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Islam als Jugendkultur: Dschihad statt Punk

Von Ferda Ataman

Islam als Lifestyle: Die Bundesregierung hat eine Broschüre finanziert, die Lehrern den Islam erklären soll - und zwar endlich einmal nicht aus der theologischen Perspektive. Es geht um Bademode für die Muslimin, Partnersuche im Netz - und das Bekenntnis zum Islamismus als Pose des Protests.

Der Versuch, Lehrer über den Islam aufzuklären, ist dieses Jahr einmal schief gegangen: Der Berliner Senat wollte eine Handlungsanleitung für den Umgang mit muslimischen Schülern herausgeben, damit Pädagogen religiös bedingte Konflikte mit Schülern und Eltern besser bewältigen können. Zum Beispiel, wenn Eltern ihre Töchter nicht in den Schwimmunterricht schicken wollen. Bis heute hat diese Orientierungshilfe die Erzieher in der Hauptstadt allerdings nicht erreicht.

Junge Musliminnen: Islam als Lifestyle
Paul Glaser

Junge Musliminnen: Islam als Lifestyle

Der Entwurf sorgte für harsche Kritik, weil es der Behörde an Fingerspitzengefühl im Umgang mit dem Islam mangelte. Um zu erörtern, was der Islam ist, wollte die zuständige Bildungsverwaltung ein achtseitiges Interview mit Imam Ferid Heider abdrucken - einem 29 Jahre jungen Mann, der perfekt Deutsch spricht. Das Problem: Imam Heider predigt in einer islamischen Einrichtung, die der Berliner Verfassungsschutz als einen Treffpunkt der radikalislamischen Hamas bezeichnet. Heider selbst gilt als erzkonservativer "Salafit", der sich an der Frühzeit des Islams orientiert.

"Lehrerfortbildung in Scharia", spottete der "Tagesspiegel" im August. Der unschöne Patzer wäre der Behörde wohl nicht passiert, wenn die Mitarbeiter den Gegenentwurf der Bundeszentrale für politische Bildung gelesen hätten. "Jugendkultur zwischen Islam und Islamismus" heißt der gelungene Beitrag zur Aufklärung der deutschen Pädagogenlandschaft, der nun im Rahmen des Projekts "Schule ohne Rassismus" veröffentlicht wurde, gesponsert von der Bundesregierung.

Wer sich nicht vom kinderbuchartigen Äußeren abschrecken lässt, kann in diesem Themenheft erfahren, warum erzkonservative Imame wie der Neuköllner Ferid Heider unter Jugendlichen extrem populär sind. Außerdem: wie sich junge Muslime trendy kleiden, welche Musik sie hören, wo sie im Internet surfen.

Islam-AG statt schwarzer Block?

Das Heft beleuchtet die Weltreligion nicht aus theologischer Sicht, sondern als Jugendkultur - in die sich Lehrer schon von Berufs wegen schlecht einfühlen können. Daher erklärt das Themenheft: Alle Jugendkulturen lieben den Protest und die Provokation, auch die Jungmuslime. "Mit Lederjacke und Irokesenschnitt kann man heute keinen Lehrer mehr schocken. Wenn man allerdings sagt, man sei radikaler Muslim und wolle eine Frau mit Gesichtsschleier heiraten, kann man sich der Reaktionen sicher sein."

Die Autoren sehen es so, dass auch die Befürwortung des Dschihad - des Kampfes gegen die Ungläubigen - für manche Jugendlichen Ausdruck ihres Protests gegen die Obrigkeit ist: "So mancher, der vor zwanzig Jahren im schwarzen Block marschiert wäre, betet jetzt in der Islam-AG", heißt es im ersten Kapitel. Bleibt die Frage, auf welche Denker sich die Jugendlichen beziehen und woher die islamischen Trends kommen.

Laut Broschüre etabliert sich seit einigen Jahren in Deutschland der "Pop-Islam", bei dem die Jugendlichen HipHop-Musik hören, Markenklamotten tragen und Karriere machen wollen. Zugleich sind ihnen konservative Moralvorstellungen wichtig: kein Sex vor der Ehe, keine Drogen, keine materiellen Exzesse. Sie genießen, so das Themenheft, das Erstaunen ihrer deutschen Freunde, wenn sie am Samstagabend lieber in den Koranunterricht gehen als in die Disco. Immer mehr von ihnen organisieren sich in Vereinen wie der "Muslimischen Jugend in Deutschland".

Auch Imame können Popstars sein

Pop-Muslime haben ihre eigenen Superstars, etwa den Briten Sami Yusuf, der weltweit Millionen CDs mit sentimentalen Liedern verkauft, in dem er in englischer Sprache islamische Inhalte anstimmt. Oder die Berliner Rapperin Sahira, die mit Kopftuch und derben Sprüchen spirituellen Rap vollführt.

Ihre Popstars können allerdings auch Imame sein, Prediger, die den Bedürfnissen junger Deutschmuslime entsprechen. Die charismatischen Superimame werden in Internet-Videos hunderttausendfach angeklickt. Sie predigen meist auf Deutsch, lächeln und haben Spaß am Vorbeten, statt ernst und bitter Suren zu rezitieren. Sie sprechen über den Alltag ihrer jungen Fans.

Die Broschüre listet auch auf, welche Internetforen bei den Allah-Kids besonders beliebt sind: Dazu gehören Kontaktbörsen für die muslimische Partnersuche, in denen es von vornherein um die Eheschließung geht, wie bei "muslim-markt.de". In Chatforen zum Meinungsaustausch in der "Umma" (Gemeinde) debattieren islamische User des Web 2.0 über das Kopftuchverbot, holen sich aber auch Ratschläge, bei welchem Arzt man sich das Jungfernhäutchen diskret wieder zusammennähen lassen kann.

Live-Chats und Sündenberatung im Netz

Beliebt sind auch Live-Chats mit islamischen Gelehrten, die etwas weniger pikante, aber brennende Fragen beantworten - zum Beispiel wie in Deutschland korrekt geheiratet. Wenn gerade niemand ansprechbar ist, können die Jugendlichen auf islamischen Informationsseiten auch "Fatwas" suchen, religiöse Gutachten, die Fragen zu Alltagsproblemen und -sündchen beantworten.

Das Internet ist aber auch "das weltweite Rekrutierungsfeld für gewaltbereite Islamisten", mahnen die Autoren des Hefts. Hier sucht und findet manch ein Schüler aus deutschen Klassenzimmern Anleitungen zum Bombenbau. Islamisten veröffentlichen Texte, Videos und Audiobotschaften auf deutschen Weblogs und werben offen und deutschsprachig "für die Sache des Dschihad". Die einen wollen mitmachen, auf die anderen wirken die blutigen Botschaften des Dschihads einfach nur faszinierend, sie verehren die Selbstmordattentäter im Irak und sonstwo.

Diesem heiklen Thema nähert sich das Infoheft offensiv, es will die deutschen Lehrer offenbar wachrütteln: "Es gibt auch in Deutschland junge Muslime, die es für ihre Pflicht halten, im Namen des Islam zu töten", heißt es da. Es handle sich dabei um eine kleine, aber durchaus gefährliche Gruppe.

Gleichzeitig warnen die Autoren: "Es wäre fatal, alle demonstrativ religiösen Muslime als gewaltbereit abzustempeln." Das könne bei harmlosen frommen Jugendlichen schließlich dazu führen, dass sie sich mit den Dschihad-Ideen solidarisieren.

Gut zu wissen.

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