Generation Putin: "Mein Klassenkamerad hat sich in die Luft gesprengt"

Taissa Dschemelajewa, 20, wurde vor dem ersten Krieg in Tschetschenien geboren, erlebte als Kind Vertreibung und Terror. Sie glaubt an Allah, liebt ihren Glauben - und fremdelt doch in einem Land, in dem Frauen ohne Kopftuch mit Paintball-Gewehren beschossen und zusammengeschlagen werden.

Taissa Dschemelajewa wurde am 11. November 1991 in Grosny geboren. Kurz zuvor hatte sich die abtrünnige Teilrepublik von Russland für unabhängig erklärt. 1994 rückten Panzer in Tschetschenien ein. Nirgendwo hat Wladimir Putins Herrschaft tiefere Spuren hinterlassen als in Grosny. 1999 ließ er seine Truppen die tschetschenische Hauptstadt sturmreif schießen. 2004 befahl er ihren Wiederaufbau.

Seit 2007 beherrscht Putins Vasall Ramsan Kadyrow die Unruheprovinz. Mit harter Hand bekämpft er islamistische Rebellen, die für einen Gottesstaat im Nordkaukasus kämpfen. Doch Russland zahlt einen hohen Preis für die neue Stabilität: Kadyrow setzt auf einen strammen Islamisierungskurs, sein Reich entgleitet Moskau immer weiter.

"Wenn ich an die neunziger Jahre denke, erinnere ich mich an meine Njanja, eine Kinderfrau aus der Nachbarschaft. Sie war Russin, aber Tschetschenen und Russen lebten damals noch friedlich zusammen. Sie war eine warmherzige Frau, und es tut mir heute leid, dass ich sie so gepiesackt habe. Ich war ein wildes Kind, und wenn unsere Njanja auf mich aufpassen sollte, habe ich immer Reißaus genommen. Ich wollte lieber mit den Jungs aus der Nachbarschaft spielen, vor allem mit meinem Cousin Adam.

'Ataman' hat mich meine Großmutter deshalb genannt, weil ich so wild war wie ein Kosackenhauptmann und weil ich so viel kaputt gemacht habe. Am liebsten habe ich Hosen getragen.

Es war nicht schwer für unsere Njanja, mich zu finden. Ich habe meistens so viele Spielzeuge mit mir herumgeschleppt, dass ich viele unterwegs verloren habe und sie nur der Spur folgen musste, um mich zu finden. Dann hat sie mich über die Schulter gelegt und wieder mitgenommen.

Im Krieg hat sie eine Rakete getroffen. Sie war eine gute Freundin meiner Mutter. Meine Eltern hatten viele russische Freunde. Heute lebt keiner von ihnen mehr in Tschetschenien, sie wurden getötet oder zogen weg.

"Frauen ohne Kopftuch werden mit Paintball-Gewehren beschossen"

Manchmal bemitleide ich meine eigene Generation. Wir hatten keine Kindheit. Wir wussten nicht, wie ein Kino aussieht. Erst mit 15 habe ich zum ersten Mal einen Zirkus besucht. Es war ein russischer Wanderzirkus. Das alte Zirkusgebäude in Grosny hatten die russische Luftwaffe und Artillerie zerstört.

Ich habe kein einziges Foto aus meiner Kindheit. Niemand kam auf die Idee, Fotos vor Ruinen zu schießen. Ich beneide meine beiden älteren Geschwister, ihre Fotoalben sind voll mit fröhlichen Aufnahmen.

Im ersten Tschetschenien-Krieg mussten wir uns in einem Keller von Nachbarn verstecken. Er war matschig, voller Ratten und Insekten und eigentlich zu klein für zehn Personen.

Verwandte haben uns dann in Sicherheit gebracht. Unsere Eltern aber blieben. Der Weg nach Alchan-Kala war beschwerlich. Ich erinnere mich an die Leichen am Wegesrand. Damals war ich fünf und fühlte mich wie ein Kosmonaut in der Schwerelosigkeit. Viele sind ausgewandert. Mein Cousin Adam lebt jetzt in der Schweiz.

