Jüngste Piraten-Abgeordnete: "Man muss kein Nerd sein"

In Berlin zieht die Piratenpartei erstmals in ein Landesparlament ein - unter den 15 Abgeordneten ist nur eine Frau: die 19-jährige Susanne Graf. Im Interview erzählt sie, wie es ist, allein unter Männern zu sein, und wie viel Computerwissen ein Pirat braucht.

Abgeordnete Susanne Graf, 19: "Jungen Berlinern eine Perspektive geben" Zur Großansicht
Tobias M. Eckrich / Piratenpartei

Abgeordnete Susanne Graf, 19: "Jungen Berlinern eine Perspektive geben"

SPIEGEL ONLINE: Frau Graf, Sie werden ins Berliner Abgeordnetenhaus einziehen. Es war Ihre erste Wahl - und gleich wurden Sie selbst gewählt. Wie wird man mit 19 erfolgreiche Piratin?

Graf: Ich engagierte mich als Schülerin im Chaos Computer Club. Dann tauchte das Thema Vorratdatenspeicherung auf. Ich wollte dazu eine Seminarfacharbeit schreiben und suchte einen Betreuer - bei den Piraten fand ich ihn. Obwohl ich erst 16 war, fühlte ich mich ernst genommen und das war ich nicht gewohnt. Bei Stammtischen und beim Parteitag stimmte man über meine Anträge ab.

SPIEGEL ONLINE: Ist das eine Stärke der Piratenpartei - dass jeder einfach mitmachen kann?

Graf: Die Berliner haben im Wahlkampf gesehen: Da sind Leute, die engagieren sich für ihre Ideale und haben Interesse, in der Politik wirklich was zu bewegen.

SPIEGEL ONLINE: Der Erfolg der Piraten war keinen Tag alt, da hacken die etablierten Parteien auf sie ein: Die Piraten seien eine "inhaltsleere Partei", heißt es aus der SPD. "Klassischer Protest", sagt die Kanzlerin.

Graf: Dann haben sie sich nicht mit dem auseinandergesetzt, was wir fordern. Wir haben ein Programm, das für eine Partei, die fünf Jahre alt ist, schon ziemlich umfangreich ist.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die wichtigsten Themen?

Graf: Grundsätzlich fordern wir Transparenz und Stärkung der Bürgerrechte und Bürgerbeteiligung - das sind die Ziele, hinter denen ich auch für Berlin absolut stehe. Jugendliche sollen sich stärker in die Politik einbringen können und auch angehört werden. Außerdem ist mir Bildungspolitik sehr wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Vor der Wahl hat die Piraten kein Politiker der anderen Parteien ernst genommen - nach der Wahl tun sie es immer noch nicht.

Graf: Das ist natürlich schade. Vorher wollten viele Panik verbreiten, nach dem Motto: Piraten zu wählen, ist schlimm. Da hätten sie lieber gegen die NPD vorgehen sollen. Demokratie bedeutet für mich, dass man auch kleinen Parteien eine Chance gibt, sich zu beweisen.

SPIEGEL ONLINE: Was bringen Sie mit ins Parlament, was dort fehlt?

Graf: Wegen meines Alters bin ich am nächsten an der Jugend dran. Ich habe Kontakt zu jungen Leuten und kann nachvollziehen, was sie empfinden. Wir brauchen mehr Jugendclubs - dafür wurde kürzlich auf dem Alexanderplatz demonstriert. Und wir müssen Jugendlichen das Gefühl geben, dass sie in Berlin eine Perspektive haben - auch wenn sie nicht auf ein Gymnasium gegangen sind.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Abitur und wollten ab Oktober eigentlich in Berlin Wirtschaftsmathematik studieren. Was wird aus den Plänen?

Graf: Ich bin jetzt nicht mehr irgendeine 19-jährige Jugendliche, die feiern geht und sich komplett um ihr Studium kümmern kann. Ich möchte mein Studium aber auch nicht auf Eis legen. Wir Piraten brauchen kompetente Mitglieder, die sich mit Wirtschaft auskennen. Ich zähle mich dazu und dafür muss ich an die Hochschule. Wie viel ich tatsächlich studieren kann, muss ich sehen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Partei gilt als Männerverein, auf der Landesliste der Piraten waren Sie die einzige Frau. Warum ist das so?

