Liebe in Zeiten von Facebook: "Du hattest angerufen?"

Facebook hat uns verändert. Vor dem ersten Date wird spioniert und wenn es aus ist, wechselt der Beziehungsstatus, damit jeder weiß: Ich bin zwar traurig, aber wieder zu haben. Im Jugendmagazin "Yaez" erzählen drei Jugendliche, was sie im Netz zeigen - und was lieber nicht.

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Freundschaft und Facebook: In echt? Oder im Netz?
"Du hattest angerufen?" Mit diesem Pinnwandeintrag fing alles an. Den hatte die 16-jährige Lisa ihrer neuen Bekanntschaft, dem 17-jährigen Philipp, nach einem verpassten Anruf auf die Pinnwand gepostet. Dass auch Philipps 16-jährige Freundin Julia mitliest, konnte Lisa nicht ahnen. Auch nicht, dass sich diese später in den Account ihres Freundes einloggen und von dort Lisa Nachrichten schreiben würde, die ihr klar machten, dass Philipp an der gerade erst begonnenen Freundschaft kein Interesse habe. Am Ende haben alle verloren: Philipp ist entsetzt über den Vertrauensbruch seiner Freundin, Lisa enttäuscht über Philipps unerwartete Absage an ihre Freundschaft, und Julia fühlt sich schuldig wegen ihrer übertriebenen Eifersucht.

Facebook und andere soziale Netzwerke haben eine neue Ebene in unsere sozialen Beziehungen gebracht. Das Mitteilungsbedürfnis und die Bereitschaft, Details aus dem Privatleben mit Hunderten von Menschen zu teilen, sind enorm gestiegen. Es ist nach Meinung des Soziologen Prof. Dr. Klaus Hurrelmann genau diese Öffentlichkeit, die in zwischenmenschlichen Beziehungen für Verwirrung sorgen kann. Haben wir früher vom Beginn oder Ende einer Beziehung auf dem "langsamen" Weg über Telefon, E-Mail oder ein persönliches Gespräch erfahren, so haben heutige Medien diesen Prozess stark beschleunigt.

Klatsch, Tratsch oder das heimliche Beschaffen von Informationen über aktuelle Dates gab es zwar schon immer. Doch heute "stalken" wir Menschen online und meinen, sie schon zu kennen, bevor die reale Begegnung überhaupt stattgefunden hat. Auf der anderen Seite hat diese neue Öffentlichkeit natürlich auch Vorteile: Man kann seine Einstellungen und Meinungen kundtun, während man sich von seiner Schokoladenseite zeigt, spannende Leute kennenlernt und nützliche Kontakte knüpft.

Dafür zahlen wir allerdings auch einen hohen Preis, wie die Geschichte von Philipp, Lisa und Julia zeigt. Denn etwas Wichtiges geht uns verloren, wenn wir alles, was uns durch den Kopf geht, unmittelbar und für alle verfügbar machen: Es ist das Geheimnis, oder anders gesagt die Magie und Verbundenheit, die daraus entsteht, dass zwei Menschen ein Geheimnis teilen. Genau hier liegt nach Meinung von Klaus Hurrelmann auch die potentielle Gefahr sozialer Netzwerke: Verlernen wir etwa, das Private vom Öffentlichen zu unterscheiden?

Von außen ist nämlich schwer zu unterscheiden, zu welchen Freunden der Betreffende tatsächlich eine reale Beziehung hat und welche Verbindung eher als "Fernbeziehung" zu verstehen ist, da man sich im Alltag nicht wirklich über den Weg läuft oder sich eventuell sogar gar nicht persönlich kennt. So wie Julia, die von Lisas Post auf eine falsche Fährte gelockt wurde, oder der missverständliche Partyschnappschuss, der in der Beziehung zu Spannungen führt: Wir können die zahlreichen Beziehungen nicht mehr richtig einordnen, es kommt zu Überinterpretation und Eifersucht. Doch eins macht Klaus Hurrelmann ganz klar: "Gute Beziehungen halten so etwas ohne Weiteres aus. Facebook kann nur bei Beziehungen, die ohnehin schon einen schwachen Punkt haben, den Prozess des Auseinanderbrechens beschleunigen."

Die 17-jährige Catharina aus Hamburg findet die öffentliche Zurschaustellungen von Beziehungsglück und -unglück seltsam: "Muss denn wirklich so viel private Kommunikation über Facebook stattfinden? Geht so nicht die Nähe eines persönlichen Gesprächs oder Telefonats verloren?", fragt sich die Abiturientin. "Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass es in einer intimen und vertrauten Beziehung auch geheime, andere ausschließende Bereiche geben muss. Es kann keine intimen und gleichzeitig öffentlichen Beziehungen geben, sonst geht das Vertrauen verloren", sagt auch Klaus Hurrelmann.

Wie also sollen wir mit Facebook, seinem Potential und seinen Risiken umgehen? Üben, üben, üben, lautet die Antwort! Im Laufe der Zeit, in der wir mehr und mehr globale Freunde anhäufen, werden wir lernen, besser zu unterscheiden - zwischen dem großen Kreis an eigentlich "Unbekannten", den Kollegen, dem Freundeskreis, den fünf guten Freunden und der persönlichen Beziehung zu einem ausgewählten Menschen. Wer lernt, reale und virtuelle Beziehungen zu unterscheiden, wird soziale Netzwerke nach seinen Vorstellungen souverän nutzen können. Und den ganz Unbelehrbaren hilft es vielleicht, einfach öfter mal den Computer herunterzufahren, denn Facebook ist und bleibt vor allem eins: eine Webseite. Nicht mehr und nicht weniger.

Tjorven, Daniel und Catharina erzählten dem Jugendmagazin "Yaez", wie Facebook Beziehungen verändert hat. Klicken Sie auf Fotos oder Überschriften zum Weiterlesen...

Tjorven, 17 - "Facebook kann Beziehungen verkomplizieren"

Daniel, 16 - "Einige haben wegen Mädelsgeschichten fünf Accounts"

Catharina, 17 - "Nach der Trennung kommt der Facebook-Rosenkrieg"

Von Anne Ackermann für das Jugendmagazin "Yaez"

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