Jugendkultur Emo: Entdeck das Mädchen in dir

Von Carola Padtberg

Sie tragen lange Haare, schminken sich, zeigen Gefühle. Die düster-kitschigen Emos sind die erste Jugendszene, in der sich Jungs an Mädchen anpassen. Sie stellen das Rollenmodell auf den Kopf, ernten dafür Spott und Unverständnis - und manchmal Schläge.

Emo-Jugendszene: Im Rausch der Gefühle
Fotos

Jungs wie Pascal Birkle erfüllen alles, was vom modernen Mann so gefordert wird. "Gefühle sind mir sehr wichtig", sagt der 17-Jährige, "das drücke ich auch in meinen Gedichten aus. Oder wenn ich singe." Er achtet auf seine Kleidung und trägt am liebsten Schwarz. Sein langer Pony fällt über ein Auge, das andere blickt empfindsam in die Welt. Manchmal sagen seine Mitschüler an seinem Gymnasium in der Nähe von Freiburg "Du bist krank" oder "Geh zum Friseur". Dann bedauert Pascal sie für ihre Engstirnigkeit. "Die sind einfach verklemmt. Ich rede aber lieber, als dass ich gleich draufhaue."

Pascal suchte Gleichgesinnte und fand sie bei einem "Emotreff" am Freiburger Hauptbahnhof. Wie in vielen anderen Städten versammeln sich dort regelmäßig Teenager, die schräg aussehen und vor allem ein Anliegen haben: ihre Gefühle auszuleben.

Sie kleiden sich oft in Schwarz, schminken sich blass und die Augen dunkel, sind aber keine Gothics.

Sie hören Hardcore und binden sich Nietengürtel um, sind aber keine Punks.

Sie tragen Vans, sind aber keine Skater.

Sie mögen Comicfiguren, wollen aber nicht mit Anhängern des Visual Kei verwechselt werden.

Es gibt sie schon seit ein paar Jahren, doch weil sie ihren Stil aus anderen Jugendbewegungen zusammenpuzzelten, wird Emo, im Unterschied zu HipHop oder Punk, als eigenständige Jugendkultur von anderen Szenen oft nicht anerkannt. Dabei haben die Emos auf einer anderen Ebene die Popgeschichte revolutioniert: "Emo ist die erste Jugendkultur, in der sich die Jungs an die Mädchen anpassen. Die Emos stellen das Rollenmodell auf den Kopf", sagt der Kulturwissenschaftler Jonas Engelmann, 31, der gerade das Buch "Emo. Porträt einer Szene" herausgebracht hat.

"Ich muss täglich Haare glätten"

Dass sich Teenie-Mädchen gern mit Klamotten und Schminke beschäftigen, ist nicht neu - jetzt aber stehen auch Jungs zu ihrer Eitelkeit. Sie schminken sich die Augen mit dunklem Kajal, lackieren die Fingernägel und geben sich in Internetforen Tipps, wie man durch zu viel Haarspray strapazierte Haare retten kann. Sie reden über Gefühle und trauen sich, auch mal zu weinen. Sie tragen Röhrenjeans, viel Schmuck und Sternchen-Tattoos, besonders beliebt sind "Snakebites", Piercings in beiden Winkeln der Unterlippe.

Die Emo-Szene
Die Wurzeln der Jugendkultur Emo, die Musik und das Outfit - ein kleiner Überblick:

Matthias Neuser, 21, aus Siegen wurde Emo, weil er den "Stil und die Frisuren schon immer schön fand, und allmählich haben sich die Piercings angesammelt". Heute muss er sich "fast täglich die Haare glätten", damit sie in der gewünschten Form ins Gesicht fallen.

Matthias arbeitet als Elektriker, abends holt er in der Abendschule das Abitur nach. "Dazwischen habe ich 45 bis 60 Minuten Zeit, mich fertig zu machen. Das reicht gerade so, damit ich nicht so abgefuckt aussehe." Buchautor Engelmann erklärt: "Emos verweigern sich den gesellschaftlichen und ästhetischen Normen. Dabei ziehen sie allerdings viel Hass auf sich."

Unzählige Emo-Witze und Beschimpfungen

Für ihr Bekenntnis zum Gefühl und ihren androgynen Stil ernten Pascal und Matthias oft Spott und Verachtung. Bei YouTube und auf nur zu diesem Zweck eingerichteten Web-Seiten werden Emos beinahe so häufig verhöhnt wie einst Ostfriesen, Blondinen oder Manta-Fahrer. Sie bekommen virtuelle Morddrohungen, werden als schwach und schwul beschimpft, als verweichlichte Mittelschichtkinder ausgelacht.

Es gibt kaum einen Ort, an dem Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit so offen ausgelebt wird, wie die Schule. Als "Schwuchtel", "schwul" oder "Tunte" beschimpft zu werden, das geht auf den Pausenhöfen ganz schnell. Besonders die 14- bis 20-jährigen Jungs gelten in den Augen von Anhängern anderer, von demonstrativ breitbeiniger Männlichkeit dominierter Jugendszenen als "schwule" Heulsusen, die keine Freunde haben und sich regelmäßig die Arme aufritzen.

"Durch die Emo-Bewegung werden klassische Geschlechterrollen aufgelöst", sagt auch der Berliner Jugendforscher Marc Calmbach. "Alle reden vom neuen Mann, doch jetzt, wo Jungs eine neue, weiche Männlichkeit nach außen tragen, werden sie sofort sozial sanktioniert." Auch Tokio-Hotel-Sänger Bill Kaulitz, der mit seinem androgynen, schmächtigen Äußeren der Emo-Kultur ähnelt, polarisiert auf ähnliche Weise.

Wenn Matthias Neuser durch die Stadt geht, hört er oft "Iiih, ein Emo"; einmal wurde er verprügelt. In Mexiko taten sich gar im April 2008 etwa tausend Punks zusammen, um Emos aus der Stadt zu jagen. Der Berliner Rapper Gin Tonik tönte zur gleichen Zeit in seinem "Emo-Diss-Song": "Du wünschst dir den Tod, den wünsch ich dir auch."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
Auf anderen Social Networks teilen
  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
insgesamt 181 Beiträge
benny.lindström 11.03.2010
Spiegel: du bist Jahre zu spät! Emo & Emocore waren vorsätzlich um das Jahr 2004 rum 'Scene'. Mittlerweile ist Emo das geworden was früher als ich noch Teeny war die 12 jährigen Kiddiepunks mit Toten Hosen Shirts waren. [...]
Zitat von sysopSie tragen lange Haare, schminken sich, zeigen Gefühle. Die düster-kitschigen Emos sind die erste Jugendszene, in der sich Jungs an Mädchen anpassen. Sie stellen das Rollenmodell auf den Kopf, ernten dafür Spott und Unverständnis - und manchmal Schläge. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,676835,00.html
Spiegel: du bist Jahre zu spät! Emo & Emocore waren vorsätzlich um das Jahr 2004 rum 'Scene'. Mittlerweile ist Emo das geworden was früher als ich noch Teeny war die 12 jährigen Kiddiepunks mit Toten Hosen Shirts waren. Emo an sich hat mit dem Ursprung aus Punk und Hardcore und der großen Bewegung die Anfang der 2000er aus den Staaten rübergeschappt ist nichts mehr zu tun, der Begriff ist entartet und entfremdet worden.
Quagmyre 11.03.2010
Das sind die abartigen Auswüchse des jahrelangen Gender-Mainstreamings und der allfälligen "Frauen sind besser"-Tiraden von Politik und Medien.
Zitat von sysopSie tragen lange Haare, schminken sich, zeigen Gefühle. Die düster-kitschigen Emos sind die erste Jugendszene, in der sich Jungs an Mädchen anpassen. Sie stellen das Rollenmodell auf den Kopf, ernten dafür Spott und Unverständnis - und manchmal Schläge. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,676835,00.html
Das sind die abartigen Auswüchse des jahrelangen Gender-Mainstreamings und der allfälligen "Frauen sind besser"-Tiraden von Politik und Medien.
Grundsätzlich: AAAAAAAlt... Die Jugend wird halt feminisiert und das eigentlich Schlimme ist, dass diese Jungen niemals Frauen bekommen werden, da eben doch etwas anderes gefordert wird als die männliche beste Freundin zu sein. [...]
Grundsätzlich: AAAAAAAlt... Die Jugend wird halt feminisiert und das eigentlich Schlimme ist, dass diese Jungen niemals Frauen bekommen werden, da eben doch etwas anderes gefordert wird als die männliche beste Freundin zu sein. Aber ansonsten ist es beispielhaft für den feminisierten, pazifierten und wohlstandsverwöhnten "Weissen Mann". Peinlich...
H. Hipper 11.03.2010
Was ist Marc Calmbach denn für ein "Jugendforscher"? Selbstverständlich ist ist "Emo" keinesfalls die erste Jugendbewegung, welche mit den klassischen Rollenmodellen spielt und diese (in Richtung Androgynität [...]
Was ist Marc Calmbach denn für ein "Jugendforscher"? Selbstverständlich ist ist "Emo" keinesfalls die erste Jugendbewegung, welche mit den klassischen Rollenmodellen spielt und diese (in Richtung Androgynität oder Feminität) stellenweise auflöst. Wie in dem Artikel ganz richtig geschrieben wird, besteht Emo ja im Prinzip aus den Versatzstücken anderer Jugendkulturen. So gab es in den früher 80er Jahren bereits (u.a.) die "New Romantics" (aka "Blitz Kids") bei denen die Jungs ebenfalls durch aufwendiges Styling und die Verwendung von Make Up aufgefallen sind. Ich denke drastischer als "Boy George" hat bis heute kein Mainstream-Popstar äußerlich die Geschlechterrollen ad aburdum geführt - nicht mal Bill Kaulitz.
Haio Forler 11.03.2010
Hauptsache, er bringt die übelich "social skills" mit. Dann reichts auch für ein Gespräch ;)))
Zitat von DerUngläubigeThomas84Die Jugend wird halt feminisiert und das eigentlich Schlimme ist, dass diese Jungen niemals Frauen bekommen werden, da eben doch etwas anderes gefordert wird als die männliche beste Freundin zu sein.
Hauptsache, er bringt die übelich "social skills" mit. Dann reichts auch für ein Gespräch ;)))
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
alles aus der Rubrik Leben U21
alles zum Thema Jugendsprache

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Donnerstag, 11.03.2010 – 09:46 Uhr
  • Drucken Versenden Feedback
  • Kommentieren | 181 Kommentare
SPIEGEL-Jugendumfrage
Corbis
Wer bin ich, wie will ich werden? Und was heißt es, heute jung zu sein? Liebe, Schule, Eltern, Träume - SPIEGEL WISSEN schreibt ein ganzes Heft übers Erwachsenwerden. Wenn du zwischen 11 und 18 Jahren alt bist, sag uns zu sieben Fragen, wie du bist und was du willst. mehr...


Buchtipp

Herausgeber: Martin Büsser, Jonas Engelmann, Ingo Rüdiger:
"Emo"
Porträt einer Szene. Abbildungen.

Ventil Verlag; 221 Seiten; 16,90 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen

Social Networks

Entdecken Sie außerdem SchulSPIEGEL auf...




TOP



TOP