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20. März 2012, 06:35 Uhr

Ausbildung zur Lkw-Fahrerin

Anna auf Achse

Von , Bremen

Anna Maihoff rangiert 40-Tonner, bewegt mit ihrem Lkw Güter über die Autobahnen der Republik. Die 20-Jährige macht eine Ausbildung zur Berufskraftfahrerin - und ist damit eine Exotin im Business der harten Kerle.

Früher wollte Anna Maihoff, 20, Pferdewirtin werden. "Aber wenn ein Pferd krank ist, musst du auch um 2 Uhr nachts aufstehen", sagt sie. "Das passiert dir bei Lkw nicht."

Heute ist Anna um kurz vor 5 Uhr aufgestanden. Eine Stunde später steuert sie ihren 40-Tonner zur Spedition Hellmann in Bremen. Anna fährt Lkw, beruflich. Sie ist jünger als die meisten Kollegen. Und sie ist eine Frau. Sie hätte sich kaum einen Job aussuchen können, in dem sie mehr Feinde hat. Sie störe das nicht, sagt Anna. "Dann sollen Autofahrer doch mal einen 40-Tonner fahren und es besser machen."

Wenn Anna neben ihrem Truck steht, reicht sie bis zum Türschloss. Sie hat braune Augen, ihre dunklen Haare zum Pferdeschwanz gebunden, am Wochenende macht sie sich gern mal hübsch, trägt Bluse oder Kleid. Bei der Arbeit zieht sie Schuhe mit Stahlkappen an, ihre T-Shirts haben keinen tiefen Ausschnitt, und im Sommer endet die kurze Hose auf Kniehöhe. "Sonst gucken die Männer", sagt sie. "Das brauche ich nicht."

Bei der Auftragsvergabe bevorzugt

Anna geht die Treppe hoch ins Haus, um sich ihren Auftrag abzuholen. Am Tresen warten schon drei Fahrer.

"Moin", sagt Anna.

"Na, Azubine, alles im Griff?", fragt einer.

"Ihr müsst jetzt warten. Ladies first", sagt der Mann hinterm Tresen und reicht Anna einen Zettel. Sie soll einen leeren Container, eine sogenannte Wechselbrücke, zum Kunden bringen.

"Wird sie auch noch verwöhnt, die Azubine", frotzelt der Fahrer. "Aber gleich beim Brücken nicht wieder im Weg rumstehen."

Brücken sagen die Fahrer, wenn sie ihren Lkw zum Beladen unter einen Container rangieren. Bei Anna dauert das länger, schließlich ist sie im dritten Lehrjahr. Ein gutes Dutzend 40-Tonner rangieren jetzt auf dem Parkplatz, das Gewusel erinnert an eine vierspurige Kreuzung, bei der die Ampel ausgefallen ist. "Das stresst", sagt Anna. Eine Vorfahrtregel gebe es nicht, einfach fahren. Wenn es nicht schnell genug geht, schimpfen manche Fahrer. "Aber das muss man abkönnen, wenn sie einen anblöken."

Als Anna noch die Grundschule besuchte, arbeitete ihre Mutter bei einem Autokonzern an der Pforte. Manchmal nahm sie ihre Tochter mit und Anna staunte über die großen Autotransporter. Irgendwann durfte sie mitfahren, der Fahrer öffnete im Führerhaus die Dachluke, um ihr die vielen Wagen zu zeigen. Aber die interessieren Anna bis heute nicht.

Anna sagt, ihr gefalle es, über den Autos zu schweben und vor ihnen zu wissen, warum der Verkehr sich staut. Sie möge die Ruhe in der Fahrerkabine - und den Kontakt mit vielen Kunden. "Und wenn ich reden will, habe ich mein Handy", sagt sie. Das will sie oft und hat deswegen eine Flatrate.

Mit 20 Männern in einer Klasse

Nach ihrem erweiterten Hauptschulabschluss, also Hauptschule plus noch ein Schuljahr, schrieb Anna drei Bewerbungen an Speditionen. In einem Gespräch wurde sie gefragt, ob sie das wirklich will, als Frau unter all den Männern. Ihr jetziger Chef bei der "Dudek & Kling GmbH" fragte nicht danach. Drei Wochen im Monat fährt sie, eine Woche sitzt sie in der Berufsschulklasse mit 20 Männern. 2010 haben rund 2500 junge Menschen einen Ausbildungsvertrag als Berufskraftfahrer unterschrieben, nur 84 davon waren Frauen. Wenn Anna eine Kollegin auf der Straße sieht, ruft sie: "Guck mal, noch eine Frau."

