Freiwilligendienst in KZ-Gedenkstätte: "Das Kapitel Rassismus ist noch nicht abgeschlossen"
5. Teil: Veit Lorenz, 20 - "Manche Freunde halten mich für durchgeknallt"
Mein Großvater war Scharfschütze im Osten. Viel erzählt hat er darüber nie. Ich kenne einige Kriegsgeschichten meiner Großeltern, aber Nachfragen wurden meistens abgeblockt. Ich kann daher nicht beurteilten, ob etwas auf dem Gewissen meines Großvaters lastete. Aber die Frage hat mich motiviert, als FSJler anzufangen. Ich denke, vielen Jugendlichen geht es so. Meine Eltern wollten lieber, dass ich nach der Schule sofort studiere und nicht für wenig Geld hier arbeite. Auch manche Freunde halten mich für durchgeknallt, weil ich jeden Tag insgesamt über fünf Stunden von Niederhausen nach Osthofen nördlich von Worms pendele (mehr zum KZ Osthofen auf Wikipedia hier).
Ich finde, die Arbeit hier sehr spannend. Das ehemalige Konzentrationslager Osthofen ist den meisten unbekannt, obwohl es eines der ersten Konzentrationslager in Deutschland gewesen ist. Viele Leute haben die Gebäude von Dachau oder Auschwitz vor Augen. Aber die Gedenkstätte Osthofen erzählt viel mehr.
Dieses KZ wurde bereits im März 1933 gegründet. Die Nazis hielten politische Häftlinge fest, Mitglieder der KPD, SPD, Gewerkschaftler und andere politisch Verfolgte. Ein berühmter Häftling war beispielsweise der SPD-Politiker Carlo Mierendorff. Die Nazis wollten ausprobieren, ob die Bevölkerung wegen der Verhaftungen protestieren würde. Das tat sie nicht. Das KZ Osthofen wurde im Spätsommer 1934 geschlossen. Politische Gegner waren zu dem Zeitpunkt emigriert, untergetaucht oder von den Nazis ermordet.
Beeindruckend ist der ehemalige Schlafsaal des Konzentrationslagers. Damals gab es darin keine Pritschen, sondern nur Strohsäcke, Wasser tropfte auf die Häftlinge herab. Mir wird jedes Mal mulmig, wenn ich dort bin.
Trotzdem behaupten bis heute einige, dass hier nie etwas passiert sei. Deswegen waren viele dagegen, aus dem ehemaligen KZ eine Gedenkstätte zu machen. Sie hätten lieber eine Jugendausbildungsstätte daraus gemacht. Viele Osthofener hatten Angst, dass man den Ort, wie Dachau, nur mit einem KZ in Verbindung bringen könnte.
Ich finde die Arbeit sehr wichtig, denn es ist längst nicht alles erforscht. Ich arbeite gerade an dem Nachlass des ehemaligen Häftlings Karl Schreiber. Er hat in den siebziger Jahren angefangen, Material über das ehemalige KZ zu sammeln. Darunter viele Briefe und Originaldokumente, die fast noch niemand gelesen hat. Ich möchte seine Geschichte für unsere Homepage aufbereiten, damit sie nicht vergessen wird.
- 1. Teil: "Das Kapitel Rassismus ist noch nicht abgeschlossen"
- 2. Teil: Simon Rebiger, 20 - "Manchmal ertrage ich den Anblick der Öfen nicht"
- 3. Teil: Janina Späth, 19 - "Meine Oma denkt, ich mähe hier den Rasen"
- 4. Teil: Tomke Gerstenberg, 19 - "Ich habe das Gefühl, ich müsste ersticken"
- 5. Teil: Veit Lorenz, 20 - "Manche Freunde halten mich für durchgeknallt"
- 6. Teil: Larissa Zeigerer, 21 - "In Ravensbrück erwartet mich die Düsternis"
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- Donnerstag, 31.05.2012 – 09:19 Uhr
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- Wikipedia-Eintrag zum KZ Ravensbrück
- Wikipedia-Eintrag zum KZ Osthofen
- Wikipedia-Eintrag zum KZ Dachau
- Wikipedia-Eintrag zum KZ Theresienstadt
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