Ich glaube an Allah und ich liebe meinen Glauben, doch die neuen Sitten haben sehr plötzlich Einzug in Grosny gehalten. Ohne Kopftuch und langen Rock werden Studentinnen nicht mehr in die Hörsäle der Universitäten gelassen. Es ist so weit gekommen, dass Frauen ohne Kopftuch mit Paintball-Gewehren beschossen und zusammengeschlagen wurden.

Ich komme aus einer sehr modernen Familie. Als ich das erste Mal ein Kopftuch angezogen habe, hat mich meine Mutter gefragt, was ich da tue. Manchmal schaue ich mir Fotos aus der Jugend meiner Eltern an. Die jungen Frauen liefen damals im Minirock herum. Heute kommt unsere Mode in Tschetschenien aus Syrien und Arabien.

Mein Vater hat früher als Wachmann in einem Stahlwerk gearbeitet und Mama als Köchin in einer Schule. Papas Fabrik gibt es heute nicht mehr. Er arbeitet jetzt als Chauffeur, Mama ist Hausfrau.

"Mein Mann unterstützt mich in allem, was ich tue"

Ich will Journalistin werden. Ich kann mir keinen anderen Beruf vorstellen. Als Kind habe ich 'Reporterin' gespielt. Ich habe mir vorgestellt, wie ich mit dem Mikro Leute vor der Kamera interviewe. Derzeit arbeite ich für das Lifestyle-Magazin 'Rumors'. Neulich haben wir Probleme bekommen, weil wir Fotos von jungen Frauen druckten, die kein Kopftuch trugen.

Ich träume davon, nach Prag zu reisen oder nach Paris. Ich möchte für mein Leben gern den Eiffelturm sehen, doch es wird immer schwieriger, Tschetschenien zu verlassen.

Mein Mann ist sechs Jahre älter als ich, wir haben uns in der Hochschule kennen gelernt. "Fräulein, Fräulein", hat er mir nachgerufen, "darf ich Sie begleiten?" Ich habe ja gesagt, "aber nur freundschaftlich". Später hat er gesagt, er hätte mich damals am liebsten umarmt. Aber wenn er das gemacht hätte, hätte ich ihn nicht mehr treffen wollen. Er hat mich zur Haltestelle gebracht und dann selbst den nächsten Bus genommen, um zu schauen, ob ich gut angekommen bin. Alle halbe Stunde hat er angerufen.

Wir haben am 13. Dezember geheiratet. 60 Autos haben mich abgeholt. Unsere Geistlichen haben um meine Hand und mein Herz gebeten. Ich habe genickt. Die Frau darf nichts sagen.

Wir leben jetzt bei ihm in einem Dorf, wir teilen das Haus mit seinen Eltern und zwei Schwestern. Er ist der jüngste Sohn, der traditionell bei den Eltern bleibt. Für mich ist das nicht leicht, ich bin das städtische Leben gewohnt. Aber mein Mann unterstützt mich in allem, was ich tue. Er sagt: 'Zieh dich an, wie du willst.'

Die Gewalt in Tschetschenien ist nicht verschwunden. Einer meiner Klassenkameraden ist vor einigen Jahren verschwunden. Er wohnte im gleichen Haus wie ich. Er war kein schlechter Junge. Er ist in den Wald gegangen, zu den Rebellen. Irgendwann kam er wieder und sprengte sich selbst in die Luft.

Vor zwei Jahren habe ich aus den Fenstern unserer Schule beobachtet, wie ein Mann auf eine Gruppe Militärs zu rannte, die auf der anderen Straßenseite standen. Es war ein Selbstmordattentäter. Der Geruch von verbranntem Fleisch lag noch Tage danach über der Straße."