Graf: Ich finde es schade, dass darauf so viel Wert gelegt wird. Auch ich hätte gern mehr Frauen auf der Liste gehabt, aber viele Mitstreiterinnen haben sich von sich aus dagegen entschieden, zu kandidieren. Immerhin haben wir 100 Prozent unserer Frauen auf der Liste ins Abgeordnetenhaus bekommen. (lacht) Mich stört das nicht - auch in meiner Schulklasse war ich eins von zwei Mädchen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben eine Ausbildung zur technischen Assistentin für Datenverarbeitungstechnik gemacht. Nehmen die Piraten nur Nerds in den inneren Kreis auf?

Graf: Nein, man muss kein Nerd sein. Es reicht aus, zu wissen, wie ein Computer angeht und wie man eine Maus und eine Tastatur bedient. Mehr braucht es nicht.

Das Interview führte Frauke Lüpke-Narberhaus

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insgesamt 330 Beiträge
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1. Übel
Panasonic 20.09.2011
Mehr Jugendclubs brauhct Berlin, soso. Was mich noch stärker erstaunt: Die Neunzehnjährige glaubt, man würde auf der Uni lernen wie "Wirtschaft" funktionier. Das ist doch genau das Grundübel, wir haben nur noch Berufspolitiker, die nicht verstehen wie das Leben funktioniert. Naives Ding, wird sich noch wundern.
2. Ach Gottchen!
bienenstecher 20.09.2011
Ist die aber schön! Vor allem so jung! Ganz wichtig ist aber immer, dass die Frau arisches Blut hat und nicht aussieht, wie eine Asiatin! Wenn Sie Rösler heißt und aus Vietnam stammen würde, wäre das mit der Karriere nicht so einfach, gelle! Und wenn Sie dann auch noch gegen den Mainstream dieser Zeit anschwimmen würde, euroskeptisch wäre und sich gegen das linksliberale Monstrum in der Gesellschaft ankämpfen würde, dann wäre es nämlich aus mit ihr, gelle?
3. Meinen ganz ehrlichen Glückwunsch
einfachgerecht 20.09.2011
Ich kann nur aus vollem Herz gratulieren und die etablierten Parteien werden noch aufwachen. Bei den sind noch Idealisten die sich für die Bürger einsetzen und nicht wie bei den anderen Volksvertetern diese selbstherrlichen Gockel die uns Bürger nur als notwendiges zahlendes Übel sehen. Ich bin begeistert , endlich wieder eine Partei , die ich wählen kann und auch werde. Und ich bin keine 20 mehr, aber fühle mich einfach nicht durch die etablierten Parteien vertreten und freue mich auf den neuen Wind. Ich wünsche den Piraten viel Glück und in meinem Bekanntenkreis ( zwischen 20-60) werden jetzt auch immer mehr aufmerksam, denn der normale Bürger ist gefrustet!!! Wir wollen alle mehr Mitspracherecht, nicht nur die Jugendlichen!!!
4. Mal wieder typisch...
Charlie Whiting 20.09.2011
...von den "Etablierten". Anstatt zu kapieren, dass es die Unzufriedenheit der Wähler ist, die anderen Parteien eine Chance gibt, wird sofort auf den Neuen rumgehackt. Das hat schon damals bei den Grünen nicht funktioniert. Es sind halt nicht alle Wähler blöd, und wer Politik am Bürger vorbei macht wird irgendwann abgestraft. Also bitte vor der eigenen Tür kehren. Da gibt es genug zu tun. Ich jedenfalls freue mich, wenn junge engagierte Menschen in der Politik was verändern bzw. verbessern wollen und können.
5. Süß
ttx 20.09.2011
Zitat von sysopIn Berlin zieht die Piratenpartei*erstmals in ein Landesparlament ein - unter den 15*Abgeordneten ist nur eine*Frau: die 19-jährige Susanne Graf. Im Interview erzählt sie, wie es ist, allein unter Männern zu sein, und wie viel Computerwissen ein Pirat braucht. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,787114,00.html
Mit 19 ins Abgeordnetenhaus. Na Prost Mahlzeit. Wo finden eigentlich die Fraktionssitzungen statt? Bei Ronald McDonald?
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Zur Person
  • Susanne Graf, 19, ist gebürtige Berlinerin und wird ab Ende Oktober für die Piraten im Berliner Abgeordnetenhaus sitzen. Sie engagierte sich im Chaos Computer Club, trat im Juli 2009 den Piraten bei und ist seit Oktober 2010 stellvertretende Bundesvorsitzende der Jungen Piraten. Im Frühjahr machte sie in Mühlhausen in Thüringen ihr Abitur, im Sommer schrieb sie sich an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin für ein Wirtschaftsmathematik-Studium ein.

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