein Behördensprecher auf 200.000 Euro - ein Betrag, den jetzt keiner mehr bestätigen will. Weder die Polizei, noch das baden-württembergische Innenministerium werden konkret, die Polizei schätzt ihre Kosten auf 100.000 Euro, die Stadt ihre auf ein paar tausend. Reinhold Gall (SPD), der Innenminister Baden-Württembergs, sagt dazu der "Südwest Presse": "Den Wink mit der fetten Rechnung verstehen auch diejenigen, die glauben, das sei alles nur ein großer Spaß." Klingt alles nach doppelter Abschreckung: erst ein Hausbesuch, dann eine astronomische Summe.

Matthias macht eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker, bekommt er die Rechnung wirklich, muss er wohl Privatinsolvenz anmelden. Er könnte auch klagen. Zwar gilt in Deutschland Störerhaftung, wer absichtlich eine Gefahr verursacht, muss haften. Aber auch wenn derzeit vielerorts die Kosten in Rechnung gestellt werden sollen, wurde bisher juristisch nicht geklärt, ob sie auch bei Facebook-Partys greift. Ob der Veranstalter also tatsächlich für den Polizeieinsatz zahlen muss.

Rechtsanwalt Vetter hofft, dass ein Jugendlicher wegen der Hausbesuche klagt. Die Polizei müsse ja Gefahren abwehren. Aber sind feiernde Teenager eine Gefahr? Ist es verhältnismäßig, dass die Polizei Durchsuchungen androht? Warum besucht sie Einzelne in der Schule? Vetter vermutet, die Polizei wolle so Angst verbreiten. Das Prinzip sei ja nicht neu: "Bestrafe einen und erziehe 100."

Bei einer zweiten Party in Backnang kamen mehrere hundert Beamte von der Landes- und Bundespolizei und eine Handvoll Gäste. Die Abschreckung hatte offenbar gewirkt. "Solche Beispiele zeigen, wo die Reise hingehen kann", sagt Vetter. Was, fragt er, spreche eigentlich gegen etwas mehr Gelassenheit? Wie viel kostet es die Stadt, ein paar Flaschen von jungen Leuten wegzuräumen? Wie viel kostet den Steuerzahler ein Fußballwochenende, an dem Tausende Fans Städte lahmlegen?

Natürlich sollen die Jugendlichen bei einer Party nicht randalieren, sie sollen keine Gärten zertrampeln, keine Geschäfte auseinandernehmen - aber die große Mehrheit will das gar nicht. Früher, sagt Ferdi, hätten die Leute doch auch gefeiert. "Damals waren es Flowerpower-, jetzt sind es eben Facebook-Partys."

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insgesamt 138 Beiträge
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1. Wer klickt kriegt Besuch von der Polizei?
paulesfreunde 16.08.2012
Geht's noch ein bisschen dramatischer?
2. Bananenrepublik
tokker 16.08.2012
Wieso muss man in einem Restsstaaat ein Bussgeld bezahlen, wenn man den "teilnehmen" Button klickt? Mit Unrecht und Willkür lässt sich das Problem der Facebook Parties auch nicht lösen! Jemanden aufgrund eines KLICKS als unkontrolliert und gewaltbereit abzustempeln, halte ich für eine Frechheit!
3. So eine Party ist toll
Epaminaidos 16.08.2012
Zitat von sysopWild, unkontrolliert, ein bisschen anarchisch: Facebook-Partys sind für viele Jugendliche reizvoll, doch Ordnungshüter sehen sie als potentielle Gefahr. Wer auf "Teilnehmen" klickt, muss mit einem präventiven Hausbesuch rechnen. Facebook-Partys: Polizei geht gegen Veranstalter und Teilnehmer vor - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,849393,00.html)
So eine Party ist sicher für die meisten Beteiligten eine tolle Sache. Das Problem ist nur, dass meist das totale Chaos zurück gelassen wird. Um das Aufräumen kümmert sich halt keiner. Und aus dem Grund dürfen solche Partys ohne professionellen Veranstalter zurecht nicht stattfinden. Aktuell reagiert die Polizei da ein bisschen über, weil das Thema neu ist und gerade sehr stark gepusht wird. Spätestens die Richter werden vernünftige Grenzen ziehen. Irgendwann beruhigt sich das alles wieder und auch die Jugendlichen wissen dann, was sich gehört und was nicht.
4. Fussball
lilalaunebaer90 16.08.2012
Warum werden diese Beträge dann nicht auch Fussballfans in Rechnung gestellt? Finde es nicht Fair, nur weil sich Jugendliche nicht so zur Wehr setzen können wie Erwachsene? Was kosten denn bitte die Polizeieinsätze bei einem Zweit- oder Drittligaspiel? Da kommt die Polizei ja auch mit Hundertschaften etc. wegen den Holigans. Sollen doch die Fans für die Einsätze zahlen, sehe dass als Steuerzahler schon lange nicht mehr ein. Das kostet jährlich Millionen. Warum soll ich bitte auch dafür gerade stehen? Ist doch Privatvergnügen ein Fussballspiel zu schauen, sollen dass doch die Vereine oder Fans selber tragen. Bei einer WM oder EM sehe ich es ja noch ein, da es sich um ein Landesweites Sportereignis handelt (wie Olympia auch). Bundes- oder Regionalligaspiele fallen da nicht drunter, sollen also auch die Verursacher dafür zahlen....
5. 1984 reloaded
MarkInTosh 16.08.2012
Ich bin kein Facebook-Freund, aber das, was sich die Polizei da erlaubt ist nahe am totalen Überwachungs- und Repressions-Staat. Unlänst erst in Freiburg wurde ein ganzer See samt umliegenden Park aus Angst vor einer Facebook-Party komplett von der Polizei abgeriegelt. Unzählige Manschaftswagen standen en paar wenigen vermeintlichen "Partygängern" gegenüber. Ein riesiges Areal, das von den Freiburgern auch sonst gerne für Freizeitaktivitäten, Grillen und spontane Partys genutzt wird, wurde mal eben "bürgerfrei" gemacht. Wieso genügt es nicht, Präsenz zu zeigen? Hat man tatsächlich so viel Angst vor der feiernden Jugend? Wieso sind Verbote, Repressionen und die Präsentation staatlicher Macht in den Augen der Behörden so viel besser (oder einfacher), als der Dialog?
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