Einmal habe die Polizei sie angehalten, erzählt Anna. So jung und knackig, hätten die Polizisten gesagt, da wollen wir mal sehen, ob du überhaupt einen Führerschein hast. Auch Kunden musste sie den schon zeigen. Andere fragten, ob sie die Tochter vom Fahrer sei, oder empfahlen ihr, lieber was Leichteres zu lernen. Anna sagt, so etwas sporne sie eher an.

Heute bittet sie ein Kunde schmunzelnd: "Rufst du mich an, wenn du angekommen bist?" Anna lacht, souverän scheinbar, und trotzdem klingt in ihrer Stimme oft auch etwas anderes durch: Wenn sie ihren Freund am Telefon hat, würde sie mit ihrer tiefen, vollen Stimme als Tagesschau-Sprecherin durchgehen. In der Lagerhalle und auf dem Parkplatz wird diese Stimme oft hoch und dünn.

Anna könnte oft stärker sein für den Job und größer. Aber wenn sie etwa an die Klappe vom Lkw nicht drankommt, bittet sie ihre Kollegen um Hilfe, ohne sich zu schämen, und die meisten helfen, ohne sich aufzuspielen. "Da musst du mit Muskelkraft ran", sagt mal ein Fahrer, an die zwei Meter groß, mit Holzfällerhemd, Vokuhila und getönter Brille, als er für Anna eine verklemmte Stütze am Container zurechtrückt. Als er das sagt, lacht sie freundlich. Hinterher, als er weg ist, murmelt sie etwas genervt, er habe es bei seinem Lkw doch selbst fast nicht geschafft.

Kollegen freuen sich über Lkw-Fahrerinnen

Die meisten Kollegen verhalten sich wie Gentlemen. Sie säßen den ganzen Tag allein im Lkw, dann tauche plötzlich eine Frau auf, sagt ein Fahrer mit großem Bauch und Dreitagebart. "Da packen wir natürlich unsere gute Erziehung aus." Manche Frauen würden das leider ausnutzen. Kannst du mal bitte helfen, flöteten die dann, ist doch so schwer. "Wir ziehen trotzdem unseren Hut vor allen Frauen, die diesen Job machen", sagt er. Anstrengend sei er, hektisch, schwer mit Freunden und Familie zu vereinbaren.

Branchenvertreter sagen, wer sich zum Berufskraftfahrer ausbilden lasse, habe einen Arbeitsplatz sicher, trotzdem fehle qualifiziertes Personal. Ein Grund könnten die mäßige Bezahlung und die Arbeitszeiten sein. Anna verdient derzeit rund 550 Euro brutto, nach der Ausbildung werden es vielleicht 1900 Euro sein. Sie darf in zwei Wochen nicht mehr als 90 Stunden fahren, eine Umfrage unter 555 deutschen Fahrern ergab allerdings: Nur etwa jeder zehnte Befragte hält sich an die Vorgaben.

Anna ist auch schon längere Touren gefahren, im Ausland ist sie dann nur Beifahrerin, weil sie noch nicht 21 ist. Wenn sie auf Rastplätzen übernachtet, dauerte es manchmal, bis sie einschlafen kann. Immer wieder klopften Männer an die Scheibe, erzählt sie, oder glotzten durch Gardinenschlitze. Es wirkt nicht so, als würde Anna so etwas Angst machen. "Ich hätte ja auch wegfahren können", sagt sie. Trotzdem legt sie sich immer Deospray parat, um es notfalls ins Gesicht zu sprühen.

Wenn sie die Männerwelt verlässt und aus ihrem 40-Tonner steigt, setzt sie sich in den roten VW Polo ihrer Mutter und fährt oft zu ihrem Pony Fuchsi. Sie hat es schon zehn Jahre, reitet es aber nicht mehr, sondern pflegt dessen Arthrose. Auch darum fährt sie heute fast nur noch Ein-Tages-Touren. Ihr gefalle es in ihrer Heimat Delmenhorst und bei ihrer Mutter, sagt Anna, sie sei nicht gern lang von zu Hause weg.

Gegen 16.30, kurz vor Feierabend, ruft Anna bei ihrem Betrieb an.

"Hallo, Anna hier, ich wollte fragen, was ich morgen machen soll."

"Nachtschicht fahren. Nach Kassel."

"Okay. Wann soll ich da sein?"

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