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Gewalt unter Mädchen: Lidstrich und Leberprellung

Von Judith Liere

Gewalt ist keine Frage des Geschlechts, auch Mädchen lassen bei Konflikten zunehmend die Fäuste sprechen. Nadine, 17, ist mit Kontrahentinnen nicht zimperlich. Nur in Stöckelschuhen hält sie sich zurück: "Das schaut überhaupt nicht gut aus."

Wer Nadine* falsch anschaut, lebt gefährlich. "So schief von oben nach unten, ich hasse das", sagt die 17-Jährige. Wenn Nadine schlechte Laune hat, kann ein Blick ausreichen, schon explodiert sie. Dann schlägt sie mit der Faust ins Gesicht, tritt mit dem Fuß in den Magen. Kieferbruch, Milzriss, Leberprellung sind ihre Rache für den falschen Blick.

Seit sie elf Jahre alt ist, prügelt Nadine. Gründe für schlechte Laune gibt es beinahe täglich: Streit mit den Eltern oder den Schwestern, Stress in der Schule. "Wer dann als erster dumm schaut, hat halt Pech gehabt." Sie sagt das mit einem Lächeln, halb stolz, halb entschuldigend. Nur wenige haben sie danach angezeigt. "Die anderen hatten Angst."

Die Anzeigen haben Nadine einen Platz in der Polizeikriminalstatistik verschafft. Die Zahlen sagen: 14.294 Mal kamen Mädchen zwischen 14 und 18 Jahren im letzten Jahr wegen Körperverletzung mit der Polizei in Kontakt. Das sind beinahe doppelt so viele Fälle wie vor zehn Jahren. Zwar ist der Anteil der gewalttätigen Mädchen immer noch sehr viel geringer als der der Jungen - ein Fünftel der 14- bis 18-jährigen Täter ist weiblich -, doch er wächst stetig. Auch Mädchen dient Gewalt zunehmend als Mittel der Konfliktbewältigung.

Armut, Drogen, Langeweile

"Dabei handelt es sich keinesfalls um Kratzen, Beißen, Haare ziehen. Die Mädchen setzen genauso Fäuste und Füße ein wie die Jungs", sagt die Soziologin Kirsten Bruhns, die am Deutschen Jugendinstitut in München eine Studie zum Thema Mädchen und Gewalt geleitet hat.

Die Risikofaktoren, die Jugendliche zu Gewalttätern werden lassen können, sind bei beiden Geschlechtern die gleichen: schwierige Familienverhältnisse, Armut, geringe Bildung, Drogen, Langeweile und mangelnde Perspektiven. "Das ist aber natürlich kein Automatismus, sondern ein sehr komplexes Feld", so Bruhns. "Auch ohne miserables Elternhaus können Jugendliche zu Schlägern werden, da muss man sich jeden Fall einzeln angucken."

Nadine ist groß und sehr schlank, die Augen hat sie mit Mascara und Lidstrich perfekt geschminkt, die Haare sind aufgehellt, in der Unterlippe steckt ein Piercing. Sie tanzt und singt gerne, R'n'B und HipHop mag sie. Sie würde sich gern bei "Popstars" bewerben oder eine Ausbildung als Hotelfachfrau machen.

Sie sieht aus wie eine normale 17-Jährige, die gern vor dem Spiegel steht und über ihre Klamotten nachdenkt. Nicht wie jemand, der schon zahlreiche Menschen krankenhausreif geprügelt hat. Jungs, Mädchen, Ältere, Jüngere. Wie viele es genau waren, kann sie nicht sagen. "Viele."

Der Coolness-Workshop scheiterte

Dass gerade der Anteil der prügelnden Mädchen so stark angestiegen ist, sieht die Soziologin Bruhns auch als Folge eines veränderten weiblichen Rollenbilds: "Heute sollen sich auch Frauen durchsetzen können, sich nichts gefallen lassen. Das spielt eine ganz zentrale Rolle in der Argumentation der Mädchen. Gerade wenn sie in ihren Familien noch ein Bild vermittelt bekommen, dass Frauen sich eigentlich unterordnen müssen, dass Weiblichkeit Schwäche assoziiert, dann lehnen sie sich dagegen auf. Sie wollen keine Opfer sein. Im Gegensatz zu früher ist Schwäche auch bei Frauen keine Tugend mehr. Sich zu prügeln und gleichzeitig ein attraktives Mädchen zu sein, ist kein Widerspruch für die Täterinnen."

Filmheldinnen wie Lara Croft, Trinity aus "Matrix" oder Uma Thurman als "Black Mamba" in "Kill Bill" spiegeln dieses neue Weiblichkeitskonzept wider. Nadine bestätigt das: "Die Jungs, mit denen ich zusammen war, fanden es gut, dass ich mich wehren kann, dass sie nicht so eine Pussy als Freundin haben." Ihre Weiblichkeit ist ihr wichtig: "Ich ziehe mich sehr oft elegant an, und dann verhalte ich mich auch voll ladylike. Aber in Stöckelschuhen halte ich mich ein bisschen zurück. Ich habe mal gesehen, wie sich ein Mädchen in Stöckelschuhen und anständigen Klamotten geprügelt hat, das schaut überhaupt nicht gut aus. Außerdem hat man da eh keinen richtigen Halt, und die ganzen schönen Klamotten gehen kaputt."

Nadine kam wegen der Schlägereien und wegen Drogendelikten vor den Jugendrichter. Der verordnete ihr Arbeitsstunden, Coolness-Workshops, Anti-Aggressionstrainings - mit wenig Erfolg. Nadine schlug weiter zu. Schließlich landete sie in einem Caritas-Heim für schwer erziehbare Mädchen. Aus ihrer Heimatstadt Nürnberg zog sie nach Gauting, eine Kleinstadt in der Nähe von München. Sie lebt nun in einer geschlossenen therapeutisch betreuten Wohngruppe mit strengem Tagesablauf und strikten Regeln.

"Worte sind schlimmer als Schläge"

Der Heimleiter und Psychologe Bernhard Stadler sagt, das größte Problem bei den 64 Mädchen, die in Gauting untergebracht sind, sei das geringe Selbstwertgefühl: "Nach außen sieht das natürlich ganz anders aus, da geben sie sich sehr selbstsicher. Das dient aber dazu, die inneren Schwächen zu überdecken. Die Mädchen sind oft so unsicher, dass sie beinahe jede Reaktion ihres Gegenübers als Kritik oder Beleidigung auffassen und sich angegriffen fühlen."

Auch Nadine betont immer wieder ihr vermeintlich großes Selbstbewusstsein: "Ich weiß, was ich mit Leuten machen kann. Mir kann halt keiner was." Dass Gleichaltrige Angst vor ihr haben, genießt sie: "Ich muss nur eine Augenbraue hochziehen, dann gucken alle weg, weil sie eingeschüchtert sind."

Reue oder Mitleid kennt Nadine nicht, auch nicht nach vielen Therapien und Sozialmaßnahmen. Bei keinem ihrer Opfer hat sie sich jemals entschuldigt. "Ich finde es okay, wenn nachher jemand verletzt ist, wenn er mich beleidigt hat. Für mich ist Beleidigung viel schlimmer. Schlagen ist ja nur körperlich, aber mit Wörtern fickt man deine Seele."

(*Name geändert)

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