Aufgezeichnet von Anna Skladmann und Benjamin Bidder

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insgesamt 18 Beiträge
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1. Beklemmender Bericht, ABER
Halodri73 02.03.2012
Zitat von sysopAnna SkladmannTaissa Dschemelajewa, 20, wurde vor dem ersten Krieg in Tschetschenien geboren, erlebte als Kind Vertreibung und Terror. Sie glaubt an Allah, liebt ihren Glauben - und fremdelt doch in einem Land, in dem Frauen ohne Kopftuch mit Paintball-Gewehren beschossen und zusammengeschlagen werden. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,817851,00.html
..was ziehen wir daraus für Schlüsse?? Außer, dass fanatische Religiöse das leben nicht besser sondern schlechter machen...?
2. Sapere aude!
martinvc 02.03.2012
Zitat von Halodri73..was ziehen wir daraus für Schlüsse?? Außer, dass fanatische Religiöse das leben nicht besser sondern schlechter machen...?
Sapere aude, "Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen". Wo die Erkenntnis anfängt, hört der Glaube auf!
3. Und was tun wir zur Prophylaxe?
Halodri73 02.03.2012
Zitat von martinvcSapere aude, "Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen". Wo die Erkenntnis anfängt, hört der Glaube auf!
Wie stellen wir sicher, dass die tumbe Masse nicht der radikalen Minderheit so lange tatenlos zusieht, bis ausser Gewalt oder Aufgabe der eigenen Werte nichts mehr hilft??? Sehen Sie die Radikalisierung in unserem Land an und lesen Sie, was junge Frauen mit deutschem Pass so alles durchmachen beim Thema Rechte und Entfaltung vs. Religion und Patriarchat. Und dann erklären Sie, wie man es hinbekommt, die Erkenntnis auch wirklich zu allen Bürgern zu transportieren - incl. Plan "B", wenn diese nicht angenommen wird... Aber vom Grundsatz her ist "Höre auf Deinen Verstand" schonmal ein guter Ansatz!
4.
sagichned 02.03.2012
---Zitat--- 1999 ließ er seine Truppen die tschetschenische Hauptstadt sturmreif schießen. ---Zitatende--- 1999 war die stadt schon sturmreif geschossen. Und warum wird nicht gesagt, dass der superdemokrat jelzin den krieg anfing und der superoppositionelle beresowski sich eine goldene nase daran verdient hat? Ebenso, was die tschetschenen mit ihreren wahhabitischen führern aus übersee damit anfingen? Sie haben nämlich gleich dagestan angegriffen.
5.
globallynaive 02.03.2012
Was ich niemals verstehen werde ist, wieso sich die säkuläre muslimische Mehrheit in Ländern und Regionen wie Tschetschenien, Libyen, Ägypten, Kasachstan, Uzbekistan, Indien, Malediven, Malaysia sich nicht gegen den zunehmenden radikalen Einfluss der Saudis und Konsorten wehrt. Es ist diese Ignoranz der Masse, welches die Radikalisierung überhaupt möglich macht. Wenn die Masse sich weigern würde bei diesem Zirkus mitzumachen, hätten Radikale keine Chance. Ich kann mich noch an meine Jugend erinnern, wo die meisten muslimischen Freunde (in einem Land mit grosser Anzahl Muslime) ganz locker drauf waren. Man hat Ramadan gefeiert (und auch mal heimlich ein Bier getrunken). Die Mädels waren normal angezogen, nur zum Moscheebesuch am Ramadan warf man sich ins Kopftuch, aber eher so wie italienische Katholikinnen, die sich vor der Christmette ein Kopftuch überwerfen. Die Religion war nicht der Hauptinhalt im Leben, sondern der Beruf, das Studium usw. sondern nur Tradition, der man an Feiertagen gerne folgte, aber es nicht so streng nahm mit der Umsetzung sämtlicher Dogmen. Wo ist hier in den letzten 30 Jahren die Vernunft verloren gegangen? Wieso suchen junge Menschen ihr Heil in antiken Märchen? Ich werde es niemals verstehen.
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Regierungschef: Dmitrij Medwedew

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