Von Carola Padtberg
Bis in die neunziger Jahre war Emo in erster Linie eine Bezeichnung für eine Spielart des amerikanischen Hardcore. Vor allem die US-Band Rites of Spring mit dem Sänger Guy Picciotto wollte der aggressiver werdenden Spielart dieser Rockmusik mehr Gefühl entgegensetzen. So entstand der Begriff Emotional Hardcore. Mit dem neuen Jahrtausend verbanden auch andere Bands Emo-Elemente mit ihrem Stil - es entstanden die Richtungen Emopop, Emorock, Emocore. Heute sind Bands wie Funeral for a Friend, Fall Out Boy und My Chemical Romance in der Szene beliebt.
Doch anders als bei älteren Jugendkulturen steht Musik nicht im Mittelpunkt der Bewegung. Aus dem Musikstil wurde eine Mode und eine Einstellung, die Gefühle und Weltschmerz offensiv zur Schau stellt. "Das heißt nicht, dass wir den ganzen Tag rumheulen oder uns ritzen", widerspricht Matthias Neuser den gängigen Emo-Klischees. "Aber man muss sich doch mit seinen Gefühlen auseinandersetzen, sonst staut sich so ein großes Gefühlschaos an, dass man erst recht nicht weiß, was man machen soll."
Dass die Szene vieler Anfeindungen zum Trotz einen großen Zulauf hat, liegt nicht zuletzt daran, dass sie auf die Bedürfnisse Pubertierender zugeschnitten ist: Hier darf man noch Kind sein, sich einsam und unverstanden fühlen, alles doof finden. Deshalb sind Emos selten über 20 Jahre alt. Diejenigen, die dem Stil länger treu bleiben, diskutieren in Foren, ob "Emo mit 20+" überhaupt geht, und grenzen sich von den "Emo-Kiddies" und "Möchtegerns" ab.
"Jeder wird so akzeptiert, wie er ist"
Auf der Emo-Plattform "Emostar" werden diese Themen neben Styling-Fragen am eifrigsten besprochen. Außerdem brummt der Bücher-Thread: Emos sind belesen, "viele sind Gymnasiasten und kommen aus einer akademischen Mittelschicht", weiß Forscher Engelmann.
Mit ihrer gefühligen, in sich gekehrten Art und ihrer Offenheit wirken die Emos auch anziehend auf Jugendliche, die auf der Suche nach sexueller Identität sind. Beschimpfungen wie "Emo is fucking gay" beziehen sich zwar in erster Linie auf das Äußere. Doch "viele sind bi- oder homosexuell", sagt Mischa Zaugg, 18, aus Seon in der Schweiz. Seit zwei Jahren trifft er sich mit anderen Emos am Zürcher Hauptbahnhof. "Schwulsein hat nichts mit Emo zu tun. Dass viele in die Szene kommen, liegt daran, dass bei uns jeder so akzeptiert wird, wie er ist."
Bei den Emos fällt es leicht, dazuzugehören. Denn anders als unter Skatern oder im HipHop müssen sich Emos nicht erst beweisen, um aufgenommen zu werden. "Ich war schon immer ein nachdenklicher, künstlerischer Mensch und wollte meine Gefühle zeigen", sagt die angehende Zahnarztassistentin Marion Stenger, die von Wien aus den Blog Kawaii-web.com betreibt, "somit war ich schon immer irgendwie Emo, auch wenn ich lange mit dieser Bezeichnung nichts anfangen konnte." Viele Emos finden erst im Internet Gleichgesinnte. "Im Netz sind alle viel offener, später trifft man sich dann auch im echten Leben", sagt die 20-Jährige. Auch ihren Freund, einen Emo aus Bremen, hat Marion in einem Forum kennen gelernt.
"Pain" wie geritzt im Dekolleté
Sie arbeitet aktiv in der Szene: Marion organisiert Emo-Treffen und betreibt ein kleines Modelabel, sie stellt Manga-Zeichnungen, Make-up-Anleitungen und dramatisch inszenierte Selbstporträts ins Netz. Auf einem Bild trägt sie eine schwarze Perücke, die ihre Augen verdeckt, und hat sich mit rotem Filzstift das Wort "Pain" auf das tief ausgeschnittene Dekolleté geschrieben - die Buchstaben sehen aus, als seien sie in die Haut geritzt.
"Leute mit autoaggressivem Verhalten fühlen sich zur Emo-Szene hingezogen. Ich will, dass die Menschen darüber nachdenken, wieso das so ist", sagt Marion. Wissenschaftler Engelmann erklärt dazu: "Natürlich ist es ein Vorurteil, dass sich alle Emos selbst verstümmeln. Gleichzeitig bietet die Szene Jugendlichen mit psychischen Problemen ein Umfeld, das sie nicht ausgrenzt."
In Foren diskutiert Marion außerdem, wie sich die Emo-Szene in den letzten Jahren verändert hat. Ein Prozess, der in jeder Jugendkultur irgendwann stattfindet: Die Pioniere von einst machen sich Gedanken über den theoretischen Unterbau ihrer Subkultur. "Ich glaube, keine andere Kultur hat sich so verändert", schrieb Nutzer "Chibi-Dude" im Januar 2010. Und erhielt von "Glückskind" die Antwort: "Vermutlich hat jeder Emo seine ganz eigene Definition, was Emo für ihn ist. Alle haben Recht, aber keiner will das einsehen."
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