Handybasteln: Wenn Mama klingelt, wird das Handy rau

Von Mathias Hamann

Flauschfell, Pfefferspray, Surround-Sound - Schüler wie Lemmy, 12, und Carla, 15, bastelten in Berlin-Neukölln ihre Wunschhandys. Forscher halfen dabei und lernten: Manche Teenies wollen Glitzer und Schminkspiegel, andere hätten lieber ein Handy zur Selbstverteidigung.

Workshop in Neukölln: Jugendliche basteln ihr Traumhandy Fotos
Mathias Hamann

Ein Fell von einem toten Hasen, Glitzerfolie und zerfledderte Lautsprecher liegen auf dem Basteltisch. Mittendrin sitzt Lemmy, 12, und schneidet mit einem Teppichmesser Rechtecke aus Kunststoff. Er baut gerade ein Handy-Soundsystem, eines, das sogar funktioniert.

Hilfe erhält er von einer Studiengruppe der Technischen Universität Berlin, Abteilung Designforschung. Gesche Joost und ihr Team laden zusammen mit der Deutschen Telekom noch bis Ende August Schüler in ihr "StreetLab" im Berliner Kiez Neukölln. Was sie wollen? "Das Handy der Zukunft entwickeln, zusammen mit Kindern und Jugendlichen", sagt die Juniorprofessorin. Während andere Schüler in den Ferien Politik spielen oder wie vor hundert Jahren töpfern, basteln die Kiezkinder Handyprototypen. Dafür können sie unter anderem das Fell eines echten Hasen verwenden. "Der ist eines natürlichen Todes gestorben", versichert Gesche Joost.

Auch Lemmy hat einen Prototyp entworfen, so dick wie ein Knäckebrot, mit großem Bildschirm, "um Videos drauf zu gucken", erklärt er. Sein Holzhandy zieren vier braune Flecken, das wären Lautsprecher für einen "schönen Surround-Sound".

Wie die Eltern vieler Kinder am Tisch stammen auch seine aus dem Ausland. Er selbst ist Neuköllner seit Geburt, spielte mal Klavier, jetzt Kontrabass und geht ab September auf ein Gymnasium. Warum ist er hier? "Es macht Spaß zu basteln." Außerdem ist der Sommer in Neukölln ein wenig öde.

Das Traumhandy soll laut Musik machen

Das merkt auch Gesche Joost. Der Kiez freut sich über die Forscher, der Bastelladen ist oft gerammelt voll, überall wuseln Kinder herum - "manchmal schwer zu bändigen." Warum kommen die Wissenschaftler ausgerechnet nach Neukölln? Die Design-Professorin erklärt: Hier gebe es Erwachsene und Jugendliche aus verschiedenen Kulturen, aber doch mit ähnlichen Werten. Sie will mit ihrem Team herausfinden, wie die Teenies sich ein Handy in Zukunft vorstellen. Joost weiß: "Schon heute ist es für viele ein wichtiges Statussymbol."

Lemmy bestätigt das, mit seinen Kumpels tauscht er Filme und Songs drahtlos über die Taschentelefone. Er würde gern mit Freunden gemeinsam Musik hören, laut und im Park. Also werkelt er weiter an seinem Handy-Lautsprecher. Die Wände hat er ausgeschnitten, nun hämmert er sie zusammen, später frickelt er echte Lautsprecher hinein. Dabei hilft ihm Fabian Hemmert, Doktorand aus dem TU-Team.

Der Promotionsstudent sammelt hier nicht nur Ideen der Kinder, er erfährt viel über ihre Lebenswelt. Wenn die Forscher Fotos von den Kindern und ihren Telefonen machen und die Mütter um Erlaubnis fragen, bekommen sie manchmal als Antwort, das könne nur der Ehemann entscheiden. Viele der Bastelbesucher kommen aus muslimischen Familien. Oft ziert die Flagge des Libanon oder der palästinensischen Autonomiegebiete die Holzhandys.

Gesche Joost holt aus einem Regal noch ein paar originellere Ideen, etwa das blauweiße Kissenhandy mit Bild vom Freund und Schminkspiegel - ein Telefon zum Kuscheln. Dann zeigt sie einen mädchenhaften rosa Entwurf mit Fotodrucker, Schminkspiegel und integriertem Pfefferspray. Gleich daneben steht ein Modell, wieder mit Drucker, Spiegel und Pfefferspray, aber größerem Bildschirm, natürlich berührungsempfindlich. Ein anderes hat eine Tasche als Versteck.

Oberfläche ändert sich je nach Anrufer

Ohne Pfefferspray, dafür mit Hasenfell: der Entwurf von Carla Scholz, 15. Sie ist aus dem Berliner Villenviertel Dahlem angereist, um ein Handy zu designen. Ihr Entwurf füllt die Fläche einer Untertasse, die Vorderseite erinnert an Tapeten aus den siebziger Jahren. Der wahre Clou befindet sich hinten: Ein Stück vom Hasenfell und Draht, beides Symbole für die Oberfläche. "Die ändert sich, je nach Anrufer", erklärt die Gymnasiastin. Läutet die beste Freundin, wird das Handy flauschig; klingelt Mama durch, wird es rau. "Wenn meine Mutter anruft, kann es mal unangenehm werden", sagt Carla und schmunzelt.

Statt Lieblingshit oder Polizeialarm als Klingelton ändert sich einfach die Oberfläche ihres Telefons und stimmt auf das Gespräch ein. Gesche Joost und Doktorand Fabian Hemmert streichen über Hasenfell und Draht. "Es gibt bereits Materialien, die können weich oder rau werden, so wie eine Gänsehaut beim Menschen", weiß Hemmert.

Handys zum Kuscheln oder mit Spiegel - was würden die Designforscher einer Firma für die Produktion empfehlen? Gesche Joost überlegt: "Nun ja, mehr Vielfalt, einfache Bedienung. Für viele Jugendliche scheint Touchscreen heute schon zum Standard zu gehören." Und das Pfefferspray? So als Neukölln-Spezial? "Nee", lacht sie, "aber den Spiegel haben sich viele junge Mädchen gewünscht." Nicht nur zum Schminken, sondern auch, wenn jemand seine Kontaktlinsen einsetzen will - dann nützt das Gimmick sogar Männern.

Lemmy will keinen Spiegel, er freut sich derweil über seine funktionierende Box, die er mit nach Hause nehmen darf. Carla muss auf ein echtes Telefon mit Hasenfell wohl noch etwas warten.

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