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Meine Jugend in Sachsen: "Klassenkameraden reckten den Arm zum Hitlergruß"

Polizeiaufgebot bei Krawallen in Heidenau (21. August): Nobody cares Zur Großansicht
AP/dpa

Polizeiaufgebot bei Krawallen in Heidenau (21. August): Nobody cares

Alle Jugendklubs sind in Nazi-Hand, die Brüder der Freundinnen sind Faschos, die Polizei kommt gern zu spät: Elisa Gutsche, 30, ist nur wenige Kilometer von Heidenau entfernt aufgewachsen - und erlebte als Jugendliche ständig rechte Gewalt.

Zur Person
  • Elisa Gutsche
    Elisa Gutsche, Jahrgang 1985, hat ihre Kindheit und Jugend in Pirna verbracht. 2005 zog sie nach Heidelberg, um Jura zu studieren. Nach dem Staatsexamen in Köln absolvierte sie ein Politik-Masterstudium an der Freien Universität Berlin und arbeitete als Referentin für die SPD-Bundestagsfraktion. Seit 2014 ist Gutsche Politikberaterin in Berlin.
Heidenau. Das ist wenige Kilometer von meinem Zuhause entfernt, dem Ort, an dem ich aufgewachsen bin und in dem mein Elternhaus liegt.

Wie viele andere war ich erschrocken und wütend, als ich die ersten Bilder und Berichte aus Heidenau sah. Was dann jedoch folgte und bis eben anhielt, war die absolute Sprachlosigkeit. Sprachlosigkeit, weil mir alles so vertraut vorkommt, weil ich den Ort ja kenne, aber auch, weil die Stimmung, die rassistischen Einstellungen, die Ablehnung von allem Fremden und Neuen sowie die rechten menschenfeindlichen Spannungen in mir vor allem die eigene Erinnerungen an meine Jugend in Pirna wecken.

Pirna, eine 40.000-Einwohner-Stadt, das "Tor zur Sächsischen Schweiz", grenzt direkt an Heidenau, und ich wette, dass die große Mehrheit der "besorgten Bürger" aus Pirna kam und kommt.

Klassenkameraden machen den Hitlergruß

Das erste Mal wurde ich bewusst mit "Rechts-Sein" in der sechsten oder siebten Klasse konfrontiert. Zwei Klassenkameraden reckten den Arm stolz zum Hitlergruß, aber nur, wenn die Lehrerin nicht hinschaute. Beide verließen das Gymnasium irgendwann und wechselten auf eine der vielen Mittelschulen, von denen es immer hieß, dass sie mit Neonazis nur so durchsetzt seien.

Wenn ich meine Freundinnen damals daheim besuchte, war es nicht selten der Fall, dass einer der großen Brüder ein Fascho war. War halt so. Was soll's? Auf den Dörfern rund um Pirna und Heidenau waren (und sind?) alle Jugendklubs in der Hand von Neonazis. Nobody cares.

Ich kann mich an Nächte erinnern, in denen wir (Kids, die keine Nazis waren) einfach an den Elbwiesen abhängen wollten, den billigen Tankstellen-Sangria in der Hand, wir uns aber nicht treffen konnten, ohne von Nazis quer durch die Stadt gejagt zu werden. Normalität in Sachsen.

Alle wissen es, alle gucken weg

Mir kamen in den vergangenen Tagen auch unzählige Geschichten von Freundinnen und Freunden in den Sinn: ein Freund, dem Nazis wegen seiner "linken Klamotten" das Bein gebrochen hatten; ein anderer Freund, dem - ebenfalls wegen seines erkennbaren Nicht-rechts-Seins - die Nase gebrochen wurde. Zwei hielten ihn fest, ein Dritter schlug zu. Ein anderer Bekannter, der im Alter von 14 Jahren ebenfalls von Faschos zusammengeprügelt wurde. Eine Freundin, die 2008 ihren Mann nicht mit zum Stadtfest nach Pirna nahm, da er persischer Abstammung ist und das Stadtfest fest in der Hand von rotzevollen Nazi-Proleten ist. Beim Pirnaer Stadtfest gibt es jedes Jahr ein Zelt, das bis zum Bersten voll mit Thor-Steinar-Nazis ist. Alle wissen es, alle gucken weg.

Mein damaliger Freund wurde mit seinem Auto von Nazis quer über die Landstraßen verfolgt, bis sie ihn irgendwann zum Anhalten nötigten, die Straße versperrten und die Scheibenwischer am Auto seiner Mutter abbrachen. Zum Glück hatten sie keine Baseballschläger dabei.

Ostern 2002 waren wir mit einer größeren Gruppe und unserem amerikanischen Austauschschüler an einem See - unter freiem Himmel campen. Irgendwann nachts kam eine Truppe Nazis und hat angefangen, uns blöd anzumachen, die Stimmung war ohne Ende aggressiv, und es hat nur ein kleiner Funke gefehlt. Ich rief die Polizei, die erst nach mehreren Anrufen reagierte und dann jemanden vorbeischickte. Natürlich waren die Faschos dann schon weg. Und statt sich mit ihnen auseinanderzusetzen, fingen die Polizisten an, unsere Fahrräder zu kontrollieren. Sächsische Zustände.

Ich habe es einfach nicht mehr ertragen

Ende der Neunziger- und Anfang der Nullerjahre fand in Pirna regelmäßig eine Party statt, die sich mehr oder weniger an alle gerichtet hat, die keine Faschos waren - die Cannabeat. Oft sind wir nachts nach Hause gegangen und haben hinter jeder Ecke Nazis vermutet, teilweise sind die an den Abenden der Party sogar durch den Ort patrouilliert, um gezielt linke Kids zu jagen. The cops did not care. Das war wohlgemerkt, nachdem die SSS (Skinheads Sächsische Schweiz, eine terroristische Vereinigung) aufgeflogen waren.

Was am Wochenende in Heidenau passiert ist, ist bei Weitem nichts Neues, sondern seit 20 Jahren gelebte sächsische Kleinstadtrealität. Vielleicht war das unterbewusst auch einer meiner Gründe, der Gegend den Rücken zu kehren. Ich habe es einfach nicht mehr ertragen, die schlechte Stimmung, die Abschottung gegen alles Neue und Andere, die Verbitterung über den Fall der Mauer, der Wunsch nach der Rückkehr zur Vergangenheit, der fehlende Wille, eine Zukunft zu gestalten.

Ich bin gerade auch ratlos darüber, wie man diese Situation nachhaltig verbessern kann, dass auch Sachsen ein Ort wird, wo es zumindest so etwas wie Toleranz gibt - und damit meine ich nicht Toleranz für Intoleranz.

Und damit nicht alle nur von Merkel, Gabriel und den Äußerungen unserer Eliten sprechen, hier ein Link zur Spendenseite der Aktion Zivilcourage, die sich für die Geflüchteten in Heidenau einsetzt und seit mehr als 15 Jahren versucht, dem rechten Spuk Einhalt zu gebieten.

Dieser Text ist zuerst bei Edition F erschienen.

Im Video: Pöbelei bei Merkel-Besuch in Heidenau

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 358 Beiträge
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1. Danke!
siebke 26.08.2015
Für mich, die im "Westen geboren und auch lebt" ist dieser Artikel unfassbar. Aber er erklärt EINIGES.....da dort ein tiefer brauner Sumpf lebt und nicht ausgetrocknet wird. Es wurde von oberster Stelle weggeschaut, nur so kann sich diese "DENKEN" entwickeln. Der Satz von Frau Gutsche sagt viel:Die Abschottung gegen alles Neue und Andere.......der fehlende Wille eine..(eigende) Zukunft zu gestallten. Sagt,für mich, Alles, danke für Ihre klare Ausage!!
2. Das in der ehemaligen DDR?
galder_wetterwachs 26.08.2015
Ich dachte immer, so etwas gäbe es da nicht. ( Wenn man der Sendung "Der schwarze Kanal" glauben kann ;), gabs sowas nur im Westen.)
3.
Das Pferd 26.08.2015
puh Ich hab ja schon mein Problem mit dem Osten. Bin 20 Jahre älter als die Autorin, auch in meinen Jugenderinnerungen kommen Rechte vor, die zuweilen den Ton in den Kneipen angaben. Aber sächsische Schweiz, so ein wunderschönes Flecken Erde, ist wohl noch erheblich brauner. Irgendwie sind die Sachsen (manche jedenfalls) immer 150%ig.
4. Genauso ist es
blödföhn 26.08.2015
die hab ich ja alles nicht gewusst Mentalität wirkt auch hier noch ... Man muss es ja schon als Erfolg werten wenn rechts motivierte Straftaten neuerdings auch als solche gezählt werden.
5. Moment
mistermike85 26.08.2015
so fertig gelacht. also ich bin im Westen aufgewachsen und bei mir in der Schule gab's auch ab und zu mal den rechten Arm zu sehen. Skandal.
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