Von Alexander Linden
Samstagfrüh, acht Uhr, erste Sonnenstrahlen aus dem Himmel über Berlin. Julian steht hinter der klapprigen Theke unter dem Dach des Gemüsestands und wischt sich mit dem Schürzenzipfel Schlaf aus dem Auge.
Zeit zum Ausruhen? Nix da. Eine ältere Kundin will einen Sack Kartoffeln kaufen. Den, den, doch den da unten? "Darf es sonst noch etwas sein?", fragt Julian und strahlt die Dame an. "Wir haben ooch noch janz frische Äpfel – Jonagold." Unter seiner Mütze und durch den Drei-Tage-Bart sieht man es nicht so genau, aber Julian ist sehr hübsch: blonde Haare, braune Augen, feine Züge.
Die Dame kann nicht widerstehen, kauft drei rot-gelbe Äpfel und gibt noch ein Trinkgeld obendrauf. "Bis zum nächsten Mal", sagt sie, lächelt und geht. "Bitte gern", ruft Julian ihr nach. Das sagt er jedes Mal so, bei jedem Kunden, bis 16 Uhr.
"Dich habe ich doch in der 'Bild'-Zeitung gesehen"
Seit zwei Jahren verkauft Julian Feitsma fast jeden Samstag Obst und Gemüse auf dem Winterfeldtmarkt in Berlin-Schöneberg. Früher, seit er 15 war, hat er im Prenzlauer Berg auf dem Kollwitzmarkt gearbeitet. Der Stundenlohn ist gering, nur fünf Euro. Trotzdem: Julian opfert den Samstag gern. Von dem kargen Lohn muss er nicht leben, für ihn ist das hier Entspannung. Denn in seinem zweiten Leben ist Julian ein Topmodel.
Heute aber begann sein Arbeitstag um 3.30 Uhr: zuerst zum Großmarkt, dann auf den Winterfeldtplatz, den Stand aufbauen. Irgendwann abends wird der Stand abgebaut, um 19 Uhr ist Feierabend. Diese Arbeit, die er als Jugendlicher als Nebenjob übernahm, ist das einzige, was Julian bisher so richtig gelernt hat. Er hat Abitur, aber noch keine Ausbildung oder ein Studium gemacht. "Ich bin stolz darauf, ist doch eine ehrenwerte Arbeit", sagt er und wiegt ein paar Birnen ab. Die meisten Kunden hier kennt er persönlich, es gibt viele Stammkunden.
"Hier weiß ich abends, was ich getan hab", sagt er. Am Sonntag die Schwielen vom Palettenpacken an den Fingern zu sehen, das sei eine echte Befriedigung. Er grinst und hält die Hände in die Luft. Erst vor ein paar Tagen kam eine Frau an den Stand und schaute ihn eindringlich an: "Dich hab ich doch in der 'Bild'-Zeitung gesehen." Julian leugnet das in solchen Momenten nicht, freiwillig würde er aber nie jemandem von seinem anderen Leben erzählen, von seiner glamourösen Seite.
"I like this Berlin boy"
Davon, dass er, Julian, eines der bekanntesten und gefragtesten Models der Welt ist, befreundet mit Stars und Sternchen aus Musik und Showbiz. Das ist seine zweite Seite.
Julians anderes Leben begann hier auf dem Gemüsemarkt. Es war ein kalter Samstag im Winter vor ein paar Jahren. "Ich war 16 und hab' auf dem Markt gearbeitet. Na ja, ich musste aufs Klo und bin in das Café gegenüber. Da saß ein Mann an der Bar und sprach mich an. Ob ich mal Bock hätte zu modeln."
Julian lächelt entschuldigend, fährt sich durch die Haare, das macht er immer, wenn er unsicher ist. Er habe das damals für einen Scherz gehalten. Der Mann gab ihm eine Visitenkarte. Zuhause schlich Julian drei Tage um die Karte rum, skeptisch, aber auch elektrisiert. Er rief an.
Zuerst machte er kleine Foto-Shootings in Berlin. Alles im Rahmen, ein nettes Zubrot. Dann kam die Fashion-Week in Mailand. Ganz allein flog er nach Italien. Fotografen vor der Tür, Hektik, Scheinwerferlicht. "Scheiße, war ich aufgeregt", sagt er. Er sollte sich Jil Sander vorstellen. Sie blickte ihn an. Lange und fasziniert. Von oben bis unten. Sie sagte nur einen Satz: "I like this Berlin Boy." Sie buchte ihn für die ganze Saison. Das war Julian Feitsmas Durchbruch als Top-Model.
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