Von Lea Deuber
Manchmal halte ich es nicht aus, vor den Öfen zu stehen. Obwohl ich bei Führungen schon sehr oft in die Krematorien gegangen bin, kann ich an manchen Tagen nicht anders, als abseits auf meine Besuchergruppe zu warten.
Die KZ-Gedenkstätte beschäftigt mich. Das hört nicht auf, wenn ich das Büro abschließe. Ich versuche deshalb, zu Hause nicht über das Thema zu sprechen. Trotzdem bin ich froh, dass ich meinen Freiwilligendienst in Theresienstadt leisten kann (mehr zum KZ Theresienstadt auf Wikipedia hier).
Ich habe von meinen Eltern gelernt, für eine Meinung einzustehen und dafür zu kämpfen. Sie haben in der DDR studiert und Schwierigkeiten bekommen, weil sie ihre Meinung gesagt haben. Meine Mutter ist Pfarrerin, mein Vater ist Judaist und arbeitet an der FU in Berlin. Wir sprachen zu Hause häufig über den Nationalsozialismus.
Theresienstadt liegt ungefähr eine Stunde von Prag entfernt. Am 1. September habe ich hier meinen Freiwilligendienst angefangen. Gemeinsam mit einem gleichaltrigen Kollegen aus Österreich bin ich für die deutschsprachigen Besuchergruppen verantwortlich, meist sind es Schüler.
Die Besucher erwarten in Theresienstadt ein Konzentrationslager mit Baracken, Stacheldraht und Gaskammern. Theresienstadt war zwar ein Konzentrationslager, aber kein Vernichtungslager. Die Nazis zwangen die Häftlinge zur Arbeit. Viele sind verhungert oder an Krankheit und Erschöpfung gestorben. Ab 1942 waren es so viele, dass ihre Leichen in Krematorien verbrannt wurden. Die noch Lebenden haben die Nazis deportiert, meist nach Auschwitz.
"Das Leben geht weiter, der Baum wird wachsen"
Häufig fragen die Besucher, warum die Häftlinge keinen Aufstand gewagt haben. In Theresienstadt gab es Hoffnung. Die Menschen glaubten, dass sie an diesem Ort überleben könnten. Sie sahen zwar die Menschen, die nach Auschwitz deportiert wurden, aber sie konnten sich nicht vorstellen, wohin sie fuhren.
Ich erzähle gern vom passiven Widerstand in der Stadt selbst. Dort gab es viele Aktionen, wie geheime Gottesdienste und Schulunterricht. Für mich ist der Jüdische Friedhof Theresienstadt der eindrücklichste Ort im Ghetto. Dort stand bis 2005 ein Ahornbaum. Er wurde von Ghettokindern unter der Anleitung von Irma Lauscherová gepflanzt, die den heimlichen Unterricht in der Stadt organisiert hat. "Das Leben geht weiter, der Baum wird wachsen", soll sie gesagt haben.
Das ist ein Ort, der mir viel Kraft gibt, weiterzumachen. Er ist ein Symbol für alle Kinder, die gelitten und nicht überlebt haben. Der Baum ist zwar vor sieben Jahren abgestorben. Aber es gibt einen Ableger. Und der wächst.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Leben U21 | RSS |
| alles zum Thema Freiwilligendienste | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH