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Jugendliche Schläger: "Bestraft sie doch!"

Mit seiner Gang "Araber Boys 21" zog er durch Berlin, klaute, verprügelte andere, bezog Dresche - und ging in den Jugendknast. Heute will Fadi Saad Jugendliche vor dem Absturz bewahren. Im Interview erklärt der Aussteiger, warum er Strafen für Zwölfjährige richtig findet.

SPIEGEL ONLINE: Immer mehr Gewalt-Vorfälle an Schulen, Lehrer werden attackiert. Was ist mit den Jugendlichen los?

Fadi Saad: Das Alter der gewaltbereiten Jugendlichen ist gesunken. Früher haben sie mit 13, 14, 15 Jahren Mist gebaut. Heute sind schon Elf- und Zwölfjährige aggressiv. Die Herkunft spielt eine Rolle, aber das Wesentliche ist die soziale Situation, das beobachte ich auch hier im Kiez von Neukölln. Die Familien: arbeitslos, Hartz-IV-Empfänger. Nach den Ferien erzählen die Kinder, die sich was leisten können, wo sie gewesen sind. Da spielt Neid eine Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Und welche Rolle spielen die Lehrer?

Saad: Sie haben meist keine Schuld. Wie soll sich ein Lehrer in 45 Minuten um 25 Schüler kümmern? Es geht nicht. Es gibt natürlich engagierte Lehrer, die abends mit den Eltern sprechen. Aber die meisten sagen nur: Die Stunde ist bald zu Ende, dann ist es vorbei. Ein anderes Problem ist die Art und Weise, wie die Lehrer mit den Jugendlichen umgehen. Den Lehrern mangelt es oft an interkultureller Kompetenz. Eigentlich sollte es ein gegenseitiges respektvolles Verhältnis geben.

SPIEGEL ONLINE: Warum gibt es das nicht? Der Respekt vor dem Alter ist in der orientalischen Kultur doch noch stärker verankert als in der abendländischen?

Saad: Ja, in unserer Kultur ist der Respekt vor dem Alter viel größer als in Deutschland. Als Lehrer ist man sehr angesehen. Das kann die Schule hier nicht vermitteln, die Autorität fehlt. Ich habe Lehrer erlebt, die einem Schüler im Unterricht sagen: "Wenn du das noch mal tust, fliegst du aus dem Unterricht." Der Junge tut es wieder. Er weiß, der Lehrer setzt sich nicht durch.

SPIEGEL ONLINE: Was müsste er denn tun?

Saad: Ich weiß von mir früher: Wenn ein Lehrer mich ausgeschimpft hat vor der Klasse, bin ich nicht ruhig geblieben. Ich kann ja nicht vor der gesamten Klasse nachgeben. Anschließend habe ich mich beim Lehrer entschuldigt, aber nicht vor der Klasse. Das habe ich versucht, einer Lehrerin zu erklären: Nehmen Sie den Schüler raus aus der Klasse, vor die Tür. Drei, vier kurze Sätze, was nun ist, dann gehen Sie wieder rein. Dann weiß er, dass Sie ihn respektieren. Den Respekt gibt er Ihnen zurück. Und: kein Anschreien. Ich lass mich auch von niemandem anschreien.

SPIEGEL ONLINE: Manche Lehrer bleiben ruhig und versuchen es mit Drohungen.

Saad: Wenn ich einem Schüler drohe, ist das eine der schlimmsten Sachen. Jemand zu sagen: Wehe! Ich warne dich! Dann wehrt man sich. Die Reaktion wird sein: Bestrafe mich doch, aber droh mir nicht.

SPIEGEL ONLINE: Ist diese Art von Stolz unter Arabern und Türken stärker ausgeprägt als bei Deutschen?

Saad: Nein, ich habe das bei Deutschen erlebt wie bei Migranten. Es ist einfach der Stolz, den man als Mensch hat. Man lässt sich nicht anschreien, man lässt sich nicht bedrohen. Vor allem nicht Jugendliche, die ohnehin kein Selbstbewusstsein haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man diesen Jugendlichen helfen?

Saad: Sehen Sie, wenn ich hier eine Veranstaltung machen würde: den Aufbau, Abbau, Saubermachen – das erledigen die Jugendlichen alles selber. Hundert Prozent Verlass. Weil sie eine Aufgabe haben und Anerkennung kriegen. Das sind keine gefährlichen Jungs. Aber wer akzeptiert sie? Ein Beispiel: Einer hat in der U-Bahn einen Fuß auf dem Sitz. Die Reaktion, die ich selber erlebt habe: "Ey, nimm deinen Fuß da runter und mach das in deinem Land." Ja, was erwartet jetzt die Person? Dass ich sage: "Tut mir leid?" Nein, da nehme ich aus Provokation noch das zweite Bein und sage: "Halt die Klappe." Ich würde es anders machen: "Stell dir vor, da kommt einer mit 'ner weißen Hose, wie sieht das dann aus?" Ich versuche, zu erklären, warum man das nicht machen soll.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht leichter, wenn jemand wie Sie das tut? Sie sprechen Arabisch, Sie gehen anders auf die Jugendlichen zu.

Saad: Nein, vielleicht haben sie im ersten Moment mehr Respekt vor mir. Viel hat mit den Erfahrungen zu tun, die sie gemacht haben. Für die Jugendlichen sind Polizisten Rassisten, die mögen keine Ausländer. Aber wann haben sie mit der Polizei zu tun? Nur bei Ausweiskontrollen oder im Straßenverkehr. Aber trinken sie mal mit einem Polizisten Kaffee?

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Gang-Aussteiger Fadi Saad: "Drohungen sind das Schlimmste"
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